Leben
26.03.2018

Rabbiner Rosen über Krisen in der Welt: "Den Teufel bekämpfen“

Interreligiöser Dialog. Rabbiner David Rosen sucht das Gespräch zwischen Religionen mit humanistischem Anspruch.

David Rosen ist einer der weltweit prominentesten Akteure für einen engen Dialog verschiedener Religionen als Mittel zur Konfliktlösung.

Der Oberrabbiner gehört dem neunköpfigen Direktorium des König-Abdullah-Zentrums für interreligiösen und interkulturellen Dialog (KAICIID) an, das seit November 2012 den Sitz in Wien hat. Rosen nahm kürzlich an einer Konferenz in Wien teil, bei der eine Plattform für die interreligiöse Zusammenarbeit in der arabischen Welt gegründet wurde.

KURIER: Herr Rosen, warum ist Ihnen der Dialog mit Muslimen so wichtig?

David Rosen: Das Denken in der muslimischen Welt war bisher so ausgerichtet, dass jeder ein Muslim sein sollte, andere haben kein Recht auf ein religiöses Leben. Der Dialog ist mir insofern wichtig, weil er Auswirkungen auf künftige Generationen hat.

Klingt das nicht sehr idealistisch?

Alles hängt von den Erwartungen ab. In der arabisch-muslimischen Welt, in der Tragödien stattfinden, ist jeder Schritt eine Entwicklung nach vorne.

Eine Tragödie findet seit Jahren in Syrien statt. Ändert sich durch den interreligiösen Dialog etwas an der unbeschreiblichen Katastrophe mit bis zu 480.000 Toten und mehr als fünf Millionen Menschen, die aus Syrien fliehen mussten?

In der Tat, es handelt sich um eine Katastrophe. Wir müssen mit humanistischem Anspruch Lösungen suchen, nur damit können wir den Teufel bekämpfen. Das lehren uns alle Religionen. Wir haben die Wahl: Die Dunkelheit zu verfluchen oder eine Kerze anzuzünden.

In vielen Regionen der Welt ist die Religion das Problem und nicht die Lösung. Stimmen Sie dem zu?

Leider ist es so. Dass Gewalt nichts mit Religion zu tun hat, stimmt nicht. Das ist ein Mantra muslimischer Religionsführer. Der Missbrauch der Religion durch Menschen ist das Problem. Viele im Westen sagen, man kann Religion ignorieren. Doch das ist ein Fehler. Die Religion gehört konstruktiv eingesetzt.

Haben Sie dafür ein Beispiel für einen Konflikt, in dem die Religion nicht beachtet wurde?

Dass der Oslo-Friedensprozess (der Prozess begann 1993 und sollte den Nahostkonflikt lösten, Anm.) zur Lösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes gescheitert ist, ist auf Politiker zurückzuführen, die religiöse Führer nicht einbezogen haben.

Was ist Ihre Rolle als Jude im so genannten Saudi-Zentrum?

Ich arbeite für das American Jewish Committee, die älteste jüdische Interessensvertretung. Ich bin als Botschafter jüdischer Anliegen in der Welt engagiert. Ich habe den Oberrabbiner von Israel beraten. Ich diene Israel und der jüdischen Diaspora. Das ist ein doppelter Wert für den KAICIID-Vorstand, in dem es neun Mitglieder gibt: Drei Christen, drei Muslime, ein Vertreter der Hindu, der Buddhisten und ein Jude.

Viele Österreicher sind skeptisch gegenüber dem Zentrum, weil in Saudi Arabien Menschenrechte nicht eingehalten werden. Teilen Sie das?

Man muss hier unterscheiden. Das KAICIID wurde von Österreich, Spanien und dem Vatikan errichtet. Österreich unterstützt das Zentrum nicht ausreichend. Wenn Österreich mehr Einfluss haben möchte, muss es mehr zahlen.

Ist Saudi Arabien nicht sehr weit weit von international gültigen Standards entfernt?

Was erreichen Sie, wenn Sie sagen, ich schütze meine Standards, aber ich will mit Menschen, die nicht so sind, wie ich, nichts zu tun haben. Man muss den Dialog suchen. Die Verhältnisse in Saudi Arabien ändern sich gerade dramatisch. Der Einsatz lohnt sich einfach.

Weltweit nimmt Antisemitismus zu. Wie kann man ihn bekämpfen?

Antisemitismus ist ein Erziehungsproblem. Weil Schüler nichts voneinander wissen, fördert das Stereotype. Auch bei Muslimen ist ein Bildungsproblem feststellbar. Wenn es einen antisemitischen Überfall gibt, sollten Politiker eine Synagoge besuchen. Das verschafft Respekt und Solidarität. Das Böse kann man nur bekämpfen, in dem man Gutes tut.

ZUR PERSON:

David Rosen, ein globaler Vermittler

Geboren 1951 in Newbury. Der britische Rabbiner erhielt seine Ausbildung in UK und Israel. Er diente in den Israelischen Streitkräften, war Rabbiner bei den Truppen im Sinai. 1975 wurde er Rabbiner in Kapstadt, 1979  Oberrabbiner  von  Irland. 1985  kehrte er nach Israel zurück und wurde Professor für Jüdische Studien am Jerusalem Center for Near Eastern Studies.  Seit 1997 Direktor der Anti-Defamation League in Israel.  Weltweit fördert er die Beziehung zwischen Judentum und anderen Religionen.