Leben
31.05.2017

Punk, Grunge, Rave: Das Jahrzehnt der Vielfalt

Der Eiserne Vorhang fiel und es herrschte ein Gefühl von "anything goes": Man nahm sich viel Zeit, um erwachsen zu werden – und drückte es optisch und musikalisch aus.

Mit Nirvana kamen die Gitarren wieder in die Musik zurück, im Fernsehen lief mit "Twin Peaks" eine Serie völlig neuer Machart und der Kalte Krieg war vorbei: Erinnerungen an die 1990er-Jahre unterscheiden sich nur auf den ersten Blick kaum von jenen anderer Generationen. Schließlich hat jede "ihre" Höhepunkte, die das Lebensgefühl prägten.

Etwas unterscheidet diese Jugend aber. Sie kann heute als so etwas wie ein Gegenentwurf zum Lebensgefühl der Gegenwart herhalten, wo wieder Mauern und Zäune gebaut werden sollen, Terroranschläge auch vor Popkonzerten nicht Halt machen und das Studium so schnell wie möglich absolviert wird.

Wie anders, wie frei doch die 90er waren, wird vielen damals Jungen erst heute bewusst: Jahrzehntelange Bedrohungen waren zusammengebrochen – eine Zeit der Veränderung und des Aufbruchs lag vor einem, im positiven Sinn. Zukunftsängste? Fehlanzeige! Die Shell-Jugendstudie formulierte den herrschenden Zeitgeist 1992 als "Schluss mit frustig." Anders gesagt: Die Welt stand einem offen und alles schien möglich. "Man hatte noch viel mehr Möglichkeiten und Freiheiten, sich selbst auszuprobieren und das Leben zu feiern", fasst es Sebastian Lehmann in "Ich war jung und hatte das Geld" zusammen. Der heute 35-jährige deutsche Buchautor und Radio-Kolumnist hat sich in der Tat ausprobiert, und zwar in den verschiedensten Jugendkulturen. Denn auch sie waren ein Spezifikum der 90er-Jugend: Punker, Grufties und andere gab es zwar noch immer. Aber noch nie zuvor war die Vielfalt von Subkulturen, die nebeneinander existierten, größer – und unterschiedlicher.

Neue Bewegungen

Ebenso kamen neue dazu, die bis heute prägend sind: Nirvana’s "Smells like teen spirit" bereitete den Boden für die Grunge-Bewegung (Klischee: lange Haare, Holzfällerhemd) auf und mit dem Aufkommen von Computern etablierte sich überhaupt ein weiterer neuer Musikstil: Techno und Rave-Partys waren laut, schnell (mit mindestens 145 Beats pro Minute) und mechanisch. Umso bunter und fantasievoller war die Partymeute kostümiert: Plüschrucksäcke, bunte Plastikblumen im Haar, Leuchtjacken und Gasmasken waren Kult. Auch hier könnte man eine Lebensphilosophie sehen: Das Leben ist eine Party!

Keine Kämpfe mehr

Warum Jugendkulturen in den 90ern so wichtig waren, erklärte der 1976 geborene deutsche Journalist Jörg Rohleder, heute in der Chefredaktion des Musikexpress, im Magazin The European einmal so: Ideologisch waren damals bereits alle Kämpfe von früheren Generationen ausgefochten. Man habe einfach "Teil einer Jugendbewegung" sein wollen. Dass die Hamburger Band Tocotronic im Jahr 1995 einen Song mit genau diesem Titel veröffentlichte und damit eine Art Hymne dieser Generation schrieb, scheint aus diesem Blickwinkel nur konsequent.

Sich abgrenzen von Elternhaus oder Gleichaltrigen, individuell und trotzdem Teil einer Gruppe sein – das ist für viele Jugendliche enorm wichtig. "Man kann alles, was man durchmacht, in Aussehen und Musik ausdrücken" – so erklärt Sebastian Lehmann, warum gerade junge Menschen sich stark über Gruppen definieren und gemeinsame Identifikationsmerkmale besonders wichtig sind.

Der Unterschied heute: Durch Internet und Social Media kann man Vorbildern leichter folgen. "Wir mussten uns in den 90ern noch mehr bemühen, Teil von etwas zu werden. Heute bekommt man alle Informationen schnell und einfach auf Knopfdruck. Ob es das Schaffen einer Band ist, oder wie sich eine bestimmte Gruppe stylt. Das merkt man auch daran, wie perfekt heute viele Outfits anzuschauen sind." Sein Fazit: "Heute hat man es wahrscheinlich leichter. Aber vielleicht ist es auch weniger lustig." In den 90ern sei vieles einfach noch "unschuldiger" gewesen.

Nur die nostalgische Verklärung eines unfreiwillig erwachsten gewordenen Mittdreißigers? Nein, ist Sebastian Lehmann überzeugt. Er beobachtet aktuelle Jugendtrends mit großem Interesse. Wie sich Jugendliche heute einordnen und welche Erinnerungen sie aus vielen parallel laufenden Möglichkeiten mitnehmen, lasse sich klarerweise nicht vorhersagen. Doch die schnellere Vernetzung habe auch Vorteile. "Egal, ob du am Land oder in der Großstadt aufwächst, du hast heute gleiche Chancen und kannst mit Leuten in anderen Ländern kommunizieren, mit denen du früher nie in Kontakt gekommen wärst. Dafür kann man auch Punk, Emo oder Grunger gleichzeitig sein."

Buchtipp: "Ich war jung und hatte das Geld" von Sebastian Lehmann, Goldmann Verlag, 8,99 Euro

Ashley Dayour, 40, Musiker:

"Die waren so anders als alles, was ich kannte"

Ein Bericht über ein Konzert von "The Cure" im Popmagazin "Popcorn" gab den Weg vor. "Ash" wie sich der gebürtige Mostviertler aus Steinakirchen/Forst heute nennt, war sofort fasziniert: "Ich war 14 und die waren so ganz anders, als alles, was ich kannte. Und dazu ein Mann (Sänger Robert Smith, Anm.), der sich schminkte!" Dass die Musik eher dunkel, nachdenklich und morbid wirkte, tat ihr Übriges. "Ich mochte schon als Kind Horrorfilme."

Der Gothic-Stil war sein Ventil, um "aus dem normalen Leben auszubrechen". In den 90ern ein "Gruftie" zu sein, noch dazu am Land, erforderte einiges an Kreativität. "Man deckte sich auf Flohmärkten ein und bastelte viele Gothic-Outfis selber." Später fuhr er regelmäßig nach Wien, um CD’s in einschlägigen Shops zu kaufen. "Alles im Internet zu bestellen, kam ja erst später." Einen Gleichgesinnten, dem es ähnlich ging, fand er just auf einem örtlichen Feuerwehr-Fest – beide trugen ein Cure-Shirt. "Da gab es plötzlich jemanden, der genauso drauf war."

Irgendwann verlegte Dayour seinen Wohnsitz nach Wien und wurde in der "schwarzen Szene" heimisch. Dem Gothic-Lebensgefühl ist "Ash" in großen Zügen treu geblieben: Seine Band "Whispers in the Shadow" feierte im Vorjahr 20-Jahr-Jubiläum und als Sänger und Gitarrist von einigen weiteren Bands kann er heute von der Musik leben.

Bernd Leutgeb, 42, Gymnasiallehrer:

"Der Plan war, sich als Person selbst zu finden"

In den 90ern war das Fernsehen noch eine bedeutende Quelle: "‚Smells like teen spirit‘ von Nirvana war ein Riesending, das mich und mein Umfeld sehr geprägt hat. Wir haben in den Schulpausen gewartet, bis das Video gespielt wurde." Mit dem ersten Irak-Krieg 1990 war Leutgeb als Schüler "auf einer Ebene konfrontiert, die es zuvor nicht gegeben hatte. Man sah Bomben fliegen, weil Sender wie CNN mitgefilmt hatten."

Der Wechsel zum Studium veränderte den Horizont des gebürtigen Oberösterreichers: "Wenn man aus den Bundesländern nach Wien kam, war das eine Zäsur." Es gab etwa viele nicht-kommerzielle Nischen, sich dort zu treffen, wirkte verbindend. Bands und Musik waren Identifikationsmerkmale. "Ich bin über die Musik in Szenen gekommen, das Outfit war mir nicht so wichtig." Den Trend zu Trainingsjacken und Turnschuhen machte der damalige Britpop-Fan aber mit. Mehr als Kleidung zählte, oft auf kleine Konzerte zu gehen. "Das funktionierte über Mundpropaganda und Flyer."

Als Englisch- und Deutsch-Lehrer hat er naturgemäß viel mit Jugendlichen zu tun und sieht durchaus Unterschiede. "Der Plan war, sich einmal als Person selbst zu finden. Viele meiner Maturanten haben jetzt bereits sehr konkrete Vorstellungen. Auch die Lebensläufe vieler Lehramtspraktikanten sind sehr strukturiert."

Jürgen Schmücking, 49, Food-Journalist:

"Fortgehen hatte nichts mit Clubbings zu tun"

Sich nur einer Gruppe verpflichten, war für den gebürtigen Linzer keine Option. "Ich hatte eine schizophrene Sozialisation." Nach einer Mods-Phase mit Vespa und Parka pendelte er zwischen zwei konträren Lokalen am Linzer Hauptplatz: In einem trafen sich seine Freunde aus der HAK, "die kamen aus dem Milieu der Gewerbetreibenden, spielten Tennis und tranken Sekt". Genau gegenüber traf sich die "aufkeimende linke Szene. Ich wollte in beiden Welten sein und bin von einem Lokal ins andere gependelt".

Aus dieser Zeit stammen seine musikalischen Prägungen. "Ich war eher der Klassiker-Typ: Die ‚Rolling Stones’ waren mir immer wichtig." Mit dem aufkeimenden Techno konnte Schmücking gar nichts anfangen: "Fortgehen hatte für mich nie etwas mit Clubbings zu tun. Mir ging’s ums miteinander Reden." Was die Jugendkulturen von Linz und Wien unterscheidet, lernte Schmücking als Politikwissenschaft-Student kennen. "Es war eine völlig neue Erfahrung, 95 Prozent der Leute beim Fortgehen nicht zu kennen. In Linz war man nie anonym."

Mit seinen Kindern erlebt er heute das Teenager-Leben mit. "Mein 14-jähriger Sohn bewegt sich zum Spielen oft im virtuellen Raum mit fünf, sechs anderen. Sie unterhalten sich auf Deutsch und Englisch und ich denke mir manchmal: Wow, solche Möglichkeiten hätte ich auch gern gehabt."

1990

  • Wiedervereinigung von BRD und DDR
  • Kult-Serie "Twin Peaks" wird ausgestrahlt
  • Queen-Sänger Freddy Mercury stirbt an AIDS

1991

  • Zweiter Golfkrieg
  • Jugoslawien zerfällt: Kroatien, Slowenien, Bosnien-Herzegowina erklären Unabhängigkeit; die Jugoslawienkriege beginnen (1991 bis 1995)
  • Unabhängigkeitserklärungen der baltischen Staaten leiten Zerfall der Sowjetunion (UdSSR) ein

1992

  • Maastricht-Verträge der EU
  • Bill Clinton wird US-Präsident
  • Kultursender ARTE, Musiksender VIVA entstehen
  • "Das Schweigen der Lämmer" gewinnt Oscar
  • Eric Clapton veröffentlicht Album "Unplugged" mit Songs wie "Layla" und "Tears in Heaven"

1993

  • Die Tschechoslowakei löst sich auf, Tschechien und Slowakei entstehen
  • Die Kultfilme "Indien" und "Muttertag" kommen ins Kino

1994

  • Volksabstimmung zum EU-Beitritt in Österreich
  • Apartheid endet in Südafrika, Nelson Mandela wird erster schwarzer Präsident
  • "Schindlers Liste" gewinnt den Oscar
  • Nirvana-Sänger Kurt Cobain begeht mit 27 Jahren Suizid
  • Die Anfang der 90er entstandene Musikrichtung "Eurodance" (bzw. "Dancefloor", Bands: Snap!, DJ Bobo…) erlebt ihren Höhepunkt
  • Rennfahrer Michael Schumacher wird in Adelaide erstmals Formel Eins-Weltmeister
  • Ayrton Senna, dreimaliger Formel Eins-Weltmeister, stirbt beim Rennen in Imola

1995

  • Osloer Friedensabkommen Israel – PLO
  • EU-Beitritt von Österreich, Schweden und Finnland
  • Massaker in Srebrenica: 8000 Bosniaken werden getötet, die NATO greift in den Jugoslawienkrieg ein
  • "Forrest Gump" gewinnt den Oscar

1996

  • Klon-Schaf Dolly kommt zur Welt
  • DVD wird eingeführt
  • Rapper Tupac Shakur wird erschossen
  • Sommerhit "Macarena" (Los Del Rios)
  • "Trainspotting" kommt ins Kino
  • Rapid erreicht Europacup-Finale
  • Skandal um den Kinderschänder Marc Dutroux erschüttert Belgien

1997

  • Prinzessin Diana stirbt bei einem Autounfall in Paris
  • SMS-Kommunikation wird populär
  • INXS-Frontmann Michael Hutchence begeht Selbstmord
  • Wahlsieg von Tony Blair (GB)

1998

  • Helmut Khol (CDU) tritt nach 16 Jahren als deutscher Kanzler ab. Gerhard Schröder (SPD) folgt
  • Lewinsky-Affäre mit seiner Praktikantin Monica Lewinsky bringt Bill Clinton in Bedrängnis
  • "Titanic" gewinnt den Oscar
  • Windows 98 kommt auf den Markt
  • Musiktauschbörse Napster wird bekannt

1999

  • Der Euro wird in der EU als Buchgeld eingeführt
  • Jörg Haider wird Landeshauptmann in Kärnten, FPÖ landet bei den Nationalratswahlen auf dem zweiten Platz
  • Boris Jelzin tritt als russischer Präsident zurück, Wladimir Putin folgt
  • Sommerhit "Mambo No 5" (Lou Bega)