Leben
18.04.2018

Psychologe: So verändern Unternehmen ihre Mitarbeiter kaputt

In Zeiten der Digitalisierung sollen Mitarbeiter immer flexibler sein. Was das mit unserer Psyche macht.

Eigentlich wollte Axel Koch das Buch mit dem provokanten Titel „Change mich am Arsch“ bereits vor sechs Jahren schreiben: Dem Psychologen fiel damals schon auf, wie sehr die Menschen unter den ständigen Veränderungsprozessen in den Unternehmen leiden. Heute sagt er: „Gut, dass ich mit dem Buch gewartet habe. Denn jetzt ist das Problem noch viel virulenter.“

Ein Blick in die Statistik bestätigt seine These, dass sich das Rad in den Firmen immer schneller dreht: „Manager wechseln immer häufiger – früher alle fünf bis sechs Jahre, heute alle zwei bis drei Jahre. Jeder Chef bringt neue Ideen mit, die er auch sofort umsetzen will. Das löst bei den Mitarbeitern naturgemäß Stress aus.“

Denn von ihnen werde nichts anderes verlangt, als ihre Gewohnheiten zu ändern: „Wie schwierig das ist, weiß jeder, der schon einmal versucht hat, einen Neujahrsvorsatz auch in die Tat umzusetzen“, erzählt der Arbeitspsychologe Koch.

Aus der Neurowissenschaft wisse man, warum wir uns mit Verhaltensänderungen so schwer tun: „Eine Gewohnheit ist wie eine Datenautobahn im Gehirn. Baue ich eine neue Auffahrt, braucht es viel Arbeit und Energie. Das ist also sehr anstrengend. Doch leider wird in Firmen oft so getan, als ob Änderungen mit einem Schnipp passieren.“

Buchhalter am Telefon

Da wird zum Beispiel der menschenscheue Buchhalter aufgrund einer Umstrukturierung ins Kundenbetreuungscenter gesteckt, wo er ständig am Telefon sitzen muss. Oder der Abteilungsleiter soll nach zwanzig Jahren nicht mehr autoritär, sondern demokratisch führen. Das allein ist für viele schon eine große Herausforderung. Doch mit einer einzigen Neuerung ist es meist nicht getan: „Es herrscht die Haltung vor, dass man schnell und viel verändern muss.“ Potenzierter Stress also.

Die Menschen reagieren auf diese Veränderungen höchst unterschiedlich: „Die einen werden frustriert, demotiviert oder auch krank. „Die anderen, die an sich glauben, wechseln das Unternehmen. Auch die Jungen gehen häufiger, während sich die Generation 50plus meist zwei Mal überlegt, bevor sie kündigt.“

Was rät Koch, der selbst schon zu den Älteren gehört, in diesen Situationen? „Man merkt doch selbst, wenn es kippt und man handeln muss. Wenn der goldene Käfig aus Pensionsansprüchen und sicherem Job nicht mehr haltbar ist, weil man kaputt geht.“

Das Tragische: „Wenn das Veränderungstempo steigt und vor keiner Branche haltmacht, kann man nicht so eben entfliehen. Wenn es überall so abgeht, bin ich überall im Zentrum des Taifuns. Da stellt sich die Frage: Gibt es in der Situation eine Schutzkleidung oder muss ich damit leben, kaputtzugehen?“

Das Heft in der Hand

Kochs Botschaft an Manager: „Denken Sie um. „Wie viel Neues muss sein? Wie viel halten Menschen aus?“ Doch Chefs seien oft im Panikmodus, weil sie auf die Veränderungen durch die Digitalisierung schnell reagieren wollen. „Dabei ist das Tempo oft gar nicht nötig. Ein Beispiel: Vom Zeitpunkt, als die erste Internetapotheke eröffnet hat, bis sich das Konzept durchgesetzt hat, dauerte es insgesamt 15 Jahre.“ Auch für die Mitarbeiter hat er einen Rat: „Werden Sie aktiv. Nehmen Sie das Gefühl nicht hin, kaputtzugehen und sehen Sie sich nach Optionen um. Gehen Sie zum Betriebsrat, zu Kollegen und versuchen Sie, im Betrieb ihre Arbeit so zu gestalten, dass sie damit leben können. Wer nämlich das Gefühl hat, das Heft in der Hand zu haben, kommt mit der Situation besser zurecht.“

Allerdings hätten viele Angst, gekündigt zu werden, wenn sie Forderungen stellen. Andere denken, sie müssten sich anpassen, weil sie ja flexibel sind. „So entsteht ein psychischer Spannungszustand. Einerseits ist da der innere Anspruch, sich der Änderung zu stellen. Andererseits merkt man, dass es nicht geht.“

Was also tun, wenn ich merke, dass ich nichts bewegen kann? „Dann muss ich die Firma verlassen – das ist allemal besser, als vor die Hunde zu gehen.“ Das gelte auch dann, wenn man in einer strukturschwachen Region wohnt, in der es nicht einfach ist, einen neuen Job zu bekommen. „Diesen Punkt spürt jeder. Genauso wie jemand garantiert den Moment merkt, in dem das Eis, auf dem er geht, unter ihm brüchig wird.“

Hoffnung, dass die Situation in Zukunft besser wird, hat der Psychologe wenig: „Die digitale Transformation ist erst in der Anflugphase, das Tempo wird sich wohl erhöhen.“ Jeder müsse sich fragen, wie er eine Veränderungsbalance schafft: „Denn so schnell können Menschen irgendwann nicht mehr laufen.“ Vollzeitjobs werde es daher vielleicht bald nicht mehr geben – einfach, weil niemand ständige Leistungsverdichtung und Veränderung durchhält.