Zufriedenheit bringt mehr als Glück

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Glück währt nur einen Moment, sagt Psychiater Hans-Otto Thomashoff.

Wer regelmäßig in den Ratgeber-Abteilungen der Buchhandlungen stöbert, weiß: kein Thema ist so präsent wie Glück. Glück im Alltag, Glück in der Liebe, Glück im Job. Was bedeutet Glück? Wie finde ich es? Und, noch wichtiger – was muss ich tun, damit es mich nicht verlässt?

Fragen, die sich die Menschen eigentlich nicht zu stellen bräuchten, findet Hans-Otto Thomashoff. Der Psychiater und Psychoanalytiker plädiert dafür, Glück als Lebensziel Nummer 1 zu ersetzen. Und zwar durch Zufriedenheit. "Alle Menschen wollen glücklich sein. Und sitzen dabei einem Irrglauben auf: Glück ist flüchtig. Anders die Zufriedenheit. Zufriedenheit ist das eigentliche Glück. Sie kann von Dauer sein", sagt der gebürtige Deutsche, der in Wien eine Praxis betreibt. Warum und wie das gelingt, beschreibt Thomashoff in seinem neuen Buch "Ich suchte das Glück und fand die Zufriedenheit – Eine spannende Reise in die Welt von Gehirn und Psyche".

5 Quellen für mehr Zufriedenheit

1. Frühe, stabile Bindungen
Mit der Geburt verlässt das Kind sein "Paradies" – einen Ort ohne Hunger, Stress, Durst – und kommt in eine Welt, in der es plötzlich mit negativen Gefühlen konfrontiert wird. "Diese frühe Zeit wird dann erträglich, wenn eine Bindung da ist, im Normalfall mit der Mutter", so Hans-Otto Thomashoff. "Es muss aber nicht zwingend die Mutter sein – wichtig ist nur die verlässliche Präsenz. Die frühe, sichere Bindung ist der wohl wichtigste Baustein für die Fähigkeit, zufrieden zu sein." Ist die werdende Mutter sehr gestresst, tut sie ihrem Kind nichts Gutes, erklärt Thomashoff: "Das Stresshormon Cortisol ist plazentagängig. Das heißt, eine Mutter, die viel Stress hat, gibt dieses Stresshormon direkt an ihr Ungeborenes weiter, was im Gehirn des Ungeborenen zu vermehrter Stressempfindlichkeit führt." 2. Sex - "Je öfter desto besser"
Sex ist eine wichtige Quelle für ein zufriedenes Leben – durch den Dopaminschub verspüren wir Lust, die uns solange antreibt, bis wir am Höhepunkt von körpereigenem Morphium belohnt werden. Und zufrieden sind. Zusätzlich erfüllt Sex eine wesentliche Aufgabe für unser soziales Miteinander: Durch die ausgeschütteten Liebeshormone werden unsere Bindungen stabilisiert – und wir wiederum zufriedener. Sex trägt nicht nur zu unserem seelischen, sondern auch zu unserem physischen Wohlbefinden bei. Das Risiko für einen Herzinfarkt wird verringert, das Schmerzempfinden gemildert, die Kollagenbildung angekurbelt. Da das alles dosisabhängig ist, gilt: Je öfter, desto besser. 3. Ausgeglichener Stresshaushalt
Zu viel Stress ist ein Zufriedenheitskiller. Wer in seiner Kindheit stabile Bindungen hatte, ist später belastbarer - wer kein dickes Fell hat, sollte sich dessen erst einmal bewusst werden und seine Stressfaktoren dann strukturieren. 4. Lächeln
Lächeln lässt sich üben, und es hebt die Stimmung. "Der Weg zur Zufriedenheit steht zwar unter dem Einfluss der Vergangenheit, aber er kann aktiv gestaltet werden. Gas Gehirn ist lernfähig", sagt Thomashoff. Lächeln bedeutet nicht nur, dass wir zufrieden sind - mit Lächeln lässt sich auch unsere Stimmung heben. 5. Hören auf das Bauchgefühl
Unsere frühen Bindungen entscheiden, in welche Richtung uns unsere Intuition treibt. Die rationalen Erklärungen erdenken wir uns erst später. Thomashoff: "Vermeiden Sie Konflikte zwischen Intuition und rationaler Entscheidungsfindung, denn die machen garantiert unzufrieden."

Zufriedenheit hat ein Image-Problem: Sie ist nicht sehr sexy. Das Wort allein vermittelt keine ekstatischen Glücksgefühle, keinen Kick. "Zufrieden sein" klingt unspektakulär, ein wenig nach Stillstand. Nach altem Opa, der im Schaukelstuhl wippend auf sein Leben zurückblickt.

Glückssuche stresst

Dabei hat die Hirnforschung längst bestätigt, dass Glück im Gegensatz zu Zufriedenheit kein dauerhafter Zustand sein kann. Thomashoff liefert die biochemische Begründung: "Glück wird von dem Transmitter (ein Botenstoff, Anm.) Dopamin gesteuert, der dann ausgeschüttet wird, wenn ein positives Ereignis erwartet wird. Zuerst gibt’s ein kurzes Feuerwerk, dann verebbt das Ganze. Wenn ich diesem Glück dauernd nachhetze, bin ich irgendwann gestresst und keineswegs zufrieden."

Ist man zufrieden, tritt ein "Belohnungseffekt" ein, wenn die Bedürfnisse von Körper und Psyche gestillt sind. Dieser Effekt wird durch Endorphine und Morphine (körpereigene Schmerzmittel) ausgelöst und dauerhaft hergestellt. "Zufriedenheit bedeutet, etwas erreicht zu haben, in guten Beziehungen zu leben, und das dauerhaft."

honorarfrei… Foto: /Alexandra Diemand Psychiater Hans-Otto Thomashoff

Der Psychiater erläutert, welche seelischen Bedürfnisse für ein zufriedenes Leben gedeckt sein müssen. Zwei essenzielle Bausteine gibt es, eine wurde schon erwähnt: gute, stabile Beziehungen pflegen, idealerweise von Geburt an, und, zweitens, aus eigenem Antrieb etwas bewirken. "Das führt im Gehirn eher zu einem Belohnungseffekt als der reine Genuss."

Der dritte Baustein ist nach Thomashoff ein ausgeglichener Stresshaushalt. "Wenn ich diese drei Bereiche abdecke, ergibt sich ein gutes Leben von selbst. Die oft gepriesene Suche nach dem Sinn des Lebens erübrigt sich. Ich habe festgestellt, dass bei den Leuten, die nach Sinn suchen, einer dieser drei Bereiche nicht passt."

Stimmungskiller

Wer zu viel Stress hat, sollte sich fragen: Wie stressempfindlich bin ich? "Manche Leute haben ein dickes Fell – wahrscheinlich jene, die früher eine stabile Beziehung zu jemandem hatten." Wer weniger stress-resistent ist, muss achtsamer mit seiner Belastbarkeit umgehen. Thomashoff, prägnant: "Pausen schaffen, Stressfaktoren strukturieren".

Bei ewig Unzufriedenen findet sich fast immer das Fehlen einer verlässlichen Bindung in ihrer frühen Kindheit, sagt Thomashoff. Vor allem, wenn es Schockerlebnisse gab. "Die Killer der Zufriedenheit sind Konflikte und unverarbeitete Traumata. Ein Trauma ist ein so heftiges Erlebnis, dass die Gefühle zum Zeitpunkt des Erlebten nicht verdaut werden können. Sie können aber jederzeit hervorbrechen. Menschen, die so ein Trauma erlitten haben, haben eine deutlich erhöhte Stressempfindlichkeit."

Bedeutet Zufriedenheit Stillstand im Kopf? Thomashoff: "Keineswegs. Zufriedenheit rekrutiere ich ja aus einem lebendigen Beziehungsleben. Zudem will man ja immer etwas Neues aktiv bewirken. Das ist das Gegenteil von Stillstand!"

Ich suchte das Glueck und fand die Zufriedenheit v… Foto: /Ariston

(Kurier) Erstellt am
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