Leben
19.10.2017

Prominenter Nazi outet sich als schwul und jüdisch

Kevin Wilshaw hat den Ausstieg aus der Neonaziszene geschafft. Der Brite wendet sich nach 40 Jahren Zugehörigkeit ab. Gründe dafür sind seine Herkunft und seine sexuelle Orientierung.

Im Interview mit dem britischen TV-Sender Channel 4 News zieht Kevin Wilshaw einen Schlussstrich unter seine Vergangenheit und das Doppelleben, das er 40 Jahre lang führte. "Ich habe Menschen gesehen, die angeschrien, bespuckt und misshandelt wurden", so der der ehemalige Neonazi. "Du merkst nicht, dass es falsch ist - bis es dir selbst passiert."

Seine ungewöhnliche Lebensgeschichte erzählt der 58-Jährige in ruhigen Worten. Als Elfjähriger habe er wenige Freunde gehabt, zudem versuchte er seinem rechtsorientierten Vater nachzueifern, so geriet er als Teenager mehr und mehr in den Sog der Neonazis. Den Gedanken, Teil einer Gemeinschaft zu sein, fand er damals anziehend. Mit 18 Jahren wurde er politisch aktiv und stellte einen Aufnahmeantrag für die rechtsextreme National Front, die ihre Hochphase in den 1970er- und 1980er Jahren hatte. Darin bezeichnete er Juden als "Feinde meiner Rasse". Später wurde er Mitglied der British National Party, einer Gruppierung die von Beobachtern als neofaschistisch gesehen wird. Er wurde wegen Demolierung einer Moschee verurteilt, Anfang des Jahres wegen Hetze im Internet.

Selbstverleugnung

Wilshaw blendete Zeit seines Lebens aus, dass er jüdischer Abstammung und homosexuell ist. Er schürte Hass gegen Andersdenkende, Minderheiten und Homosexuelle, präsentierte sich oft in Nazi-Uniform. Auch in gewalttätige Auseinandersetzungen war er verwickelt, jedoch beteuert er, Menschen in Selbstverteidigung verletzt zu haben.

Nun fühlt sich der Geläuterte schuldig und will die Vergangenheit mit dem Interview hinter sich lassen. In letzter Zeit wurde ihm unterstellt homosexuell zu sein, Wilshaw begann sein Leben zu überdenken: "In der Gesellschaft ist es akzeptiert, wenn man schwul ist, aber nicht in diesen Gruppierungen."

Wilshaw geriet wegen den Unterstellungen bei einigen Gelegenheiten selbst in den Fokus seiner Kameraden und wurde zum Hassobjekt. Die Zweifel im extremen Weltbild bemerkte Matthew Collins, ehemaliger Neonazi und Aktivist der Anti-Rassismus-Gruppe "Hope not Hate", und half ihm beim Ausstieg. Wilshaw will sich jetzt gegen radikale Ansichten einsetzen und ein besseres Verhältnis zu seiner Familie aufbauen. In Angst leben muss er weiterhin, weil viele ehemalige Mitstreiter ihn als Verräter sehen: "Ein oder zwei würden mich gern aus der Welt schaffen."