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Aufschieben
09/08/2016

Prokrastinations-Tag: Wieso nicht jetzt?

Laut US-Psychologen gibt es einen einfachen Trick, Prokrastinitis zu bekämpfen. Ich bin mir da nicht so sicher.

von Karl Oberascher

Vor zwei Tagen war der "Kämpfe gegen die Prokrastination"-Tag. Klingt umständlich, soll aber darum gehen, endlich mal Sachen zu machen, die man schon lange aufgeschoben hat.

In liebevoller Erinnerung an meine Studienzeit habe ich diesen Tag selbstverständlich nicht begangen. Ich habe also weder meine Spesenabrechnung gemacht, noch habe ich mich bei dem einen Freund gemeldet, bei dem ich mich schon seit einer halben Ewigkeit melden will. Und natürlich habe ich auch diesen Text nicht geschrieben. Zwei Tage lang nicht. Immerhin: Darüber nachgedacht habe ich schon.

Dass er deswegen jetzt wahnsinnig viel besser geworden wäre, kann ich so nicht bestätigen. Bevor Sie sich nach so einer Ansage gleich in die Online-Prokrastination zu Buzzfeed flüchten, möchte ich Ihnen noch kurz sagen, was Sie in diesem Text erfahren könnten, wenn Sie’s einfach mal durchziehen und bis zum Ende dran bleiben. Es geht um Multitasking, digitale Demenz und am Ende, versprochen, um eine extrem supere Lebensweisheit.

Also: Einer der wirklich ganz wenigen Vorteile beim Prokrastinieren ist ja, dass man sich beim Küchenkasterl-Auswischen auch gleich über die Diplomarbeit Gedanken machen kann, die man eigentlich schreiben sollte. Und insofern schlägt man da gleich zwei Fliegen mit einer Klappe, neudeutsch "Multitasking" genannt.

Natürlich weiß ich aber auch, wozu das viele Multitasken führen kann. Dass man am Ende nichts wirklich richtig ordentlich macht. So wie diesen Text, werden sie jetzt in die Kommentare schreiben. How right you are. Zwischen Donald Trump, der Großwetterlage im BP-Wahlkampf und der heimischen Twitterblase kann man schon mal den Überblick verlieren. Das gebe ich gerne zu. "Digitale Demenz" ist die Tischlerhand des Online-Journalisten. Berufskrankheit quasi.

Das kann übrigens so weit gehen, dass aus dem absichtlichen Auf- ein unabsichtliches Verschieben wird. Gestern zum Beispiel habe ich vor lauter Arbeit überhaupt nie an diesen Text gedacht, hab den vollkommen vergessen. Zum Prokrastinieren gehört aber immer auch das schlechte Gewissen – und das ist erst heute Morgen wieder gekommen. Als ich daran gedacht habe, meinen alten Freund wieder anzurufen, ist mir dann dieses Unterfangen wieder eingefallen. Und seither …

Somit sind wir auch schon am Ende. Ging ja dann doch recht schnell, werden Sie sich jetzt denken. Aber so ist das eben, wenn man mal was richtig durchzieht. Und so gibt’s jetzt endlich, wie versprochen, richtig Substanzielles: Eine extrem supere Lebensweisheit für Prokrastinierer. Schließlich kann das ewige Aufschieben richtig krankhaft, zum echten psychologischen Problem werden, das mit Verhaltenstherapien behandelt werden muss.

Dabei stellt sich die Frage wer eher dazu neigt, Sachen aufzuschieben. Menschen, die ihre Zukunft als nicht unmittelbar bevorstehend betrachten, sagen jedenfalls US-Psychologen. Durch eine Reihe von Tests konnten die Forscher zeigen, dass Studienteilnehmer ihre Aufgaben eher erledigten, wenn die Deadline in wenigen Tagen anstatt in Wochen oder gar Monaten drohte. Und zwar wortwörtlich: War die Aufgabe in 30 Tagen zu erledigen, begannen die Probanden früher zu arbeiten als "in einem Monat."

Sprich: Menschen mit Prokrastination sollten lernen in Tagen zu denken. Oder besser: Die Zukunft beginnt jetzt. Oder nein, noch besser: Was du heute kannst besorgen, verschiebe nicht aufs nächste Monat.

Das Küchenkasterl ist inzwischen übrigens supersauber. Meinen lieben Freund habe ich aber noch immer nicht angerufen. Mach ich morgen. Also in einem Tag.