Leben 24.04.2018

Pension, was jetzt: Wie andere den Lebensabschnitt gestalten

© Bild: Kurier/Gilbert Novy

Nach dem Arbeitsleben geht’s erst richtig los. Viele Senioren gestalten und genießen diesen Lebensabschnitt.

Von Langeweile keine Spur. Fünf Menschen im besten Alter erzählen, was sie mit ihrer Zeit anfangen:

Irmtraud Aigner hält mit 65 Jahren Pilates-Stunden und Fitnesskurse ab

Irmtraud Aigner hat sich wirklich auf ihre Pension gefreut. Aber nicht, weil jetzt das dolce far niente, also das „süße Nichtstun“, ihren Alltag bestimmt. „Ich habe endlich besser Zeit, mir alles einzuteilen“, sagt die 65-Jährige. Und das ist in der Tat einiges, was da in ihrem Terminplan zusammenkommt. Sie leitet pro Woche mehrere Kurse bei der Sportunion Döbling – von moderatem Krafttraining über Dehnen bis zu Pilates. Daneben braucht sie auch noch Zeit für ihr eigenes Fitnesstraining, das sie zusätzlich absolviert.

Wer sein Leben lang aktiv war, hört in der Pension nicht damit auf: „Ich habe mich immer gern bewegt. Ich höre noch heute meine Mutter: ‚Die Möbel sind keine Turngeräte‘, sagte sie immer.“ Sich in einem Sportverein einzuschreiben, lag da bald auf der Hand. Irmtraud Aigner war lange als Geräteturnerin aktiv – „das Einzige, das man in meiner Kindheit als ‚Turnen’ machen konnte“. Als später Ehe, Hausumbau und Kinder kamen, trat der Sport in den Hintergrund. „Ich war eingedeckt.“ Nachsatz: „Aber es stimmt natürlich nicht, dass man sich im Haushalt eh genug bewegt.“ Als ihre Kinder im Volksschulalter waren, leitete Aigner Kinderturngruppen und mit 47 begann sie, zu laufen. „Ich wollte niemandem etwas beweisen. Es hat mich einfach interessiert.“

Lernfreudig

Interesse, Freude an Bewegung und am Lernen – das zieht sich durch den Lebenslauf der heute 65-Jährigen, die seit 2011 in Pension ist. Deshalb begann sie auch mit Pilates, absolvierte Ausbildungen als Pilates- und Senioren-Instruktorin, wie die korrekte Bezeichnung für Vorturner lautet. Dazu kam noch eine Bodytrain-Ausbildung, bei der körperliche Bewegung die Aktivität beider Gehirnhälften verbessern soll. Es klingt da fast logisch, dass Aigner zuletzt auch beruflich im Sportumfeld tätig war – und zwar in den Universitätsinstituten für Sportwissenschaften und Sportmedizin. Die administrativen Tätigkeiten dort „eröffneten mir eine neue Welt – was alles an Bewegung möglich ist, wenn man sich auch mit der Anatomie des Menschen beschäftigt“.

Das Publikum in ihren Kursen ist unterschiedlich. „Mein Alter war noch nie ein Problem. Ich habe 30- bis 70-jährige Teilnehmer.“ Turnt sie selbst immer mit? Natürlich! Ehrensache! „Manchmal muss ich mich aber entschuldigen, wenn ich nicht alles mitmache, weil ich vorher ein High-Intensity-Training (ein hoch intensives Training, Anm.) gemacht habe“, gesteht sie.

Fad wird der aktiven Sportlerin also in der Pension sicher nicht und es mangelt ihr nicht an Aktivitäten. „Ich habe einen vollen Terminkalender.“ Zu Sport und Familie mit drei Kindern und Enkelkindern kommt noch ein weiterer Fixpunkt – Hausmusik mit einer Freundin. „Für andere mag das alles nach Stress klingen. Aber ich sage immer: Ich habe ein reiches Leben.“

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© Bild: Kurier/Gerhard Deutsch

Kathrin Rauscher bäckt Kuchen im Generationen-Cafe „Vollpension“

„Ein bisserl Schlagobers dazu?“ Kathrin Rauscher steht hinter der Theke der „Vollpension“ und praktiziert klassisches Multitasking. Gerade noch hat die 60-Jährige Butter und Zucker in die Rührschüssel des Mixers gefüllt und gerührt, jetzt greift sie nach einer Tortenplatte. Sie hebt ein Stück Karottentorte auf einen Teller und reicht ihn der jungen Hipster-Kundin vor der Theke.   „Anfangs war es schon eine Herausforderung, zwischen dem Backen auch die Gäste zu bedienen. Ich dachte, ich werde nervös, immerhin stehen manchmal zehn Leute vor der Theke.“

Dass diese zum Großteil jung und damit ihre Enkel sein könnten, stört hier in der „Vollpension“ im vierten Wiener Bezirk niemanden. Im Gegenteil, es ist gewolltes Konzept im „Generationen-Cafe“. Das da  wäre: Rüstige Pensionisten  – vorrangig weibliche Hobbybäckerinnen, seit kurzem aber auch ein pensionierter Konditor – backen direkt im Lokal Kuchen und Torten nach ihren eigenen Rezepten. „Omis sind einfach positiv besetzt und wir wollen die Leute auch zum Nachdenken bringen“, erklärt David aus der Geschäftsführung.

Kathrin ist eine dieser zehn bis 15 Mitarbeiter im Pensionsalter, denen es zu fad ist, die Hände in den Schoß zu legen. Ob als „Back-Omi“ oder „Gastgeber-Omi“ bzw. „Opa“, die sich um die Gäste kümmern.  Und das wollen offenbar viele, denn die Warteliste ist lang, verrät David, der locker als Enkel seiner Mitarbeiterinnen durchgehen würde. Auch Kathrin Rauscher ist begeistert von der Zusammenarbeit zwischen jung und alt: „Ich komme jedes Mal gern zum Dienst und habe mich von Anfang an wohlgefühlt. Ich bin froh, dass ich genommen wurde.“

Die Idee für die Bewerbung kam von ihrer Nichte. „Sie meinte, das würde gut zu mir passen, weil ich  gerne backe.“ Dennoch, sie musste wie alle  „ein richtiges Vorstellungsgespräch“  absolvieren. „Wer hat das schon noch mit 60“, ruft sie aus und lacht. Die gelernte Krankenschwester war immer gern unter Leuten, arbeitete lange beim Heurigen ihres Bruders mit und pflegte viereinhalb Jahre lang ihre betagte Mutter. „Danach dachte ich, ich fall’ in ein Loch.“ Das ist zum Glück nicht passiert. „Und  jetzt kann ich noch was leisten.“

Was fast noch wichtiger ist: Sie hat großen Spaß beim Kontakt mit den Kunden. „Die warten immer so geduldig, es gibt keine mürrischen Gäste.“  Ein bisschen Stolz schwingt auch mit, wenn sie von „ihrem“ Sortiment aus fünf Kuchen und einer Torte erzählt, die sie hier regelmäßig bäckt. Und die haben alle eine Geschichte.  Das Rezept für die Bananenschnitte stammt etwa noch von ihrer Schwiegermutter. „Daran hätte ich gar nicht gedacht, aber meine Familie meinte, die muss ich unbedingt auch in der Vollpension machen.“

Kathrin Rauscher hofft, noch lange aktiv sein zu können. Das schaut  gut aus. Denn die Neurologin, die sie zur Vorsorge konsultierte, meinte nach der Schilderung ihres Pensums: „Wenn Sie da in der Vollpension arbeiten, habe ich keine Sorge, dass Sie dement werden.“

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© Bild: Privat

Liselotte und Walter Wagner wollten schon immer die Welt erkunden

„Fragen Sie uns, wo wir noch nicht waren“, scherzt Walter Wagner. Der 85-jährige Pensionist und seine 75-jährige Frau Liselotte  sind schon viel in der Welt herumgekommen „Als wir noch gearbeitet haben, sind sich mehr als zwei Wochen Urlaub nie ausgegangen.“ Damals,  vor 30, 40 Jahren, verschlug es das Paar schon an exotische Orte wie  die Seychellen oder Malaysien: „Dort habe ich Englisch gelernt. Am Strand stand ein Schild mit ,beware of the jellyfisch’. Nachdem ich im Meer war, war mir klar, dass damit Quallen gemeint sind.“

Seit sie in Pension sind, sind die beiden weitaus mehr auf Achse. „Wir lieben es, fremde Kulturen und Menschen kennenzulernen“, sagt Liselotte Wagner. Eine Reise, an die sie besonders gerne zurückdenkt? „Eine Fahrt mit dem Traumschiff durch die Ägäis. Mit an Bord  Siegfried Rauch, der oft den Kapitän in der Serie spielte: ein sehr netter Mann – und singen konnte der!“

Aber auch in Österreich sind die beiden viel unterwegs: „Wir  machen z. B. jährlich eine besinnliche Adventreise, bei der es sogar eine Messe gibt, was mir sehr gefällt“, sagt der Ehemann. Doch auch Geselligkeit ist wichtig:  „Wir reisen fast immer mit befreundeten Paaren“, erzählen  die zwei.

Und wo soll es noch hingehen? „Jangtse und Südamerika  sind noch weiße Flecken auf unserer Weltkarte.“

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© Bild: Privat

Anni Pfeifer setzt ihren Beruf als Krankenpflegerin im Ehrenamt fort

„Für mich war das immer mehr Berufung als Beruf.“ So erklärt die 60-jährige Anni Pfeifer, die nicht gerne Anna genannt wird, ihre Pläne für die Pension. Eine Berufung kennt schließlich keine Pension. „Ich habe jetzt mehr Zeit und mache eben etwas für andere. Ich brauche das.“

Bis November war Pfeifer eine DGKP – Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin – im Krankenhaus Hollabrunn. Dort betreute sie seit 2004 Patienten auf der onkologischen Ambulanz. Menschen, die Krebs haben, ihre Chemotherapie aber tagesklinisch bekommen, also nicht stationär aufgenommen werden müssen. Das Zubereiten und Verabreichen des Chemotherapeutikums  stellte nur einen Teil ihrer Arbeit dar: „Viele Patienten sprechen am Anfang nichts, erst langsam gehen sie aus sich heraus.“ Die seelische Betreuung sei wichtig, viel zu wenige würden das Angebot einer psychologischen Begleitung annehmen, bedauert Pfeifer. In der onkologischen Ambulanz kommen solche Gespräche ganz automatisch. „Die Patienten reden untereinander viel. Es ist nicht nur traurig an so einem Ort, wir hatten es oft lustig. Das zieht die neuen Patienten mit. Und wenn andere Patienten mit gleicher Diagnose mit ihnen reden, baut sie das auf.“ Die Art, wie Pfeifer über diesen schweren Beruf spricht, offenbart viel. „Ich habe kein Problem mit dem Sterben, das passiert uns allen. Diese Patienten geben von sich soviel Preis und sind so dankbar. Da bekommt man einen anderen  Blick auf das Leben.“

Das will Pfeifer nun in der Pension ehrenamtlich fortsetzen. „Auch für Angehörige ist das wichtig. Es belastet Familien sehr, wenn jemand so krank ist.“ Die Dankbarkeit der Menschen war für Pfeifer der höchste Lohn, das merkt man. „Wenn unsere Patienten wieder gekommen sind, weil es doch dem Ende zuging, haben wir uns immer verabschiedet, das war ein schöner Moment. Da waren oft Angehörige dabei und haben sich bedankt.“ Einer sagte einmal: Zu den Göttern in Weiß gehören die Engel dazu. Das motiviert.

Also wird Pfeifer nun Palliativ-Patienten zu Hause betreuen, über das mobile Palliativteam des Krankenhauses. „Anfangs vielleicht zwei Mal im Monat – später  so oft der Patient mich braucht.“ Die Palliativtherapie lindert Schmerzen und auch das würden viele nicht annehmen, sagt Pfeifer. „Weil sie glauben, da geht es immer ums Sterben. Aber viele  leben jahrelang gut mit Betreuung.“ Auch Angehörige würden davon profitieren – oft geht es um das Reden und darum, Ängste abzubauen.

Durch die Arbeit im ländlichen Raum begegnet Pfeifer vielen Patienten im Alltag. „Wenn ich einkaufen gehe und  einen treffe, plaudern wir, dann merke ich, dass mir der Kontakt mit den Patienten abgeht“, gibt Pfeifer zu, die ihre Pension genießt und dank vieler Interessen keinerlei Pensionsschock erlebte.  Sie sei gesund und zufrieden mit dem Leben – ein Skiurlaub, einer am Meer, glückliche Ehe mit einem „guaten Mann“. Die einzige zeitliche Einschränkung für die neue Tätigkeit geben Pfeifers Enkelkinder vor. „Fragt mich wer, wie es mir in der Pension geht, sage ich: gut. Das ist ein neuer Abschnitt – und er ist gut.“

( kurier.at ) Erstellt am 24.04.2018