Leben 11.02.2018

ÖSV-Vorwürfe: "Nestbeschmutzungs-Situation"

Martina Leibovici-Mühlberger (links) und Beate Wimmer-Puchinger © Bild: KURIER/Gilbert Novy

Übergriffe galten früher als Kavaliersdelikt. Zwei Expertinnen erklären, wie sie die Anschuldigungen um den ÖSV aufarbeiten wollen.

Der Druck auf die Skirennläuferinnen im Olympischen Dorf ist dieses Jahr besonders hoch. Zumindest nach Einschätzung von Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger, die gemeinsam mit der Psychologin Beate Wimmer-Puchinger vom Österreichischen Skiverband (ÖSV) beauftragt wurde, sich an der Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe in dessen Umfeld zu beteiligen. Nachdem Ex-Skirennläuferin Nicola Werdenigg im November den Stein in Sachen Missbrauch im Skisport ins Rollen gebracht hatte, erschüttern kurz vor Beginn der Olympischen Winterspiele in Pyeongchang neue Vowürfe den ÖSV.

Die Athletinnen würden sich in einer "Nestbeschmutzungs-Situation" wiederfinden, die jungen Sportlerinnen einen "Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommen", sagt Leibovici-Mühlberger im Gespräch mit dem KURIER. Kritik daran, dass der ÖSV auf eine interne Aufklärungsstelle setzt, kann Wimmer-Puchinger nichts abgewinnen. Eine kritische Selbstevaluation sei im Sinne des ÖSV, denn dieser wolle verhindern, Spitzensportler durch Übergriffe zu verlieren.

KURIER: Was genau ist ihre Aufgabe in dem Aufarbeitungsprozess und wie werden Sie die Sache angehen?

LeiboviciMühlberger: Mein Auftrag ist es, die Strukturen innerhalb des ÖSV zu analysieren. Ergänzt werden soll diese Arbeit von einem Expertenteam unter der Leitung von Beate Wimmer-Puchinger, das sich mit Präventionsmaßnahmen, vor allem im schulischen Bereich, beschäftigen soll. Ziel ist es, herauszufinden, welche Strukturen dazu führen, dass es zu potenziellen Übergriffen kommen kann und wie man präventiv dagegen auftreten kann.

Was unterscheidet Übergriffe im Sport verglichen mit solchen in anderen gesellschaftlichen Bereichen?

Wimmer-Puchinger: Im Sport gibt es eine gewisse körperliche Nähe, die dasein muss. Ohne Angreifen, Stützen und Korrigieren geht es nicht. Daher muss für Trainer und das pädagogische Personal sowie für Nachwuchsskiläuferinnen klar sein, welche Berührungen okay sind und wo die Grenze verläuft.

Wie lassen sich die Machtstrukturen im ÖSV skizzieren?

Leibovici-Mühlberger: Anlass für die Situation jetzt sind historische Vorkommnisse, die auf Basis ganz anderer Rollenbilder zu sehen sind. In unseren Erstgesprächen haben wir festgestellt, dass es im ÖSV neu, bereits Strukturen gibt, die präventiv sind, zum Beispiel in Form von Kleingruppen-Modellen. Wir werden den ÖSV mit den Trainern, die im Moment nicht greifbar sind, historisch rückanalysieren und vielleicht feststellen, dass das in den 70er Jahren anders war.

Psychotherapeutin Leibovici-Mühlberger sieht eine
Interview mit Martina Leibovici-Mühlberger und Beate Wimmer-Puchinger, Wien am 07.02.2018 © Bild: KURIER/Gilbert Novy

Inwiefern sind diese Rollenbilder mit Macht verknüpft?

Wimmer-Puchinger: Der Sport war lange Zeit ausschließlich männlich und es ist ja auch heute noch immer nicht so, dass Frauen in jeder Hinsicht als gleichwertige Partnerinnen angesehen werden. Das Bild vom Trainer als Idol und die Abhängigkeit der Sportlerinnen davon, dass er sie gut finde, führen zu verführerischen Machtstrukturen.

Nach Bekanntwerden der ersten Vorwürfe von Ex-Skirennläuferin Nicola Werdenigg wurde der ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel für seine medialen Äußerungen massiv kritisiert. Wie sehen Sie das?

Wimmer-Puchinger: Es ist ein gelerntes patriarchales Denken, dass Organisationen etwas zunächst nicht glauben wollen. Der ÖSV hat aber aus den historischen Vorkommnissen die richtigen Schlüsse gezogen.

Braucht es ein Bekanntwerden solcher Vorwürfe, damit es zu einer Aufarbeitung und einem Bewusstsein für Missstände kommt?

Leibovici-Mühlberger: Das klingt jetzt so, als wäre das, was in den 60er und 70er Jahren war, eins zu eins auf heute übertragbar. Das kann man so sicher nicht sagen. Damals waren Übergriffe vielleicht ein leichtes Spiel oder galten als Kavaliersdelikt. Aus heutigem Empfinden wäre ein solcher Vorfall ein schweres kriminelles Geschehen, für das wir als Gesellschaft ein ganz anderes Unrechtsbewusstsein entwickelt haben.

Werdenigg hat sich in diversen Medienberichten kritisch zur internen Aufklärungsstelle des ÖSV geäußert. Wie stehen sie zu einer etwaigen Zusammenarbeit mit ihrer Plattform gegen Missbrauch im Sport?

Wimmer-Puchinger: Sie hat eine Plattform für die Betroffenen gegründet und es ist nicht unsere Aufgabe, die zu betreuen. Wir wollen präventiv für die Zukunft tätig werden. Außerdem geht es ja auch um eine kritische Selbstevaluation, weil man durch solche Übergriffe Spitzensportler verliert und sie ihr volles Leistungpotenzial nicht ausschöpfen können.

Psychologin Wimmer-Puchinger glaubt an die Einsicht des Österreichischen Skiverbands.
Interview mit Martina Leibovici-Mühlberger und Beate Wimmer-Puchinger, Wien am 07.02.2018 © Bild: KURIER/Gilbert Novy

Was sagen sie zu Nicola Werdeniggs Entscheidung, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen?

Leibovici-Mühlberger: Ich weiß nicht, wie das gelaufen ist, unter welchem Druck. Vielleicht wollte die Frau das auch gar nicht und ist von ihrer Umgebung dazu gebracht worden. Als Psychotherapeutin weiß ich, dass traumatisierende Erlebnisse, die nicht verarbeitet wurden, ihre Eigendynamik haben und dass man schwer belastet ist. Wir werden sehen, ob es noch weitere Opfer gibt. Ich denke, ihr Verein ist eine Form der Verarbeitung, mit der sie über ihr eigenes Schicksal hinauswachsen möchte. So würde ich es interpretieren, ohne mit ihr gesprochen zu haben.

Haben die Missbrauchsvorwürfe Auswirkungen auf die Spitzensportlerinnen, die derzeit im Olympischen Dorf leben?

Leibovici-Mühlberger: Wir haben hier eine Nestbeschmutzungs-Situation, die Scham hervorruft,weil die Situation in die Gegenwart hochgezogen wurde. Es wird jetzt im Olympischen Dorf darüber gesprochen, was denn im ÖSV los sei. Der Präsident hat mir gesagt, dass das so weit geht, dass die ÖSV-Trainer angesprochen werden, die Mädchen in Ruhe zu lassen. Das ist ein irrsinniger psychischer Druck, unter dem diese Spitzenathletinnen jetzt stehen und mit dem sie an den Start gehen müssen. In Hinblick auf diese jungen Mädchen, die nichts damit zu tun haben und die so hart trainieren, tut es mir leid, dass sie so einen Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommen. Sie werden dadurch beladen und belastet. Der Zeitpunkt ist jedenfalls ein auffälliger.

Inwiefern?

Leibovici-Mühlberger: Der Zeitpunkt hat eine übersignifikante Wirkung. Das irritiert mich an Situationen, die eigentlich aus oder in einer reinen Betroffenheit wurzeln sollten.

November 2017: Die ehemalige Skirennläuferin Nicola Werdenigg berichtet über Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt im Skisport der Siebzigerjahre; Die Staatsanwaltschaft Innsbruck leitet daraufhin ein Ermittlungsverfahren gegen "unbekannte Täter" ein;

Es werden weitere anonyme Vorwürfe gegen Ski-Internate erhoben;

Dezember 2017: Nicola Werdenigg gründet mit der Plattform #WeTogether eine Initiative gegen Missbrauch im Sport;

Jänner 2018: Der ÖSV kündigt an, die Missbrauchsvorwürfe von einer Expertenkommission unter Waltraud Klasnic aufarbeiten zu lassen;

Februar 2018: Zwei ehemalige Rennläuferinnen werfen der Trainerlegende Charly Kahr Vergewaltigung und Nötigung vor;

( kurier.at ) Erstellt am 11.02.2018