© KURIER/Jeff Mangione

Muttertag
05/08/2016

Was wir von unseren Müttern lernen

Vier Mütter erzählen, was sie von ihrer Mutter gelernt haben und an ihre Kinder weitergeben möchten.

von Sandra Lumetsberger, Hedwig Derka

Vieles verstehen wir nicht, finden es sogar peinlich. Erst später, mit dem Alter, kommt oft die Dankbarkeit – für die Ratschläge und wertvollen Tipps der Mutter. Und das Verstehen und Verständnis. Je älter wir werden, desto mehr interessieren wir uns wieder für die Weisheiten unserer Mütter und Großmütter. Sie vermitteln Halt, Geborgenheit und Sicherheit, sie verweisen auf die eigenen Wurzeln. Das wichtigste Gut, das Frauen ihren Töchtern (und auch Söhnen) mitgeben können, ist das Gespräch, der persönliche Austausch von Erlebtem und Erinnertem. Wie sehr Mütter prägen – vor allem, wenn man eines Tages selbst Mutter ist –, zeigen die folgenden Porträts.

Karin Niederhofer, 57: "Schau, dass du eine gute Arbeit hast"

An manchen Tagen hat Karin Niederhofer das Gefühl, sie hätte 300 Mütter. Die 57-Jährige führt das Seniorencolleg in der Praterstraße 45 in der Leopoldstadt und lehrt ältere Menschen, wie sie mit Computer, Tablet und Smartphone arbeiten. Umgekehrt bringen ihr auch die Seniorinnen viel bei. Praktische Dinge, etwa wie man einen Kaugummi aus dem Pullover rausbekommt – darüber muss sie schmunzeln. Von ihrer Mutter, einer rüstigen 78-Jährigen, die als Bilanzbuchhalterin arbeitete, hat sich dieser Satz eingeprägt: "Schau, dass du eine gute Arbeit hast, dass du selbstständig für dich sorgen kannst und von niemandem abhängig bist." Obwohl Mutter und Vater, ein Beamter, gut verdienten, war Selbstständigkeit das Wichtigste für sie. Karin Niederhofer hat ihren Rat beherzigt. Mit 17 Jahren zog sie von zu Hause aus und ist seither als Unternehmerin ihre eigene Chefin. Den Fleiß ihrer Mutter schätzt sie und hält sie hoch. Andererseits sagt sie, hatte diese aufgrund ihrer Berufstätigkeit nie viel Zeit für sie – das wollte sie bei ihrem Sohn Alexander anders machen. "Während seiner Schulzeit habe ich in den Ferien geschlossen, auch sonst bin ich pünktlich nach Hause gegangen – dann begann der Tag mit dem Kind." Beide stehen sich heute sehr nahe, fahren gemeinsam auf Urlaub und arbeiten zusammen. Der 22-Jährige hat sich mit dem technischen Hilfsdienst „Helferline“ selbstständig gemacht. Wenn ihre Senioren Technik-Probleme haben, vermittelt er.

Auch seiner Oma hilft er ab und zu, für sie sind Tablet und Smartphone genauso selbstverständlich wie Facebook und Instagram. Der Wunsch, immer am Puls der Zeit zu sein, sich im Alter weiterzubilden, beeindruckt die Familie. "Schon als die ersten Computer kamen, machte sie sofort Schulungen", erinnert sich die 57-jährige Tochter. Geistig fit hält sich ihre Mutter auch mit Buchhaltung und Bankerledigungen. "Das macht ihr Spaß, darin ist sie sehr genau." Enkel Alexander fällt dazu Omas Spruch ein: "Strenge Rechnung, gute Freunde." Ihm brachte sie früh bei, wie er mit Rechnungen umgehen soll. "Auch Entscheidungen zu treffen, habe ich damals von der Oma gelernt." Affinität zu Technik, die das Leben einfacher macht, entwickelte Karin Niederhofers Mutter früh. Als Berufstätige wusste sie sich mit einem Elektroherd inklusive Zeitschaltuhr zu helfen: Morgens wurde vorgekocht, dann programmiert und wenn sie in der Mittagspause nach Hause kam, war alles fertig." Sie wollte ihren Job unbedingt halten und hat sich viele Dinge einfallen lassen", sagt die Tochter. Wenn es abends schnell gehen musste, gab’s Eierspeisbrot: Altes Brot wurde in der Pfanne angebraten und ein Ei darüber geschlagen. Für den Enkel, der sich vegan ernährt, kommt jetzt anderes auf den Tisch: gebackene Mäuse und Apfelstrudel ohne tierische Zutaten. Ob in der Küche oder mit der Technik – Omas "Rezept" bleibt gleich: Sie geht immer mit der Zeit.

Tanja Filzmaier, 19: "Das Leben so nehmen, wie es kommt"

Plötzlich erwachsen. Im letzten Schuljahr, kurz vor der Matura, erfuhr Tanja Filzmaier, dass sie ungeplant schwanger ist. Sie hatte Angst, dass sie es nicht schaffen würde, der Arzt vermutete, sie bekommt Zwillinge. Tanjas Mutter stand von Anfang an hinter ihr – "egal, ob ich sie behalten hätte oder nicht", sagt die Wienerin. Erleichtert war sie, als am Ultraschallbild dann doch nur ein Baby zu sehen war. Sie hat sich für das Kind entschieden, ist alleinerziehend. Fabio ist heute sieben Monate und plaudert munter vor sich hin. Die junge Mutter lächelt. Sie bereut nichts. "Das Leben so nehmen, wie es kommt" – das hat die 19-Jährige von ihrer Mutter gelernt: "Sie ist überzeugt, dass alles im Leben einen Sinn hat und man alles schaffen kann. Meine Mama ist eine sehr starke Frau, das hat mich sicherlich geprägt." Vor einigen Jahren erkrankte Tanjas Mutter an Krebs, das hat sie verändert: "Sie sieht das Leben heute anders, ist optimistisch, auch wenn sie noch mit gesundheitlichen Problemen kämpft."

Neben Zuversicht und Optimismus hat sie ihrer Tochter auch beigebracht, an sich selbst zu glauben. Als junge Mutter wird Tanja in Cafés oder am Spielplatz immer wieder auf ihr Alter angesprochen: "Es wird gesellschaftlich nicht akzeptiert und manche stempeln mich ab. Wer aber sagt, dass ich als junge Frau keine gute Mutter sein kann?" Die 19-Jährige hat gelernt, sich davon nicht beirren zu lassen. Aber es tut weh. Ein Gefühl, das gleichaltrige Mütter kennen. Einmal im Monat treffen sie sich im "YoungMums"-Café oder beim wöchentlichen Kochkurs im "Haus Lena", das auf Teenager-Mütter spezialisiert ist. "Der Austausch tut gut, wir verstehen einander, helfen uns und reden auch über Probleme." Etwa, dass sich einige Schulfreunde abgewandt haben. "Ich führe als Mutter ein ganz anderes Leben als früher, gehe nicht spontan fort oder auf Partys. Das verstehen viele Freunde nicht." Was Tanja an ihren Sohn weitergeben will: "Dass Zusammenhalt in der Familie das Wichtigste ist und man sich auf alle verlassen kann." Diese Gewissheit hatte sie auch während ihrer Schwangerschaft und konnte sogar die Matura absolvieren. In zwei Jahren möchte sie an der Fachhochschule die Ausbildung zur Hebamme machen. Sie ist überzeugt, dass sie Kind und Studium unter einen Hut bekommt, dennoch, findet sie, "soll jede Frau selber entscheiden können, wie lange sie beim Kind zu Hause bleiben will und nicht einfach das tun, was die Gesellschaft vorgibt." Eine Botschaft, die sie von ihrer Mutter gelernt hat. Genauso wie die Tradition, Geschichten und Fotos der Familie aufzubewahren – das Generationenalbum will sie später auch ihrem Sohn zeigen.

Ayten Pacariz, 45: "Fast keine Vorurteile"

"Ich denke, dass ich fast keine Vorurteile habe. Natürlich gelingt mir das nicht immer, aber wenn ich mir etwas im Kopf ausmale, dann sage ich es nicht sofort, sondern versuche auch, mein Gegenüber zu verstehen. Das habe ich von meiner Mutter übernommen." Ayten Pacarizs Mutter war die treibende Kraft in der Familie. Mit ihrer eigensinnigen Art hat sie die beiden Töchter stärker beeinflusst als der zurückhaltende Vater. Hängen geblieben sind bei der gebürtigen Türkin, die in Wien aufwuchs, nach ihrer Heirat elf Jahre in ihrem Geburtsland verbrachte, um schließlich nach Österreich zurückzukehren, (Über)Lebensstrategien und rechtschaffene Werte – entstanden ist eine „sehr innige Beziehung“ zu der einst so dominanten Bezugsperson.

Ayten Pacariz hat – im Gegensatz zu ihrer Mutter – den Spagat zwischen den Welten geschafft. Sie weiß, dass an Werten nicht gerüttelt, dass mit Traditionen und dem Glauben nicht gebrochen werden muss. Es geht darum, neugierig auf Neues zu sein. Bereicherung statt Aufgabe. Aytens Mutter war mit dem Fremden überfordert. Ihre Kinder sollten es besser haben. "Meine Schwester und ich kamen immer an erster Stelle. Sie hat gearbeitet, damit wir keine Einbußen machen mussten. Es ist uns gut gegangen, weil sie auch das Finanzielle im Griff hatte", erinnert sich die 45-Jährige: "Ich schaue auch auf meine Kinder, darauf, dass sie eine gute Schulbildung bekommen. Ich mache das aber nicht mit dem eisernen Willen meiner Mutter, sondern freundschaftlich." Und mit einer gewissen Gelassenheit, die sie sich hart erarbeiten musste. Das Vertrauen und das Verbindliche, die soziale Ader zeichnet Ayten Pacariz aus. Diese Stärken bringt sie auch im Berufsleben ein – beim Verein "Nachbarinnen in Wien", der migrantische Familien bei der Integration unterstützt. Hilfsbereitschaft war und ist auch ein Wesenszug ihrer Mutter. Und dann sind da noch Pünktlichkeit und Fleiß und Leistung. Die Mutter zeigte es vor, die Tochter tat es ihr gleich – im Bewusstsein, sich auch anders entscheiden zu können. Beim Frühstück gibt es kein Abrücken von alten Gewohnheiten. Den Pflichttermin hält sie – wie in der eigenen Kindheit – in ihrer Familie hoch. Zumindest mit Kaffee und Mandeln. Die Gastfreundschaft – von ihrer Mutter vorbildlich vorgelebt – gibt sie ebenfalls an ihren fast erwachsenen Sohn und ihre kleine Tochter weiter. Es wäre nicht Ayten Pacariz, täte sie das nicht reiflich überlegt und mit dem Feingefühl für Tradition und Kultur. Nur mit den Weinblätterrouladen und dem kreativen Schneidern hat es nicht geklappt. Die Fertigkeiten der Mutter sind der Tochter nicht ins Blut übergegangen. „Leider“, sagt Pacariz. Das sture Nein ebenso wenig. Aus gutem Grund. "Das hat mich ziemlich gestört – vor allem in der Pubertät. Das mache ich nicht!", sagt sie emanzipiert. Sturheit ist ihre Sache nicht, vielmehr das Weitergehen, das Offensein. Pacariz: "Ich möchte das wertfreie Denken weitergeben." Nicht nur am Muttertag.

Anna Klien, 81: "Mach alles selber, was du selber machen kannst"

Handarbeit, Hühnerzucht und ein herrliches Verhältnis – das sind unvergessliche Erinnerungen, die Anna Kliem mit ihrer Mutter verbindet. „Bei uns ist alles Plus“, sagt die 81-Jährige. Viel Grund für diese positive Lebenseinstellung hat ihr das Schicksal nicht gegeben. Klein-Anna kommt am 30. September 1934 in Wien zur Welt. Als Teenager ist sie bereits Vollwaise. Der „pumperlgsunde“ Vater wird bei einem Luftangriff auf die Wohnsiedlung erschossen, die Mutter stirbt 1945 44-jährig an Krebs. Die wenigen gemeinsamen Jahre sind geprägt durch Entbehrungen. Die Gabe zum praktisch-logischen Denken und zum „Multitasking“, die Mutter und Tochter gleichermaßen auszeichnet, kommt ihnen entgegen. Sie zieht sich bis heute durch die weibliche Linie. Genau so wie der freie Erziehungsstil: „Ich habe es mit meinen vier Töchtern so gehalten, wie meine Mutter mit mir und meinem Bruder. Wir durften alles, solange es nicht gefährlich war. Und ich habe meinen Kindern immer alles erklärt“, erzählt die rüstige Pensionistin. Sogar die Urenkerl profitieren davon.

Plötzlich fallen der humorvollen Frau die Erdäpfel ein, die sie in ihrer Wohneinheit bei Häuser zum Leben zu Mittag zubereitet hat. „Kartoffel“ gibt es bei ihr nicht. Auch kein Schälen vor dem Kochen, da landet in Summe ein halber Erdapfel im Müll. Andere Rezepte sind ihr von der Mutter nicht überliefert. Küchen-Weisheiten dankt sie der Schwiegermutter. Und schon wechselt Kliem zum Taktgefühl. Musizieren war allein Talent der Mutter, sie stellte es beim Mandolin-Spiel unter Beweis. Das Tanzen lag beiden Generationen im Blut. Die Mutter sei bei jeder Gelegenheit im Garten neben dem Hühnern „herumgehupft“. „Mir ist es auch so gegangen. Aber jetzt können die Füße nicht mehr.“ Dafür sind die Hände noch geschickt. Die gelernte Schneiderin, die lieber Säuglingsschwester geworden werde, schwärmt für die Handarbeit. Ihre Mutter, die als Kontoristin Geld verdiente, strickte in der Freizeit mit Begeisterung. Bei Anna Kliem ist es das Nähen an der Maschine. Seit sieben Jahren genießt die Diabetikerin mit Herzschwäche das Leben im Pensionisten-Wohnhaus in der Wiener Seegasse. Ihr Mann hütet das Haus im Waldviertel. Kommt er zu Besuch, bringt er Flickwäsche mit. Auch da bleibt sich Frau Anna treu – ganz nach dem Leitspruch, den ihr die Mutter hinterließ: „Mach alles selber, was du selber machen kannst.“
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