London Mistkübel Datensammlung.

© Renew

Überwachung
08/13/2013

Mistkübel als Daten-Spione

In London verfolgen Hightech-Mülleimer die Bewegungen von Passanten

von Benjamin Sterbenz

7431 Überwachungskameras im öffentlichen Raum haben London international den Ruf der meistüberwachten Stadt der Welt eingebracht. Die Dichte an Kameras – in Paris sind zum Beispiel nur 326 im Einsatz – hat dazu geführt, dass kaum eine Bewegung in der Innenstadt nicht aufgezeichnet wird.

Nun drohen die Big-Brother-Methoden ein neues Niveau zu erreichen. Die Überwachung der Bürger soll durch Daten-funkende und miteinander vernetzte Mistkübel ausgeweitet werden.

Verfolgt

Neben Abfall sammeln zwölf Mistkübel auf Londons Straße Cheapside, in der Nähe der St. Paul’s Kathedrale, auch heimlich Daten von Passanten. In den Behältern angebrachte Funk-Antennen scannen die Umgebung und halten nach Smartphones mit aktiviertem WLAN Ausschau. Werden Handys entdeckt, wird deren MAC-Adresse, die jedes Gerät eindeutig identifiziert, gespeichert.

Hinter der Aktion steht nicht die Stadtverwaltung, sondern die private Firma Renew. Sie hat seit den Olympischen Sommerspielen 2012 einen Vertrag mit der Stadt, neuartige Mistkübel auf den Straßen zu installieren. Diese 35.000 Euro teuren Abfallbehälter sind mit einem Bildschirm ausgestattet, über den Nachrichten, Verkehrsinfos und auch Werbung laufen. Bis dato wurden 200 Abfallbehälter aufgestellt.

Datenberge

In der neuesten Ausbaustufe wurden nun Scanner eingebaut und in Cheapside ohne Wissen der Passanten getestet – was prompt zu einem Aufschrei von Datenschützern führte. Die gesammelten Informationen werden nämlich von Renew zentral gesammelt und analysiert, um daraus Bewegungsprofile zu erstellen. Laut dem Unternehmen werden innerhalb eines Monats eine Million Geräte erfasst, an Spitzentagen sind es etwa 100.000 einzelne Smartphones.

Die Firma kann aus den erfassten Daten dann ableiten, dass ein bestimmtes Smartphone – und somit sein Besitzer – jeden Tag um 8 Uhr in die Straße im Laufschritt einbiegt, fünf Minuten in einem Café verschwindet und dann später in ein bestimmtes Bürogebäude geht.

Wer wann wie oft und wie schnell gewisse Strecken absolviert: Solche Informationen sollen dann den Geschäften in der Umgebung verkauft werden, um mit Werbebotschaften auf den Mistkübeln Konsumenten genauer ansprechen zu können. Die Überwachungstechnik wird Geschäften auch für den Einsatz innerhalb ihrer Shops angeboten.

Proteste

Wer nicht aufgezeichnet werden will, hat zwei Möglichkeiten. Der Nutzer schaltet unterwegs am Handy das WLAN ab – was 80 Prozent der Londoner nicht tun. Alternativ kann man sich bei der Firma von dem Überwachungsprogramm abmelden – muss dafür aber erst recht die MAC-Adresse angeben.

Nach den lauten Protesten hat am Montag die Stadtverwaltung reagiert und Renew gebeten, den Test zu unterbrechen. „Solche Aktionen dürfen nur mit größter Vorsicht und nur mit der Unterstützung einer aufgeklärten Öffentlichkeit durchgeführt werden“, sagte ein Sprecher der Stadt. Kritiker werfen dem Unternehmen vor, gegen britische Datenschutzrechte zu verstoßen.

Die Firma hat das Scannen nun ausgesetzt und sich an das britische Datenschutz-Büro zur Klärung gewendet. Renew, die das Service als Internet-Cookies für die Straße bezeichnet, ist weiterhin der Ansicht, dass keine Rückschlüsse auf die Identität von Personen gezogen werden können. Alles sei verschlüsselt und anonymisiert, so der Firmenchef.

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