Martin Rütter

© Klaus Grittner

Hunde erziehen
03/04/2017

Martin Rütter: Tipps vom Hundeprofi

Gäbe es eine Fernsehsendung, in der sich Hunde ihre Menschen aussuchen dürften, wäre Martin Rütter vermutlich für die meisten der Tiere die erste Wahl. Denn der Mann weiß, was Hunde wirklich brauchen.

von Annemarie Josef

Martin Rütters Bühnenshows sind ebenso beliebt wie seine Auftritte in TV-Talk-Runden und als „Der Hundeprofi“ in der gleichnamigen Sendung auf Vox. „Berührungen“ am Hund gibt es bei ihm nur in Form von Streicheleinheiten. Hat der Hund ein Problem, dann werden seine Menschen angehalten, an der Beziehung zu arbeiten. Das gilt auch, wenn es sich um V.I.P.s handelt, also Very Important Pets, zum Beispiel jene von Toni Polster oder Elke Heidenreich. Martin Rütters Erfolgsrezept: Die Besitzer müssen arbeiten, mit Reizleine, Bringsel und viel Lob, damit die Beziehung (wieder) ins Lot kommt. Derzeit tourt Rütter mit seinem Programm „nachSITZen“ durch Deutschland und Österreich (Wiener Neustadt, 23.3., und Linz, 24.3.).

Für die freizeit hat sich der gefragte Hundeprofi Zeit genommen und erklärt, warum lange Spaziergänge mit dem Hund zu wenig sein können und Leinenruck sowie Anschreien des Hundes bloß ein Eingeständnis eigener Unzulänglichkeit sind.

Was ist ein gutes Hundeleben? Zu erkennen, was der Hund braucht, ist der erste Schritt für ein harmonisches Zusammenleben

freizeit: Herr Rütter, wie würden Ihre beiden Hunde Sie beschreiben?

Martin Rütter: Wahrscheinlich in etwa so: „Er ist zwar anstrengend, aber (…)“ (lacht). Aber mal im Ernst: Ich denke, Emma und Abbey können ganz zufrieden mit mir sein.

Was ist das Wichtigste für eine gute Beziehung zwischen Hund und Mensch?

Ich denke, dass es das Wichtigste ist, mit dem Hund eine echte Partnerschaft einzugehen. Es gilt, seine Bedürfnisse zu respektieren und zu stillen. Gleichzeitig sind eine gute Erziehung, adäquate Beschäftigung, ein allgemein respektvoller Umgang sowie Freude und Spaß die Basis für ein harmonisches Zusammenleben von Mensch und Hund.

Spazieren gehen alleine reicht nicht ...

Sie haben einmal gesagt, viel Spazierengehen mit dem Hund sei zwar toll, reiche aber nicht aus. Warum nicht?

Weil ein monotoner Spaziergang, bei dem nichts wirklich Spannendes passiert, für viele Hunde todlangweilig ist. Der Hund denkt sich: Hier ist ja gar nichts los, dann mache ich es mir mal selber nett.

Wie läuft ein spannender Spaziergang ab?

Leckerli-Suchspiele oder Apportierspiele mit dem Lieblingsspielzeug des Hundes sind zwei schöne Beispiele für Beschäftigungsformen auf Spaziergängen. Prinzipiell ist Auslastung ein ganz wichtiges Thema, weil ganz viele Probleme dadurch entstehen, dass unsere Hunde nicht ausreichend beschäftigt werden, sowohl körperlich als auch geistig.

Hilfe, mein Hund läuft weg? Was tun?

Grundsätzlich sollte man einen Hund erst dann frei, also ohne Leine oder Schleppleine laufen lassen, wenn ein Rückrufsignal zuverlässig aufgebaut wurde. Dazu trainiert man zunächst ohne Ablenkung, z.B. zu Hause oder im Garten, und steigert dann Schritt für Schritt die Ablenkungen.

Diese sollten dabei durchaus variieren, angefangen von leichten bis zu schweren Varianten. Was dabei jeweils leicht oder schwer ist, hängt vom Hund ab. Dem einen Hund fällt es leichter, zu kommen, obwohl Ablenkung in Form von ausgelegtem Futter lockt, für den anderen Hund ist das Spiel mit dem Hundekumpel eine schwierige Ablenkung.

Erst wenn man diese Ablenkungen im gesicherten, also z.B. umzäunten Gelände geübt hat, und den Hund z.B. auch auf dem Weg zu anderen Hunden, mitten aus dem Spiel oder aber von einem ausgelegten Futterbeutel oder Dummy oder aber auch mitten aus der Hetze mit der Reizangel abrufen kann, ist ein Freilauf relativ gefahrlos möglich.

Denn man muss sich immer darüber im Klaren sein, dass ein ohne Aufsicht frei laufender Hund nicht nur sich, sondern auch andere gefährden kann, wenn er z.B. über eine stark befahrene Straße läuft. Sollte ein Hund doch einmal weglaufen, gibt es für das Handeln danach leider keinen generellen Ratschlag.

Zum einen hängt es davon ab, wo man sich mit dem Hund zu diesem Zeitpunkt befunden hat. War man in einem Gelände, welches der Hund kennt, kann es sein, dass er auf bekannten Wegen nach Hause oder Richtung Parkplatz zum Auto läuft?

Befindet man sich dagegen an einem Ort, welchen der Hund nicht kennt, wie z.B. im Urlaub oder aber auch in neuer Umgebung, weil er z.B. gerade erst an die Familie vermittelt wurde, bleibt meist nur übrig, an der Stelle, an welcher der Hund entlaufen ist, einige Zeit lang zu warten.

Eines muss man ganz klar festhalten: Dem Hund geht es heute im Kreise der Menschen so gut wie nie. Dadurch dass sich die gesellschaftliche Rolle des Hundes sehr stark verändert hat, nämlich weg vom reinen Arbeitstier hin zum vollwertigen Sozialpartner, hat sich auch das Bewusstsein der Menschen gewandelt. Die Zeiten, in denen die landläufige Meinung vorherrschte, ein Hund sei nur durch Drill und Unterjochung zu bändigen, sind glücklicherweise vorbei. Natürlich gibt es immer noch ein paar Unbelehrbare, aber im Großen und Ganzen weiß inzwischen jeder gute Hundetrainer, dass bei der Erziehung die individuellen Bedürfnisse des jeweiligen Hundes und nicht die Wünsche des Menschen im Vordergrund stehen müssen. Dass sich dieses Bewusstsein mittlerweile fest in den Köpfen der Menschen verankert hat, stellt wohl die größte Veränderung dar.

Soll ich heute mal wieder in die Leine springen?

Hund anbrüllen, Leinenruck, wegziehen, hinter sich herschleifen - was sollten Hundebesitzer darüber wissen?

Gewalt in jeglicher Form im Bereich der Hundeausbildung ist immer ein Eingestehen von menschlicher Unzulänglichkeit. Dabei ist es egal, ob man den Hund ständig anschreit, ein Stachelhalsband benutzt, um dem Hund das Ziehen an der Leine abzugewöhnen, oder den Hund durch ständiges massives Einwirken über die Leine physisch und auch psychisch so unter Druck setzt, dass er es nicht mehr verarbeiten kann. Hier sollte die Belohnung an den richtigen Stellen das Instrument für die Erziehung sein. Zudem führt ein Leinenruck oder aber das Wegziehen des Hundes nicht wirklich dazu, dass der Hund lernt, an lockerer Leine entspannt zu laufen. Denn das fällt ihm in der Situation, in welcher es zum Leinenruck kommt, ja offensichtlich gerade schwer.

Wie macht man es richtig?

Viel sinnvoller, als den Hund für etwas zu bestrafen, was er offensichtlich ja noch gar nicht gelernt hat, ist, ihm in kleinen Schritten beizubringen, welches Verhalten man sich von ihm wünscht. Dazu trainiert man in ablenkungsfreier, also reizarmer Umgebung in kleinen Schritten das lockere Laufen an der Leine. Sprechen Sie Ihren Hund an, machen Sie ihn aufmerksam, und gehen Sie einen Schritt von ihm weg. Folgt er an lockerer Leine, gibt es sofort eine tolle Belohnung. Schritt für Schritt steigern Sie nun die Anzahl der Schritte, die Ihr Hund Ihnen an lockerer Leine folgen soll. Können Sie bereits eine längere Strecke laufen, ist es nun Zeit, auch Ablenkungen wie z.B. andere Mensch-Hund-Teams, die entgegenkommen, in das Training mit einzubauen.

Ohje, da vorne ist schon die nächste Hundebegegnung ... Was tun?

Thema Hunde in der Großstadt. Immer mehr Hunde sorgen auch für immer mehr Hundebegegnungen, die nicht immer harmonisch sind. Haben Sie einen Rat?

Wenn ein Hund adäquat beschäftigt wird, ist es ihm letztlich völlig egal, ob er in einer 20 Quadratmeter großen Stadtwohnung oder in der Landhaus-Villa mit persönlichem Diener lebt. Allgemein ist gerade für das Leben in der Stadt gegenseitige Rücksichtnahme oberste Voraussetzung! Ich sehe deshalb zuerst immer die Menschen in der Verpflichtung und Verantwortung. Sie müssen dafür Sorge tragen, dass ihre Hunde gut erzogen und für das Leben im Großstadtdschungel gewappnet sind – was letztlich in der Konsequenz automatisch zu einem entspannten Miteinander führen würde. Das würde auch die immerwährenden Diskussionen über generelle Leinenpflicht ad absurdum führen. Denn eines ist auch klar: Natürlich bietet ein Spaziergang ausschließlich an der kurzen Leine für einen Hund keine ausreichende Auslastung. Daher muss ein Freilauf oder aber ein Spaziergang an der längeren Schleppleine immer auch gewährleistet sein.

Soll man auf den Runden mit dem Hund stets den Weg vorgeben? Oder ist es ok, den Hund gewähren zu lassen, wenn er in eine andere Richtung will?

Der Mensch führt seinen Hund durch das Leben, und gibt ihm damit Sicherheit. Der Hund erkennt, dass er sich am Menschen orientieren und darauf verlassen kann, dass dieser Entscheidungen trifft, die für das Mensch-Hund-Team positiv sind. Daher macht es natürlich keinen Sinn, den Hund entscheiden zu lassen, welcher Weg auf dem Spaziergang gewählt wird. Zumal es auch aus menschlicher Sicht in der Regel wenig sinnvoll ist, denn der Hund weiß ja nicht, wieviel Zeit heute für den Spaziergang zur Verfügung steht, welche weiteren Pläne es gegebenenfalls gibt (Besuch eines Bekannten auf der Wegstrecke, Blumen, die gesammelt werden sollen, etc.).

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