Duale Ausbildung wird international bewundert

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Foto: KURIER/Franz Gruber OECD-Studie würdigt, dass 76 % der jungen Österreicher eine Ausbildung absolvieren.

Das heimische System wird weltweit bewundert – trotzdem gibt es immer weniger Lehrlinge.


Es war ein ungewöhnlicher Schritt, doch es war wohl die richtige Entscheidung: Nach dem vierten Jahr in der HTL wollte Marina Ebner nicht länger in eine berufsbildende höhere Schule gehen, sondern praktisch arbeiten.

Marina Ebner Lehrling Ottakringer Brauerei… Foto: /Uwe Mauch Die Beraterin des Vereins Sprungbrett hat sie dann gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, in der Brauerei der Firma Ottakringer zu beginnen. Die junge Frau schluckte kurz. Getränke- und Brau-technikerin war nicht unbedingt der Beruf, von dem sie als Mädchen geträumt hatte.

Inzwischen ist sie im zweiten Lehrjahr. Und zeigt sich sehr zufrieden mit ihrer Entscheidung, die ihr für ihre berufliche Zukunft einige Türen öffnen sollte. Auch ihre Lehrherren loben die erste und einzige Frau im Brauhaus. Und die Firma hat sie bereits zu einer Enquete entsandt.

Zu wenige Lehrlinge

Marina Ebner ist eine Ausnahme. Nachdem in Österreich die duale Ausbildung lange schlechtgeredet und die Matura als Nonplusultra gehandelt wurde, gehen immer weniger Jugendliche nach der Schule in die Lehre: Waren es im Jahr 1980 noch knapp 50 Prozent, sind es heute nicht einmal mehr 40. Die Demografie verschärft die Situation weiter, wie Michael Landertshammer, der Leiter der Bildungsabteilung der Wirtschaftskammer Österreich, ausführt: 1980 gab es 130.000 15-Jährige, 2013 sind es gerade noch 89.000.

Außerdem gibt es vor allem in Wien weniger Betriebe, die Lehrlinge ausbilden. Folge: Österreichs Betrieben gehen die gut ausgebildeten und weltweit geschätzten Facharbeiter aus. Diesen Mangel bestätigt auch eine Umfrage der WKO: Zwei von drei Betrieben bestätigen, dass sie ernste Probleme haben, Lehrlinge zu finden. Besonders schwer tut sich die Tourismus- und Freizeitbranche. Auch Gewerbe, Handwerk und Handel signalisieren Probleme. Während die Industrie weiterhin als attraktiver Arbeitgeber gilt. Was unter Umständen auch an der besseren Bezahlung liegt.

Dabei ist das duale Ausbildungssystem mittlerweile international hoch angesehen. Hatten Experten der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) jahrelang die niedrige Akademikerquote in Österreich bemängelt, so loben sie in ihrer aktuellen Studie Education at a Glance ausdrücklich, dass 76 Prozent der jungen Österreicher eine berufliche Ausbildung absolvieren. Das ist weltweit führend, ergibt sich aber auch aus der Miteinberechnung aller Schüler von berufsbildenden höheren Schulen.

Exportschlager

Im eigenen Land gering geschätzt, im Ausland gefeiert. Allmählich spricht sich auch nach Österreich durch, dass die duale Lehrlingsausbildung global gelobt wird.

Ivanka Springer Unternehmerin GründerZagreb Kroati… Foto: /Uwe Mauch Jüngstes Beispiel ist die Initiative der kroatischen Geschäftsfrau Ivanka Springer (im Bild ganz  links), der es nicht nur gelungen ist, in ihrem Bildungsinstitut in Zagreb WIFI und bfi friedlich zu vereinen. Sie hat auch mit österreichischer Hilfe duale Lehrlingssysteme in Kroatien, Serbien, Malta und jetzt in Moldawien implementiert. In ihren berufspraktischen Kursen werden unter anderem Baufacharbeiter, Köche und Kellner fit für die EU gemacht. "Die große Nachfrage ist auch ein gutes Zeugnis für Österreich", so Springer.

Konkurrent Schule

Apropos: Größte Konkurrenz der Lehrbetriebe sind laut Michael Landertshammer von der WKO die mittleren und höheren Schulen, die aus rein finanziellem Kalkül den sinkenden Geburtenraten trotzen wollen. "Da werden Jugendliche aufgenommen, obwohl von Anfang an klar ist, dass die den Abschluss nicht schaffen werden."

Landertshammer schlägt deshalb vor, die Finanzierung der Schulen abhängig von der Anzahl der Absolventen zu machen. Zudem sollten "Lehre und Schule endlich als gleichwertige Abschlüsse gelten" (siehe links). Bierbrauerin Marina Ebner wäre wohl der beste Beweis dafür.

Studie

Wann die Gesamtschule ein Erfolgsmodell ist

Schulautonomie und externe Prüfungen zeichnen PISA-Sieger wie Finnland aus Bildung ist ein wichtiger Standortfaktor. Nur logisch, dass sich die Wirtschaftskammer (WKO)  intensiv mit dem Thema auseinandersetzt. Jetzt hat sie beim Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw)  eine Studie in Auftrag gegeben, die sich mit dem Thema Gesamtschule  beschäftigen soll. Denn die Frage,  ob 10–14-Jährige in einer gemeinsamen Schule unterrichtet werden sollen, spaltet die Bildungspolitiker wie keine andere.

Studienautor Kurt Schmid will  solch ideologischen Debatten ausweichen: „Nur die Gesamtschule einzuführen macht ein Schulsystem noch nicht erfolgreich“, sagt er. Allerdings zeigt sich, dass in Ländern mit  Gesamtschulsystemen Bildung weniger vererbt wird als in solchen mit differenzierten Systemen.“ Schmid  erklärt sich  das so: „Die Entscheidung für Gymnasium oder Hauptschule ist auch eine soziale Zuschreibung. Das wirkt sich auf das Selbstbild der Schüler aus.“ Wer sich selbst als Verlierer des Bildungssystems sieht, bringt auch schlechtere Leistungen.

Warum sind Finnen top?

Die Frage, die sich die Wissenschaft stellen muss, lautet also:  „Welche Faktoren machen eine Gesamtschule erfolgreich?“ Oder warum ist Finnland bei PISA top  und Italien weit von der Spitze entfernt – obwohl beide eine gemeinsame Schule haben?Vielleicht erstaunlichstes Ergebnis der Studie: Klassische Faktoren wie Bildungsausgaben, Klassengröße, Lehrer-/Schülerverhältnis und Anzahl der Unterrichtsstunden wirken sich kaum aus.   Zum Erfolg führen dagegen ein guter Unterricht und die Fähigkeit der Lehrer, individuell zu unterrichten. Heißt: Die schwachen Schüler zu fördern und die guten zu fordern.

Das ist aber derzeit weder im Gymnasium noch in der Neuen Mittelschule oder Hauptschule möglich. Die Lösung wäre also, eine Struktur zu schaffen, in der Individualisierung gelebt werden kann. Wichtigstes Erfolgskriterium ist dabei die Schulautonomie. Wo am Standort über   Budget und Personal entschieden wird,  wird meist effektiver gearbeitet. Externe Prüfungen wie z.B. Bildungsstandards  sorgen dafür, dass das Niveau nicht sinkt.

Angesichts dieser Ergebnisse fordert Michael Landertshammer von der Wirtschaftskammer: „Es hängt sehr viel  vom Lehrer ab. Deshalb müssen wir in dessen Ausbildung investieren.  Er muss wissen, wie er mit unterschiedlichen Begabungen umgeht.“ Sein Wunsch: Eine pädagogische  Universität  als Ausbildungsort für alle Pädagogen . Und: „Der Beruf des Pädagogen  muss attraktiver gemacht werden.“

(kurier) Erstellt am
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