So hätte Eva (dargestellt von einer britischen Schauspielerin) ihr Leben während der Judenverfolgung auf Instagram dokumentiert. Hashtag: #lifeduringwar

© Fotomontage KURIER

Leben
05/08/2019

#LebenImKrieg: Darf man den Holocaust via Instagram vermitteln?

Die Insta-Storys eines jüdischen Mädchens berührten Millionen. Was Experten von dieser Art des Gedenkens halten.

von Julia Pfligl

Eva blickt in die Linse ihres Smartphones und sagt: „Wir sind umgeben von Krieg, aber ich sehe immer die Sonne.“ Es ist 1944, das ungarische Mädchen ist gerade 13 geworden, freut sich über sein erstes Paar Stöckelschuhe und schwärmt für einen Freund.

Ihren Teenie-Alltag dokumentiert sie – wie das Teenies eben tun – in den Insta-Storys, kurze Videos, die normal nach 24 Stunden verschwinden. Auf Evas Instagram-Profil (@eva.stories) sind sie gespeichert. Es handelt sich um ein aufwendiges Erinnerungsprojekt, das anlässlich des israelischen Holocaust-Gedenktages online ging und in 70 Kurz-Episoden – stilecht versehen mit Hashtags und Emojis – die wahre Geschichte der jüdischen Schülerin Eva Heyman in die Gegenwart holt. 1,6 Millionen Menschen haben „Eva’s Story“ bereits abonniert, der beklemmend aufbereitete Weg des Mädchens von der Ghettoisierung bis zur Deportation erreichte große mediale Aufmerksamkeit.

Idee und Geld stammen vom israelischen Technik-Unternehmer Mati Kochav; er wollte etwas gegen die vor allem außerhalb Israels schwindende Erinnerung an den Holocaust tun, sagte er der New York Times, und investierte mehrere Millionen Dollar. Erst kürzlich offenbarte eine Studie gravierende Wissenslücken der Österreicher, vor allem die Jungen schnitten schlecht ab: Mehr als die Hälfte der 1.000 Befragten wusste nicht, dass im Zweiten Weltkrieg sechs Millionen Juden ermordet wurden, 42 Prozent der nach 2000 Geborenen schätzten die Zahl auf maximal zwei Millionen. Ebenso viele konnten das österreichische Vernichtungslager Mauthausen nicht nennen. Offenbar gelinge es nicht, Kinder über die Gräueltaten der Nazis aufzuklären, resümierte Matthew Bronfman von der Claims Conference, eine Vereinigung jüdischer Organisationen, die die Studie in Auftrag gab.

Wohin die mangelnde Auseinandersetzung mit der Vergangenheit führen kann, demonstrierte der Künstler Shahak Shapira mit seinem „Yolocaust“-Projekt: Er fischte zwölf besonders pietätlose Selfies vor dem Berliner Holocaust-Mahnmal aus dem Social Web und photoshoppte die Protagonisten in eine historische Holocaust-Szenerie, unterlegt mit Sätzen wie „Auf toten Juden herumspringen“. Die schockierenden Fotomontagen verfehlten ihre Wirkung nicht: Alle zwölf Selfie-Macher entschuldigten sich.

Geschmacklos?

Viele fanden die Aktion geschmacklos, auch „Eva’s Story“ entfachte Kritik: Die Aufarbeitung trivialisiere Völkermord und beleidige die Intelligenz der Jugend, empörten sich Internet-Nutzer. Ist es legitim, Todeszüge und Judensterne dort zu zeigen, wo normal Avocadobrote und Sonnenuntergänge dominieren?

Ja, teilte sowohl Yad Vashem, die wichtigste Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, als auch der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in einer Aussendung mit.

Ja, findet Béla Rásky, Direktor des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien (VWI): "Weil einfach alles erlaubt sein sollte, wenn der letzte Zweck sein soll, über die NS-Verbrechen zu sprechen - dass dabei gewisse Regeln von Anstand, Moral und Respekt gegenüber den Opfern eingehalten werden sollten, versteht sich wohl von selbst."

Ja, sagt auch Willi Mernyi, der als Vorsitzender des Mauthausen Komitees sicherstellt, dass der Schrecken der NS-Zeit nicht aus den Köpfen schwindet. „Wir sollten jede Möglichkeit nutzen, um Jugendliche zu erreichen.“ Die Frage, ob soziale Medien für die Vermittlung sensibler historischer Inhalte geeignet sind, stelle sich nicht: „Es geht nicht darum, ob wir sie nutzen. Es geht nur darum, wie wir das tun.“

"Hollywoodisierung"

Rásky sieht das digitale Erinnerungsprojekt dennoch kritisch. Einiges deutet darauf hin, dass das Tagebuch, das als Vorlage für "Eva's Story" diente, gar nicht von ihr selbst verfasst wurde, sondern von ihrer Mutter Agnes Zsolt. Sie überlebte den Holocaust, nicht aber die Trauer um ihre Tochter: Sechs Jahre nach Ende des Kriegs nahm sich die Ungarin in einem Sanatorium das Leben. "Das Problem könnte nun hier sein, dass Rechtsextreme - ähnlich wie bei der vom Vater gekürzten Fassung des Tagebuchs von Anne Frank - das ganze Unterfangen dazu benutzen könnten, den ganzen Holocaust zu leugnen, in Abrede zu stellen", fürchtet Rásky.

Auch an der "Hollywoodisierung" stößt er sich, obgleich die Shoah auf diese Weise bereits mehrfach erfolgreich vermittelt wurde (man denke etwa an den oscarprämierten Film "Der Pianist" oder an die 70er-Jahre-Serie "Holocaust"). "Meines Erachtens hätte man das Projekt dazu benutzen können, andere Bereiche einer Öffentlichkeit zu vermitteln: Wie Überlebende ihre Traumata abarbeiten mussten, wie sie sich mit ihrer Trauer auseinandersetzten, wie langlebig diese Schädigungen sind. Für mich fehlen also die Tiefenebenen der Aufarbeitung - die man meines Erachtens aber auch der Instagram-Generation zutrauen kann." Denn diese, sagt der Historiker, sei durchaus zu mehr fähig als zum Emojis-Posten und "Like"-Knopf-Drücken.

Und was sagt die Zielgruppe, die Generation Instagram, zur neuen Form der Geschichtsvermittlung? Esther, 15, die mit ihrer Klasse ein Zeitzeugen-Projekt inszeniert hat, ist von „Eva’s Story“ begeistert: „Ich halte es für eine extrem tolle Idee. Wir schauen uns Influencer auf Instagram an, aber es ist ein ganz anderes Gefühl, wenn ein Junger eine echte, wichtige Geschichte erzählt.“ So bekommt der überstrapazierte Begriff „Influencer“ (Meinungsmacher im Netz) doch noch eine sinnvolle Bedeutung.

Dass sich ein barbarisches Stück Geschichte am eindringlichsten über persönliche Schicksale erzählen lässt, weiß man spätestens seit Anne Frank. Das jüdische Mädchen, das kurz vor Kriegsende im KZ umkam und wie Eva ein berührendes Tagebuch hinterließ, ist laut eingangs erwähnter Studie 80 Prozent der Österreicher ein Begriff. „Seien wir ehrlich“, sagt Mernyi, „wer kann sich schon eine Zahl von sechs Millionen Ermordeten vorstellen? Ich könnte Geschichten erzählen, was man Menschen in Mauthausen angetan hat, die sind weit dramatischer als diese Zahl.“ Faktenwissen sei wichtig, sagt Mernyi. Aber: „Für die Jungen ist die Frage nach Zivilcourage heute wichtiger. Sie müssen wissen, wie es so weit kommen konnte und was man tun kann, damit so etwas nicht mehr passiert.“

Evas letzte Insta-Story spielt im Juni 1944. Panisch kauert sie im Todeszug nach Auschwitz, wo sie im Oktober vergast wird. Ihr Wunsch, Fotografin zu werden, erfüllte sich nie. Vielleicht aber wird sie 75 Jahre nach ihrem Tod die wichtigste Influencerin, die Instagram je gesehen hat.

8. Mai

Ab 1945: Tag der Befreiung

Am 8. Mai 1945 um 23.01 Uhr trat die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Kraft, der Zweite Weltkrieg war beendet, Österreich sah sich vom Nationalsozialismus befreit. In Großbritannien spricht man vom VE-Day, in den USA vom V-E-Day (Victory in Europe-Day, also Sieg in Europa-Tag).

Seit 2013: Fest der Freude

Ab den 90er-Jahren veranstalteten Burschenschafter am 8. Mai ein „Totengedenken“ für Wehrmachtssoldaten am Heldenplatz. Seit 2013 findet dort ein Gratiskonzert der Wiener Symphoniker statt (Veranstalter: Mauthausen Komitee), die Mahnwache hält das Bundesheer.