Leben
06.05.2018

Kostspielig: Das lukrative Geschäft mit der Hochzeit

Vom Poltern bis zum perfekten Kleid: Ja-Sagen wird heute teuer in Szene gesetzt.

Der Sommer hat noch nicht einmal begonnen und ist jetzt schon durchgeplant – zumindest an den Wochenenden. Zwischen Juli und September ist Sarah, 30, zu fünf Hochzeiten geladen, dazu kommen drei mehrtägige Junggesellenabschiede in Berlin, Amsterdam und der Südsteiermark. Das kostet Zeit. Und Geld. "Es ist ja nicht nur das Geschenk", schnaubt die Wienerin, "sondern Anreise zum Polterer, Hotel und ein Kleid in der Hochzeitsfarbe, wenn man Brautjungfer ist."

Heiraten ist kostspielig(er) geworden, für alle Beteiligten. Das gilt für jedes Preissegment, besonders aber für Hochzeiten im gehobenen Bereich. Solche organisiert die Wiener Hochzeitsplanerin Bianca Lehrner: Zwischen 25.000 und 35.000 Euro geben ihre Brautpaare durchschnittlich aus, viel mehr als noch vor einigen Jahren. Das liege daran, dass die Anbieter – vom DJ über den Floristen bis zum Fotografen – teurer geworden sind. So hätte sich etwa in den vergangenen Jahren der Trend zu "Pärchenfotografen" etabliert: Fotografen, die privat ein Paar sind, kommen zu zweit, um die Brautleute beim "Getting Ready" getrennt abzulichten und bei der Feier möglichst viele Social-Media-taugliche Bilder zu schießen. Kostenpunkt: 2500 Euro aufwärts.

Die Preise steigen also, gleichzeitig wollen Brautpaare ihren Gästen immer mehr bieten. Kaum eine Hochzeit kommt mehr ohne Candybar (ansehnlich angerichteter Süßigkeitentisch) und Fotobox aus, und über Online-Portale wie Instagram und Pinterest trudeln täglich neue Inspirationen ein. Passend zum anhaltenden Vintage-Trend stünden derzeit Saltybars (pikantes Pendant zur Candybar) und Kräuterbars (zum Veredeln von Spritzer oder Prosecco) auf der Vermählungswunschliste. "Früher dauerte es Jahre, bis ein Trend aus den USA zu uns kam", sagt Lehrner, "jetzt gibt es ständig was Neues." So manche Braut (Frauen seien in der Planung immer noch federführend) bringt das Web auf kühne Ideen: "Eine Kundin kam mit einem Foto von einer Hochzeit, bei der der Plafond mit Lichterketten verhängt war. Schaut toll aus, kostet aber viel und ist extrem aufwendig. Wir haben es umgesetzt, dafür musste ein Kranwagen anrücken."

Zwischen Tüll und Tränen

Der Eventcharakter beginnt heute lange vor dem großen Tag. Die Brautkleidanprobe gerate zunehmend zum nachmittagsfüllenden Sektgelage mitsamt Mütter-, Tanten- und Freundinnen-Entourage. Die Ansprüche seien gestiegen, seit die Reality-TV-Show "Zwischen Tüll und Tränen" im Fernsehen läuft, sagt Hochzeitsprofi Lehrner.

Durch die wachsende Lust am perfekten Hochzeitsfest entstehen immer mehr eigene Geschäftsfelder. "Das Erstheiratsalter steigt, die Leute sind mitten im Berufsleben und wollen die Organisation auslagern." Zum Beispiel an einen Location-Scout, der Ausschau nach dem passenden Ort für die Feier hält. Oder an eine Reiseagentur, die auf Junggesellenabschiede (kurz: JGA) spezialisiert ist. Mit ein paar Kumpels am Samstagabend durch die Heimatstadt zu ziehen, um Kondome oder Küsse zu verkaufen – das war einmal.

"Wir beobachten, dass die Leute immer mehr Zeit und Geld in die Organisation von JGAs investieren", berichtet Rasmus Christiansen von Pissup Reisen, dem größten Anbieter für Polterreisen im deutschsprachigen Raum. "Hochzeiten werden immer spektakulärer gefeiert, da ist es fast schon logisch, dass nebenbei ein Markt für JGAs entsteht. Schließlich soll der ‚letzte Abend in Freiheit‘ Gesprächsstoff für die Hochzeit liefern." In den 90ern verlagerten sich die Bachelor-Partys vom Eigenheim in die Disco, nach der Jahrtausendwende, mit dem Aufkommen der Billigflieger und dem Kino-Hit "Hangover", ins Ausland. Christiansen: "Tatsächlich finden heute 50 Prozent der britischen JGAs in Form von Wochenendtrips in europäische Metropolen statt." Deutsche und Österreicher ziehen nach, gefragt sind Prag, Palma, Amsterdam. Zwischen 300 und 400 Euro geben seine Kunden im Schnitt für ein innereuropäisches Polterwochenende aus – ohne An- und Abreise.

Sarah sogar dreimal. Kommendes Jahr wird sie selber vor dem Altar stehen. Eines weiß sie bereits jetzt: Jede Brautjungfer darf das anziehen, was sie möchte. Und gepoltert wird weder auf Malle noch in Prag. Sondern ganz einfach – zu Hause.