Arbeit bei "Ausblick nach oben" klärte für zwei Jugendliche die Berufsperspektive

© Robert Polster / Volkstheater

Theaterprojekt
06/19/2016

Jetzt wissen sie, was sie (werden) wollen!

Tarik Bitar (17), Muhammad Al Ibrahim (16), beide aus Syrien geflüchtet, fanden bei Projekten mit dem "Jungen Volkstheater" zum Theater. Der KiKu traf die beiden zum Interview.

von Heinz Wagner

Wer „Ausblick nach oben“ vom Jungen Volkstheater in der Spielstätte Volx/Margareten (ehemals Hundsturm) gesehen hat, wird sich vielleicht an ihn erinnern – an den Jungen, der seinen Berufswunsch als Kind in Syrien mit Zahnarzt schilderte – auf Arabisch in einer Sprachmelodie, die an Kurdisch bzw. Farsi erinnert. Muhammad Al Ibrahim ist mittlerweile 16, will einzig und allein Schauspieler werden und kann sehr gut Deutsch.

Und Tarik Bitar (17), der damals vom Jungen Volkstheater eigentlich „nur“ engagiert wurde, um für Muhammad Al Ibrahim zu übersetzen, ist seinem lang gehegten Wunsch, Schauspieler zu werden sehr viel näher gekommen.

Der Kinder-KURIER traf die beiden zu einem Gespräch in der „Roten Bar“ hoch über dem Theaterraum des Volkstheaters. Wie erwähnt, sollte Tarik Bitar als Übersetzer von Arabisch auf Englisch und/oder Deutsch in Aktion treten.„Aber ich hab dann gleich gesagt, ich will auch auf der Bühne stehen und spielen. Das wollte ich schon mit ungefähr 12 Jahren.“

Wie kam das? Waren Sie öfter in Damaskus im Theater und ist so der Wunsch entstanden?
Nein, ich habe viele Filme geschaut und das hat mich beeindruckt. Und mein Vater hat öfter gesagt: „Du solltest Schauspieler werden.“

Wieso das? Haben Sie ihm so viel und gut was vorgemacht/vorgespielt?
Nein, aber wenn ich mit meinen Brüdern gestritten habe, dann habe ich immer die Rolle meines Vaters gespielt und da sagte er: Du könntest ein guter Schauspieler sein.

Und, haben Sie in Damaskus in einem Theater gespielt oder in einem Theaterklub?
Nein, ich wollte erst älter werden, eine Schule fertig machen, ich kam damals gar nicht auf die Idee, gleich Theater zu machen. Das kam dann erst in Wien im Volkstheater.

Ganz anders als gedacht

Und, war das dann so, wie Sie sich das als Kind erträumt haben?
Nein, es war ganz anders. Ich habe gedacht, wir bekommen eine Rolle und wir lernen das. Aber hier war das ganz anders. Wir haben den Text zusammen erarbeitet. Wir haben Fragen bekommen, die beantwortet und daraus haben wir dann den Text genommen.

War das schwieriger oder einfacher?
Ganz anders als ich gedacht habe, aber es war schon gut.

Wie war das vor dem ersten Auftritt?
Vor meiner ersten Vorstellung war das für mich ganz entspannend. Ich wollte einfach nur rausgehen und spielen. Das war ganz toll.

Hat Ihre Familie Sie schon auf der Bühne gesehen, wie hat sie es gefunden?
Ja, meine Familie war da. Sie fanden’s toll.

Waren Sie da nervöser?
Ja, ein bisschen schon. Meine Mutter hat überrascht reagiert und ich dachte zuerst, sie würde es schlecht finden. Aber am Ende hat sie dann gesagt: „Das war so tooooll!“

War Ihre Familie überrascht, dass Sie jetzt Theater spielen?
Das wollte ich ja sowieso machen, wenn ich ein bisschen älter bin, weil ich es will. Und sie finden, es ist eine tolle Idee, dass ich das mache, was ich mag.

Wollte Zahnarzt werden

Muhammad Al Ibrahimwollte als Kind und Jugendlicher Zahnarzt werden. „Aber als ich in Wien zum ersten Mal überhaupt mit meiner WG in einem Theater war, da wollte ich sofort auch auf der Bühne stehen. Ich wusste bei dieser Aufführung, die wir gesehen hab: Schauspieler, das will ich werden.

In Syrien, in Aleppo war das nie ein Thema für Sie?
Ich war Kind, habe nie Theater oder Schauspieler gesehen, ich hab nur Arbeit gesehen und Schule.

Wie kamen Sie in Wien zum Theater?
Ich lebe in einer WohnGemeinschaft. An dem einen Tag wollten wir eigentlich zuerst ins Kino gehen, dann hat wer gesagt, „gemma ins Theater“. Da haben alle gesagt, „Ja, warum nicht!“

Warum, was war das Faszinierende?
Es war ganz neu für mich – das laute Sprechen, das Licht und die Menschen die klatschen, wenn du da oben spielst.

Und wie war das dann beim Jungen Volkstheater auf der anderen Seite, das erste Mal auf der Bühne zu stehen und spielen?
Ja, zugegeben, am Anfang hatte ich schon ein bisschen Angst. Aber beim nächsten Mal war’s vorbei und dann war’s gleich in Ordnung.

Flucht

Tarik Bitarwuchs in der syrischen Hauptstadt Damaskus auf – „mit Arabisch, in der Schule habe ich Englisch und Französisch gelernt“. Dazwischen lebte die Familie zwei Jahre im US-amerikanischen Atlanta (Georgia). Nach der Rückkehr nach Syrien war es aufgrund des Krieges notwendig zu flüchten – zuerst nach Ägypten und auf einem der gefährlichen, mehr als überfüllten Boote übers Mittelmeer nach Europa. „Da war nur Angst. Es war wirklich schrecklich. Du weißt nicht, ob und wann du stirbst. Vor lauter Angst kannst du nicht schlafen und auch nicht essen. Aber Wasser brauchst du. Und davon gab es viel zu wenig, weshalb es je länger die Überfahrt dauerte umso mehr zu Streitereien kam. Zum Glück hatte ich meine ganze Familie mit dabei. Und zum Glück haben wir alle überlebt. Seitungefähr zwei Jahren leben wir in Wien.“

Hier besucht Tarik Bitar die arabische Schule, „weil ich da schneller zur Matura komme – in einem Jahr, in einer österreichischen Schule hätte ich noch vier Jahre gehabt, bis ich endlich studieren kann.“ Jus und Schauspiel will er dann studieren.

Muhammad Al Ibrahim wuchs im syrischen Aleppo auf – „meine Muttersprache war Kurdisch, aber wir sind mit Arabisch aufgewachsen, vor allem in der Schule.

Mit Kurmandschi?
Ja, bei uns war das erlaubt, aber in der Schule hatten wir nur Arabisch.

Vor rund eineinhalb Jahren ist er allein – als sogenannter Unbegleiteter Minderjähriger Flüchtling (UMF) – über die Türkei und Bulgarien nach Österreich gekommen. „Das war ganz schwer, wir waren sechs Jugendliche. In Bulgarien hat uns die Polizei festgenommen, geschlagen und in die Türkei zurückgeschickt. Vier Mal ist uns das passiert. Erst beim fünften Mal haben wir’s geschafft. Auf der Flucht habe ich auch die Telefonnummer von meinem Vater verloren. Dann habe ich einen arabischen Mann gefragt, ob er Facebook hat. Dort hab ich nach meinem Onkel und seiner Nummer gesucht und ihn angerufen. Als er gefragt hat, wo ich bin, hab ich das gar nicht gewusst. Erst dieser Mann, der mir geholfen hat, hat mir gesagt, ich bin in Österreich. Da bin ich jetzt seit einem Jahr und vier Monaten. Inzwischen kann ich auch schon Deutsch (neben Kurdisch, Arabisch, ein bisschen Türkisch und Farsi, das ja mit Kurmandschi verwandt ist). Beim Theater hab ich am Anfang gar nichts sagen können und auch nichts verstanden, drum ist ja der Tarik mitgekommen – zum Übersetzen.“

Der hat dann seinen „Job“ verloren, aber einen neuen als Schauspieler gewonnen.

Als ich dann endlich meinen Asylbescheid hatte, hab ich einen Rechtsanwalt gefragt, ob ich auch meine Familie nachholen kann. Das hat auch viele Monate gedauert, aber seit kurzem sind Eltern und Geschwister da – in Niederösterreich.“

Und hat die Familie Sie schon in dem Stück gesehen?
Ja, aber nur in einem Video.

Dabei bleiben?

Die Frage an beide: Wollen Sie beim Schauspiel bleiben?
Tarik Bitar: Ja! Ich mache auch jetzt schon weiter, habe auch schon bei anderen Projekten gespielt wie den Spieltrieben.
Muhammad Al Ibrahim: Ja! Ich spiele auch im August bei anderen Projekten.

Geht sich alles neben der Schule aus?
Muhammad Al Ibrahim: Ich mach zuerst den Hauptschulabschlusskurs, dann Matura, dann eine Schauspielschule. Aber die Projekte gehen sich hoffentlich alle daneben aus.

Als kleines Kind wollten Sie Zahnarzt werden wie steht’s darum?
Das ist vorbei!

Zur ausführlichen Kritik zum Stück "Ausblick nach oben"

Auch du kannst Theaterluft „schnuppern“

Spielt mit
Das Junge Volkstheater hat noch Platz für Theater-interessierte Jugendliche in seinen Spieltriebeclubs. Einmal in der Woche kannst du in unterschiedliche Ansätze des Theatermachens reinschnuppern. Mitbestimmung, Mitverantwortung und Mitgestaltung sind wichtige Bestandteile der Arbeit, also deine Inputs sind gefragt. Die Ergebnisse werden im Volx/Margareten beim Spieltriebe-Festival präsentiert.
Das Junge Volkstheater richtet sich an alle in Wien Lebenden ab 12 Jahren und lebt vom Wandel dieser modernen, offenen, vielsprachigen, multikulturellen Stadt. Das Theater will sich für Meinungen und Interessen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen öffnen und deren Lebensrealität zu spiegeln. Die Angebote reichen von den fast täglich stattfindenden Workshops über Theaterfrühstück, Fortbildungen und Theaterprojekten bis hin zu Theaterclubs, den Spieltrieben.
„Theatermachen ist die beste Art, Theater zu verstehen“, lautet das Motto.

Genauere Infos zu den einzelnen Spielclubs ab Oktober 2016:
Bewerbungen (höchstens 200 Wörter) mit Kontaktdaten bis zum 15. September 2016 an junges@volkstheater.at
www.volkstheater.at/junges/

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