Yuria Knoll, Mohammad Alibrahim, Sarah Pritchard-Smith, Sarah Kadlec, Robert Czyszczon, Jordan Lindinger, Luana Otto, Marjam Vatsaeva, Wildan Minkailova, Asude Sahin,Patricia Panzer, Anna Vera Derschmidt, Tarik Bitar, Saphira Wing, Helmand Wasil

© Robert Polster / Volkstheater

Junges Volkstheater
01/09/2016

Kids wollen Welt verändern!

15 Kinder und Jugendliche des Jungen Volkstheaters spielen „Ausblick nach oben“ über private Wünsche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen.

von Heinz Wagner

Eine starke Stunde! Eine Art Klassenzimmer. Hell, ganz in weiß – von den Wänden über die Tische und Sessel bis hin zu den Gewändern der „Schülerinnen“ und „Schüler“. Unter Anführungszeichen deshalb, weil die 10- bis 19-Jährigen zwar alle die Schule besuchen, aber hier agieren – die meisten zunächst - in deren Rolle. Sie spielen rund eine Stunde ein starkes hochpolitisches Stück, verknüpfen persönliche Berufs- und Zukunftswünsche mit bohrenden Fragen nach gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und deren Veränderbarkeit.

Aber zurück zum Anfang. Neben den „Schüler_innen“, sitzen – gleich gewandet – auch fünf Kids verteilt im Publikum. Alle zeichnen oder schreiben auf bunte oder weiße Blätter. (Schreib-)Maschinengeräusche. Dazwischen Foto-Klick-Geräusche und in derselben Sekunde synchrones Kameralächeln der Bühnen-Darsteller_innen.

Stehsätze entblößt

In der Folge kommen von den fünf Schauspieler_innen aus den Publikumsreihen Stehsätze über richtiges Bewerben, gefolgt von den dazu passenden Gesten und Bewegungen der Kolleg_innen im Bühnen-Klassenzimmer. Natürlich dürfen auch die oft gehörten und gelesenen Sätze von wegen „nur was man gern macht, macht man wirklich gut....“ nicht fehlen. Und als einer, Robert Czyszczon, vortritt und schildert, gern Comic-Zeichner zu werden, kommt der Hammer: „Augen auf bei der Berufswahl!“

Asude Şahin: „Ich möchte Sängerin werden. Ehm, halt nicht so deutsche Lieder, sondern englische, in den USA, oder so,“ wird nicht ganz so rüde abgeschmettert. Sie lässt auch tatsächlich nach einer Playback-Phase ihre wahre Stimme vom Balkon aus erklingen. Wowh.

Obwohl Anna Vera Derschmidt eindrucksvolle Tanzfiguren zwischen und auf die Tische samt artistischen Verrenkungen ohne beim Sprechen dabei außer Atem zu kommen zaubert, relativiert sie doch auch gleich wieder den möglichen Berufswunsch.

Und nur weil Mohammad Alibrahim seinen Berufswunsch Zahnarzt auf Arabisch in kurdischer Sprachmelodie vorträgt, wird er von den Bühnenkolleg_innen bewusst offenkundig nicht so ganz ernst genommen. Mittlerweile kann der junge Flüchtling aus Syrien zwar auch Deutsch, aber wohler fühlt er sich eben noch in seiner Erstsprache.

Diskriminierungen aufgezeigt

Worauf Marjam Vatsaeva, eine der noch immer aus dem Publikum agierenden Darsteller_innen, die Kritik in den Raum wirft, dass es viel zu sehr darauf ankommen, in welche Familie du geboren wirst, weil Bildung noch immer vererbt werde.

Von da an wird’s hochpolitisch – die Kinder und Jugendliche haben übrigens Inhalte, Texte, Szenen weitgehend selbst eingebracht, Aufgabe der Profi-Theaterleute war es im Wesentlichen aus der Fülle des von den Kids kommenden (Text-)Materials ein stringentes Stück in annehmbarer Länge, zu bauen. Ungerechtigkeit zwischen arm und reich, Diskriminierungen aufgrund von Herkunft oder Geschlecht, Ängste, nur zu kleinen Rädchen in einem System von Arbeitsorganisation zu werden wie Ameisen (Sarah Pritchard-Smith: „Ameisen werden nie arbeitslos, aber sie können sich ihren Beruf nicht aussuchen“), von Unter- und Überordnung aber auch die – spürbar vermittelte Angst, dass sich Kriege ausbreiten könnten, auch nach Europa nach Österreich...

So kann es nicht bleiben!

Und trotz des Aussprechens und Anspielens der eher perspektivlos erscheinenden Istzustände schwingt in dieser Phase des Stücks nicht Resignation von der Bühne her in den Theatersaal in der Margaretenstraße. Da kommt noch was, ist klar zu spüren. Und es kommt. „Wir sind doch nicht wie ein Baum, der aus dem Samen wächst... wir können was verändern!“

Chor „so kann das nicht bleiben!“, erhobene, geballte Fäuste, ... philosophieren, wie eine Welt funktionieren könnte, in der nicht nur Geld regiert, in der nicht gelebt wird um zu arbeiten, sondern gearbeitet wird, um zu leben... Beispiele von – kleinen – Gemeinschaften, die auch mit bedingungslosem Grundeinkommen funktionieren. Gegenargumente. Wer würde dann Arbeiten verrichten, die nicht so beliebt sind?

Leider bleiben die Mistkübel, um deren Wegräumen inszeniert gestritten, mit demaskierenden Klischeebildern jeweils anderen zugeschoben wird, letztlich wirklich stehen. Eine dramaturgische Schwäche, denn damit wird der wirklich stark vorgetragene Schluss-Appell zur Freiheit und Chancengleichheit, sein Leben in alle Richtungen öffnen und gestalten zu können/dürfen, leider ein bisschen beeinträchtigt.

Übrigens...

Die 15 Kinder und Jugendlichen, die zu einem zusammengeschweißten Team über alle Sprach- und Kulturgrenzen – samt zwei Flüchtlingen (Syrien, Afghanistan) – geworden sind, haben nicht nur auf der Bühne, sondern in den vergangenen Monaten im realen Leben ein praktisches Beispiel für Veränderbarkeit geliefert und so „nebenbei“ gezeigt, dass nicht DIE Jugend desinteressiert, politikverdrossen usw. ist!

Ausblick nach oben
Volx/Margareten
Junges Volkstheater in Zusammenarbeit mit der Volkshilfe Österreich
Theatrale Feldforschung

Stückerarbeitung und (Bühnen-)Spiel: Mohammad Alibrahim, Tarik Bitar, Robert Czyszczon, Anna Vera Derschmidt, Sarah Kadlec, Yuria Knoll, Jordan Lindinger, Wildan Minkailova, Luana Otto, Patricia Panzer, Sarah Pritchard-Smith, Asude Şahin, Marjam Vatsaeva, Helmand Wasil, Saphira Wing; Maila (7) Otto (im Chor; seit 7. Jänner)

Regie: Constance Cauers, Malte Andritter
Bühne: Hans Kudlich
Kostüme: Werner Fritz
Choreographie: Anna Larcher
Dramaturgie: Andrea Zaiser
Wissenschaftliche Begleitung: Alban Knecht, Karoline Huber, Anna Larcher
Theaterpädagogische Beglt.: Sophia Ayerbe Hoyos

Wann & wo?
12./13. Februar 2016; weitere Termine im Gespräch
Volx/Margarten
1050, Margaretenstraße 166
Telefon: (01) 521 11-0

Mehr Infos zum Stück

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