Leben | Kiku 14.12.2017

Bequemer Stiefel statt Glas-Stöckelschuh

Szenenfoto aus "Cinderella passt was nicht" im Renaissancetheater (Theater der Jugend, Wien) © Bild: Rita Newman

„Cinderella passt was nicht“ als Musical nun im Theater der Jugend (Wien) spielt mit Märchen und vor allem Klischees.

„Es war einmal“ am Beginn sowie am Ende „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ sind die Klammer praktisch aller Märchen. Doch, wie könnte es vielleicht anders gewesen sein? Oder was passierte nach dem Happy End? Dies interessiert das Duo Peter Lund (Text) und Thomas Zaufke (Musik). Nach „Grimm! Die wirklich wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf“ in der vorigen Saison begeistert nun „Cinderella passt was nicht“ als Musical im Wiener Renaissancetheater.

Humorvoll

Cinderella passt was nicht, Theater der Jugend
Szenenfoto aus "Cinderella passt was nicht" im Renaissancetheater (Theater der Jugend, Wien) © Bild: Rita Newman

Schwungvoll, mit viel Humor, nie verkrampft oder gar zwanghaft, manchmal vielleicht zu überspitzt fast karikaturenhaft werden Klischees aufs Korn genommen. Johanna, die sicher nicht ganz zufällig vom Vornamen her an die französische Kämpferin Jeanne d’Arc ( Johanna von Orléans) erinnert, ist sozusagen die Cinderella der nächsten Generation. Sie zieht es allerdings vor, sich selber eher im Keller zu verstecken, das Getue der Mutter und ihrer Schwester Erna, die so unbedingt einen Prinzen heiraten will, ist überhaupt nicht ihr’s. Sie hat ihren eigenen Kopf, hasst rosa und Kleider sowieso. Bequeme Stiefel, die Halt geben, vor allem dabei, ihren eigenen Weg zu gehen – darauf steht sie. Die Schwester ist vor allem Opfer der Mutter. Die ist eine der Stiefschwestern von Aschenbrödel/-puttel/Cinderella und verarmt. Ihre Tochter soll den Sohn der wohlhabenden Cinderella heiraten, stellt sich allerdings mehr als übertrieben doof an.

Halbmaus

Cinderella passt was nicht, Theater der Jugend
Szenenfoto aus "Cinderella passt was nicht" im Renaissancetheater (Theater der Jugend, Wien) © Bild: Rita Newman

Doch auch im Hause der einst armen, dann zu Reichtum gekommenen, berühmt gewordenen Stiefschwester läuft nicht alles nach dem Plan der dortigen Mutter, also von Cinderella. Sohn Hamlet (!) setzt sich für die unterdrückten Untertanen, die in diesem Musical Mäuse sind – köstlich Hyronimus, Agathe und Wilhelm als Puppen aus der Kiste – ein, stellt überhaupt die Monarchie in Frage. Und tauscht mit seinem Kammerdiener Heinrich, einer Halbmaus, die Rollen. So soll die künftige Ehefrau getestet werden, ob sie nur auf die Kohle oder doch auf die Person steht.

Fee

Cinderella passt was nicht, Theater der Jugend
Szenenfoto aus "Cinderella passt was nicht" im Renaissancetheater (Theater der Jugend, Wien) © Bild: Rita Newman

Damit’s noch ein wenig verwickelter wird, taucht aus dem großen Spiegel eine Fee namens Aurora auf. (Aurora: römische Göttin der Morgenröte; aber auch Name jenes Panzerkreuzers der russischen Marine, von dem aus am 25. Oktober 1917 Signalschüsse für den Sturm auf das Winterpalais der Zaren in Petersburg gegeben wurden womit die Oktoberrevolution eingeläutet wurde.) Aurora sprengt alle verbreiteten Bilder einer Fee, ist eine alte Schachtel und das noch klar erkennbar ein verkleideter Mann. Sie ist praktisch nur für Johanna sichtbar, will ihr helfen und stellt sich ziemlich gekonnt ungeschickt an.

Warum dümmlich?

Cinderella passt was nicht, Theater der Jugend
Szenenfoto aus "Cinderella passt was nicht" im Renaissancetheater (Theater der Jugend, Wien) © Bild: Rita Newman

Manches von dem was kommt, ist vorhersehbar. Erna und Heinrich verlieben sich ineinander. Zwischen Hamlet und Johanna beginnt’s zu funken. Dass die selbstbewusste, eigenständige junge Frau, die Wert darauf legt, ihren Kopf durchzusetzen in diesen Momenten auf einmal dümmlich wird, ist weder verständlich noch entspricht’s der Absicht, Klischees zu durchbrechen!

Mäuse ja, Frauen nein???

Cinderella passt was nicht, Theater der Jugend
Szenenfoto aus "Cinderella passt was nicht" im Renaissancetheater (Theater der Jugend, Wien) © Bild: Rita Newman

Übrigens checkt der aufgeklärte Monarch, der sich für die Befreiung der Mäuse aus dem Untertanen-Dasein ausspricht, nicht, dass Mädchen und Frauen gleiche Rechte zustehen. Da bleibt er Macho vom alten Schlag. Deshalb will ihm Johanna – nun wieder Frau ihrer Sinne - eine Lektion erteilen und greift zu einer List. Sie verkleidet sich als männlicher Ritter. Bei ihrem Auftritt im Schloss von Hamlet verliert sie einen ihrer Stiefel – was kommt ist klar, auch wenn’s bis dahin noch einige witzige Verwicklungen braucht.

Die zwei Stunden (eine Pause) vergehen wie im Flug. Dafür ist viel Humor ebenso verantwortlich wie gut gesungenen Lieder und die schauspielerische Leistung des gesamten Ensembles, wenngleich manche Figuren sich ein bisschen weniger karikaturenhafte Zeichnung verdient hätten.

Was? Wer? Wann? Wo?

Cinderella passt was nicht, Theater der Jugend
Szenenfoto aus "Cinderella passt was nicht" im Renaissancetheater (Theater der Jugend, Wien) © Bild: Rita Newman

Cinderella passt was nicht
Text von Peter Lund
Musik von Thomas Zaufke
ab 6 J.; 2 Stunden, 10 Minuten

Johanna Livia Wrede
Prinz Hamlet Simon Stockinger
Erna Beate Korntner
Heinrich Manuel Lopez
Gräfin Tita Patricia Nessy
Königin Viktoria Rebecca Soumagné
Fee Aurora Frank Engelhardt
Pfandleiher Jakob Elsenwenger
Mäuse Jakob Elsenwenger, Beate Korntner, Simon Stockinger
Damenswing Jasmin Reif

Regie Werner Sobotka
Musikalische Leitung Patrick Lammer
Choreografie Nina Tatzber
Bühne Sam Madwar
Kostüme Elisabeth Gressel
Puppenbau und
Coaching Richard Panzenböck
Fechtcoaching Martin Woldan
Licht Christian Holemy
Assistenz der
musikal. Leitung Bela Fischer jr.
Dramaturgie Sebastian Lagiewski
Assistenz und
Inspizienz Clemens Pötsch
Hospitanz Charlotte Morschhausen

Cinderella passt was nicht, Theater der Jugend
Szenenfoto aus "Cinderella passt was nicht" im Renaissancetheater (Theater der Jugend, Wien) © Bild: Rita Newman

Wann & wo?
Bis 29. Jänner 2018
Renaissancetheater, 1070, Neubaugasse 36
Telefon: (01) 52110-0
www.tdj.at

( kurier.at , kiku-heinz ) Erstellt am 14.12.2017