Szenenfoto aus "Stirb, bevor du stirbst"

© Rolf Bock

„Stirb, bevor du stirbst“
03/11/2017

Humorvolles Stück spielt mit Vorurteilen

Stück von Ibrahim Amir nimmt (wieder) rund um ein ernstes Thema humorvoll Vorurteile und Klischees auf die Schaufel. Österreich-Premiere in Schwechat.

von Heinz Wagner

Jugendliche, die – möglicherweise - in den Dschihad gezogen sind – kann so ein Thema anders als „bier“ernst, betroffenheits-triefend, mit erhobenem Zeigefinger abgehandelt werden? Ja kann – in etlichen Jugendbüchern, die in den vergangenen zwei, drei Jahren praktisch alle Verlage herausgebracht haben, ging es immer darum, zu ergründen, was Jugendliche veranlassen könnte, auf diese Bahn zu geraten. Viele auch ohne die beiden zuletzt genannten Attribute, aber doch immer ernst. Dass selbst so ernste Themen mit einer mehr oder minder gehörigen Portion Humor dargestellt werden können, zeigte schon „Töchter des Jihad“, ein szenisch-dokumentarischer Bilderbogen über Kinder, Küche, Kalaschnikoff und das Leben im IS (Koproduktion von dieheroldfliri.at, KosmosTheater/Wien) und Theater Reutlingen Die Tonne). Seit kurzem läuft ein anderes Stück – „Stirb, bevor du stirbst“ --, das zwar von der Handlung her junge vermeintliche „foreign fighters“ als Plot hat in Österreich erstmals im Theater Forum Schwechat. Uraufgeführt wurde es in Köln – mit einem anderen Schluss. Und für das Theater Forum Schwechat ist es die erste Eigenproduktion unter der neuen Intendantin Manuela Seidl, die hier auch Regie führte.

Klischees verdrehen

Der in Wien lebende junge Arzt Ibrahim Amir hatte schon mit seinem ersten Stück „Habe die Ehre“ bewiesen, dass er Todernstes sehr humorvoll in Bühnenstücke verarbeiten kann. Dort ging’s um Ehrenmorde. Hier eben – gar nicht so sehr um den oben beschriebenen Plot. Der bildet zwar den roten Faden. Worum‘s aber wirklich geht, ist ein humorvoll, manchmal auch sarkastisches Spiel mit Klischees und Vorurteilen. Magda, die junge, frisch eingezogene dunkelhaarige Mieterin (Petra Niedermayer) bereitet eine Harisa, eine libanesische Süßspeise auf Kokosnuss-Basis mit sehr viel Zucker zu, klopft bei der Nachbarin an, um sich vorzustellen. Die ältere alteingesessene Frau (Angela Schneider) hat sich zuvor ein Kopftuch umgebunden. Zwischen Ablehnung und doch irgendwie anfreunden schwankt diese Gertrud, dichtet Magda, nur weil sie imstande ist arabische Schrift zu lesen, den einen oder anderen Migrationshintergrund an – Libanon, Libyen, Ägypten... Dabei hat diese nur einen Ex-Ehemann aus dem Süden, aus Kärnten. Das Durcheinanderbringen der möglichen, vermuteten Herkunftsländer der Nachbarin wirkt wie anderes auch bei Gertrud nach Anflügen von Demenz – greift aber „nichts“ anderes auf, als durchaus auch allzu oft vorkommende Kommunikationsmuster gegenüber Menschen, bei denen „Migrationshintergrund“ angenommen wird. Diese „Oma“ ist übrigens das Highlight der rund zweistündigen Aufführung in Schwechat.

Nachbarinnen-Streit

Völlig fertig von vielen Nachtdiensten als Krankenschwester langt Sabine (Barbara Braun), Gertruds Tochter zu Hause an, giftet die neue Nachbarin sofort an, schmeißt sie aus der Wohnung – immer gleich auch mit „solche wie die...“, ruft die Polizei wegen Ruhestörung, weil Magda in ihrer Wohnung Musik spielt, noch dazu fremdländisch klingende. Und siehe da, schwupp di wupp taucht auch schon ein Polizist (Martin Schlager) samt klappbarem Regiestuhl mit der Aufschrift 007 und James-bond-Handyklingelton auf. Er will – das erahnen wir ja vom Kurztext im Programmzettel – über Sabines Sohn reden, der vermeintlich, wird aber als fix angegeben, nach Syrien ausgereist ist. Sie geht davon aus, er sei wegen ihres Anrufs in Sachen Nachbarin gekommen. Ein für etliche Lacher sorgendes Missverständnis. Obendrein trägt die Figur des Polizisten kottaneske Züge.

Beim Imam

Der zweite Akt nach der Pause spielt in einer Moschee. Dorthin „pilgern“ Magda, Gertrud und Sabine, weil in Philipp (Sabines Sohn) Zeug eine Reihe von Büchern mit dieser Adresse zu finden waren. Der Imam (Marius Schiener) hat die Moschee eigentlich versperrt, um eine aufgeheizte Situation zu deeskalieren. Rassistische Gruppen hatten die Moschee mit Farbe und Schweineblut beworfen. Ungern lässt er die drei Frauen trotzdem rein, im Verlauf des Gesprächs stellt sich heraus, dass sein Sohn Mustafa, der nach der Scheidung bei der Exfrau lebt, mit Philipp aufgebrochen ist. Gegenseitige Vorwürfe gemischt mit andauernden Missverständnissen – und plötzlich taucht auch hier der Polizist auf.

Auch Philipp (Michael Perner) und Mustafa (Samuel Meister) tauchen auf, als kämen sie von einem Bergausflug, kennen sich nicht aus, weil sie nicht ... – nein, ganz sei das Ende nicht verraten. Zwar geht’s nicht wirklich um die Spannung, sondern um die immer wieder in witzigen Dialoge, Missverständnisse, Streitgespräche eingepackten demaskierten Vorurteile und Klischeebilder, aber dennoch sollen Zuschauer_innen sich auch vom Ende überraschen lassen können. Nur so viel, Regisseurin Manuela Seidl war mit jenem Ende, das in Köln gespielt wurde, nicht glücklich, änderte es – und der Autor fand sein ursprünglich geschriebenes Ende hier in Schwechat. Wenngleich er es noch eher offener mit einem Anflug von Zweifel gemeint hatte.

Interview mit dem Autor

Ibrahim Amirs Stück „Homohalal“, das vom Volkstheater in Wien vor der Premiere abgesetzt wurde, hat übrigens demnächst Premiere in Dresden, erzählt der Autor dem KiKu. Mittlerweile hat er schon ein viertes Stück praktisch fertig, in dem es um Heimat geht. Und an einem fünften arbeitet Amir. Das wird in Schwechat spielen. „Die Stadt kennen die meisten nur als Ort wo Wiens Flughafen ist. Ein Flughafen ist aber Symbol für Ankunft und Abflug. Von dem ausgehend entwickle ich das Stück.“

Mit Theater hatte Ibrahim Amir schon in seiner ersten Heimat zu tun, als Angehöriger der kurdischen Minderheit in Syrien erlebte er Aktivist_innen des kurdischen Widerstands, die mit kleinen szenischen Stücken ihre Inhalte zu verbreiten versuchten. Trotz des Ernstes, immer wieder auch mit Sarkasmus, Ironie und Humor. Nach „Habe die Ehre“, das vor drei Jahren im Hamakom, im Theater Nestroyhof, uraufgeführt worden war, hatte der Autor zum Kinder-KURIER gemeint: „Diese Art, brutale Geschichten in so eigenartigem Humor darzustellen, entspricht völlig mir und meinem Umgang mit tragischen Situationen. Das hab ich von meinem Großvater gelernt. Der konnte in den verzweifeltesten Momenten - und von solchen hatten Kurde_innen auch schon früher in Syrien mehr als genug - auch drüber lachen. Das heißt nicht, dass ich das nicht ernst nehme, im Gegenteil. In dem Fall die Schauspieler müssen die Situation, die Rolle total ernst nehmen, nur durch die Konstellation ergeben sich dann Wendungen und lustige Momente."

Letzteres ist damals in Wien vielleicht doch besser gelungen als – zumindest bei der Premiere - in Schwechat, wo einige der Darsteller_innen den Humor vielleicht mit zu viel Nervosität überlagerten. Voll zur Entfaltung brachte diesen, wie schon oben erwähnt, Angela Schneider als Oma Gertrud.

Was? Wer? Wo? Wann?

Stirb, bevor du stirbst
Eigenproduktion Theater Forum Schwechat
Komödie; ca 2 Stunden

Autor: Ibrahim Amir
Regie: Manuela Seidl

Es spielen
Sabine: Barbara Braun
Gertrud: Angela Schneider
Magda: Petra Niedermayer
Polizist: Martin Schlager
Imam: Marius Schiener
Philipp: Michael Perner
Mustafa: Samuel Meister

Regieassistenz: Stephanie Grünberger
Bühne und technische Leitung: Thomas Nichtenberger
Technische Assistenz: Reinhard Kralik

Rechte: Per H. Lauke Verlag

Wann & wo?
Bis 24. April 2017
Theater Forum Schwechat
2320, Ehrenbrunngasse 24
Telefon: (01) 707 82 72
www.forumschwechat.com

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