© Ani Antonova

So muss Werther heute...
10/23/2013

So muss Werther heute...

Mitreißende, gefühlsechte Version von Goethes Klassiker im Dschungel Wien: "Werther - The playlist" mit viel Musik und Witz

von Heinz Wagner

Goethes Werther hat fast zweieinhalb Jahrhunderte auf dem Buckel. Steht aber – ob wer den Briefroman kennt oder nicht – nach wie vor praktisch sinnbildlich für dramatische, sehnsuchtsvoll schmachtende, leidende, nicht ausgelebt werden dürfende/könnende Liebe, die tragisch endet. Und das wiederum ist eher zeitlos. Mag die Sprache heute auch eher verschroben und antiquiert wirken, so manches Verhalten verklemmter und zurückhaltender, die derzeit im Dschungel Wien laufende Version „Werther – The Playlist“ schafft er mitreißend, witzig, rasant und doch auch Raum und Zeit gewährend für stille Momente (so keine Handys surren) den Klassiker aufs Lebensgefühl heutiger Jugendlicher zu transformieren.

Überzeugend

Genial ist Maria Lohn als sich zu Werther hingezogen fühlende und doch dem Verlobten Albert treu bleiben wollende Lotte. Großartig spielt Michael Alexander Pöllmann in der Rolle des schmachtenden, leidenschaftlichen, für die Liebe plädierenden Werther. Und nicht zuletzt spielt Regisseur und Autor dieser Werther-Fassung Holger Schober – übrigens zum ersten Mal seit Jahren wieder auf einer Bühne agierend – sehr überzeugend den netten, häuslichen, soliden Albert.

Viel Musik

Was neben der Gefühlsechtheit, die Jugendliche vielleicht durch die Distanz zur häufig verwendeten Originalsprache, sogar etwas leichter nehmen können, als großer Türöffner funktioniert: Musik. Sie spielt in dieser Fassung eine große Rolle und besteht aus vielen fast Ohrwürmern, von Macarena über Oppan Gangnam Style bis zu Dirty Dancing und wohl am punktgenauesten „Love hurts“.

Die Regie-Idee hinter den Musiknummern: Viele Verliebte laden sich auch die Lieblingssongs ihrer Angehimmelten runter, um sie immer und immer wieder zu hören. Oft ist Musik auch ein Weg, sich bei Abwesenheit des „Objekts der Begierde“ in die Stimmung der letzten oder schönsten Begegnung hinein zu katapultieren.

Hier und jetzt

Da das (tragische) Ende von vornherein feststeht, Goethes Geschichte ist ja bekannt, leben die eineinhalb Stunden auch nicht von der Spannung und Neugier auf den Fortgang der Story, sondern von jener Spannung, die von den Momenten, dem Schauspiel, dem Gesang, der Beziehung der handelnden Personen auf der Bühne untereinander – selbst der immer wieder ausgespielten Sprachlosigkeit Alberts – ausgehen. Und die fesseln.

Gewissheit

Überzeugend wirkt nicht zuletzt Pöllmanns Werther gegen Ende: Nicht Verzweiflung, sondern Gewissheit – über die Liebe zu Lotte und die Unmöglichkeit, sie ausleben zu dürfen. Drum ist auch der – von allen drei gemeinsam gesungene Rio-Reiser-Song „Halt dich an deiner Liebe fest“ das sich fast zwingend aufdrängende Ende nach dem eher bewusst leicht patscherten Liebeslied Alberts für Lotte.

Halt dich...

„Wenn niemand bei dir is' und du denkst, dass keiner dich sucht, und du hast die Reise ins Jenseits vielleicht schon gebucht, und all die Lügen geben Dir den Rest: Halt dich an deiner Liebe fest.“

Werther - The PlaylistGuerilla Gorillas & DSCHUNGEL WIENSchauspiel mit Musik, 75 Minuten, ab 14 Jahren

Fassung, Inszenierung, Ausstattung: Holger Schober Darsteller_innen: Maria Lohn, Michael Alexander Pöllmann, Holger Schober Musikalische Leitung: Sue-Alice Okukubo Regieassistenz: Corinna Pumm Licht: Ramona Mauser, Katharina Mackowiak (DSCHUNGEL WIEN)

Bis 26. Oktober Dschungel Wien, 1070, MuseumsQuartier Telefon: (01) 522 07 20-20www.dschungelwien.at

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Kommentare