Kiku
11.02.2017

Aus der Enge der Bilderbuchfamilie weg bomben?

„Helden“, ein Stück von Ewald Palmetshofer von einer jungen Schauspielgruppe mit zwei Puppen gespielt

„Wie geeeeht’s dir denn? Und wie geht’s dir mit dem Pauli ( Rafael Wieser). Schade, dass das mit dem Robert nix geworden ist... Man muss auch einmal dran bleiben, nicht immer gleich alles hinschmeißen... Komm her, lass dich drücken...“ Mutter Doris ( Christina Laas) zerquetscht ihre jugendliche Tochter Judith (Claudia Kainberger) fast, drückt ihr die Luft zum Atmen ab. Nicht nur, wenn sie drückt.

Sprechdurchfall

Allein ihr süßlich, gespielt freundlicher Sprechdurchfall raubt allen anderen beinahe jede Zeit, sich auch noch selbst äußern zu können. Dabei ist sie ohnehin Lehrerin, kommt also in ihrem beruflichen Alltag sicher auch genug zum Sprechen. Ergänzend der Klischee-Vater Wolfgang ( Dominik Kaschke), tätig in einem Verlagshaus, das er selbst mitaufgebaut hat: Der sagt kaum was. Wirkt aber so, als würd er das nicht nur tun, weil die Ehefrau alle Sprechzeit für sich beansprucht. Vielleicht hat sie mit ihren Redeschwällen erst begonnen, weil er kaum was sagte. Und sie vom horror vacui (Angst vor dem Leerraum) geplagt war? Die irgendwie – wie’s scheint - nach außen hin präsentierte Bilderbuchfamilie ergänzt noch Sohn und Bruder David (Tony Marossek). Nach schleppendem Studium hat er nun eine große Prüfung geschafft und ist im Endspurt.

Genervtheit gut nachvollziehbar...

David und Judith halten ihre Eltern kaum aus, sehen, spüren, ahnen Zusammenhänge zwischen dieser kleinbürgerlichen Familie und dem herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Die beiden Jugendlichen suchen Auswege, Fluchten aus der beklemmenden Enge – und wollen auch was zur Veränderung, zumindest zur Zerstörung der Gegebenheiten tun. Dazu verwandeln sie sich in Held_innen: Catwoman und Spiderman, die nächtens Brandbomben in Einkaufszentren als Symbol des kapitalistischen Konsumismus werfen. Ob echt oder nur in ihren Fantasien, um der erdrückenden Familiensituation zu entkommen? Das bleibt der Vorstellungskraft des Publikums überlassen. Durch Überlänge (mehr als zwei Stunden) und so manch beinahe Wiederholungen ähnlicher Familiensituation könnte die ein wenig ermüdet werden. Oder soll nur das Gefühl der kaum aushaltbaren Familie auf die Zuschauer_innen übertragen werden?

Aktionismus hängt ein wenig in der Luft

Ist die Genervtheit mit der engen, erdrückenden und doch irgendwie auch weitgehend ignoranten Familie, die sich gar nicht wirklich für das Befinden der beiden Jugendlichen interessiert, gut nachvollziehbar, so wirkt die Ablehnung des Systems insgesamt samt (fantasiertem) Aktionismus eher recht weit hergeholt. Witzig sind immer wieder Anspielungen auf das ausufernde Coaching-Business.

Ein paar Striche sowie Straffung hätten der Aufführung – samt kniehoher Puppen, die die Superheld_innen darstellen – und einem per Video eingespielten Nachrichtensprecher (Florian Teichtmeister) – dennoch nicht schlecht getan. Die angeführten „künstlerischen Gründe“ dafür, dass auf der Bühne wirklich geraucht werden muss, erschließen sich übrigens genau so wenig wie eine eher peinlich Halbnackt-Szene der Mutter.

Was? Wer? Wann? Wo?

Helden
von Ewald Palmetshofer

Besetzung
David/Spiderman: Tony Marossek
Judith/Catwoman: Claudia Kainberger
Doris: Christina Laas
Wolfgang: Dominik Kaschke
Paul: Rafael Wieser
Nachrichtensprecher: Florian Teichtmeister

Kreativteam
Regie: Richard Panzenböck
Dramaturgie: Leonie Seibold, Sebastian von Lagiewski
Puppenbau: Richard Panzenböck, Bettina Franz
Bühne: Felix Metzner
Kostüm: Leonie Seibold
Sounddesign: Felipe Duque
Licht: Simon Meusburger
Assistenz: Bettina Franz

Aufführungsrechte: S. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main

Wir weisen darauf hin, dass aus künstlerischen Gründen auf der Bühne geraucht wird.

Wann & wo?
Bis 28. Februar
Schuberttheater: 1090, Währinger Straße 46
Telefon: 0676/ 443 48 60
www.schuberttheater.at