Leben | Kiku 23.02.2018

Szenische Erzählungen über zwei starke Wienerinnen

"Arbeit, lebensnah" - Käthe Leichter und Marie Jahoda - gespielt von Katrin Grumeth und Anita Zieher © Bild: Reinhard Winkler

Portraittheater präsentiert in „Arbeit, lebensnah“ Käthe Leichter und Marie Jahoda. Und wie schaut’s rund 100 Jahre später aus?

Wowh! Zwei so starke Frauen. Und noch immer viel zu wenig bekannt. Dem will das portraittheater mit seinem jüngsten Stück „Arbeit, lebensnah – Käthe leichter und Marie Jahoda“ entgegenwirken. Wenngleich die meisten der Besucher_innen derzeit im Theater Drachengasse und demnächst im Theater Akzent zu jenen gehören, denen die beiden engagierten Frauen aus dem vorigen Jahrhundert wenigstens einiges sagen. Weltweit renommierte Sozialwissenschafterin die zweitgenannte – bei uns hauptsächlich, wenn überhaupt durch die grundlegende Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ bekannt. Jahoda forschte und lehrte aber auch – und vor allem – an britischen und US-Universitäten. Sie konnte rechtzeitig vor dem Nazi-Regime fliehen. Käthe Leichter wurde ein Opfer der faschistischen Diktatur, sie wurde in einem Konzentrationslager vergast. Vor ihrer Gefangennahme arbeitete sie noch politisch im Untergrund und davor verband sie ihre sozialwissenschaftliche Tätigkeit mit praktischer Politik im Kampf um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen – vor allem für Arbeiterinnen – als Leiterin der ersten Frauenabteilung der Arbeiterkammer.

Mit Originalzitaten

Unaufgeregt, gespickt mit vielen Originalzitaten, und Einblicken in manche persönliche Lebenssituationen spielen Anita Zieher und Katrin Grumethin 90 Minuten in Form szenischen Erzähltheaters die beiden Frauen mit ihren (vor-)kämpferischen Haltungen. Auch jene, denen die beiden einiges sagen, erfahren das eine oder andere Neue, nicht so bekannte. Leichter kämpfte etwa dafür, Arbeiterinnen selbst in der Zeitschrift der AK zu Wort kommen zu lassen. Jahoda und ihre Kolleg_innen verstanden sich bei der Marienthal-Studie nicht nur als von außen beobachtende Forscher_innen. Sie klinkten sich ins Gemenschaftsleben, etwa bei der Kleiderausgabe usw. ein. Ihr Forschungsfeld bezeichnete sie bewusst als „Sozialpsychologie“, weil sie bei ihren Studien stets die Auswirkungen von Phänomenen wie Arbeitslosigkeit auf die Psyche des einzelnen Menschen ebenso untersuchte wie die gesellschaftlichen Strukturen. Jahoda legte immer, auch später, Wert darauf, Studien so zu verfassen, dass sie jede und jeder verstehen konnte. Zu dieser Allgemeinverständlichkeit, die auch Leichter sehr wichtig war, gehörte auch die grafische Darstellung statistischer Erhebungen und Erkenntnisse – nach Otto Neurath. Die bunten Karton-Quader auf der Bühne sind somit nicht nur dekoratives Element, die eine oder andere Fakten-Aussage wird so anschaulich dargestellt.

Und fast 100 Jahre später?

Und dann geht dir dazwischen – und vor allem nach dem Stück – durch den Kopf: Oida, Käthe Leichter hatte schon gleichen Lohn für gleiche Arbeit gefordert – vor 100 Jahren!
Und Jahoda aus der Studie die Erkenntnis gezogen: Arbeitslosigkeit führt zur Resignation, nicht zur Revolution.
Und heute? Wir haben selbst im reichen Österreich jetzt noch eine große Lohnschere zwischen Frauen- und Männerlöhnen. Das böse Märchen von „sozialer Hängematte“, in der sich Arbeitslose angeblich bequem machen würden, ist auch noch lange nicht auf dem Müllhaufen von Fake-News gelandet, während die Wenigen, die bequem auf geerbtem Reichtum gebettet sind, noch immer keine Erbschaftssteuer zahlen müssen. ;(

Was? Wer? Wann? Wo?

Infos
Arbeit, lebensnah
Käthe Leichter und Marie Jahoda
Koproduktion von portraittheater mit AK Kultur Oberösterreich und Theater Drachengasse

Text: Sandra Schüddekopf und Anita Zieher mit Originalzitaten von Käthe Leichter und Marie Jahoda
Regie: Sandra Schüddekopf
Schauspiel: Katrin Grumeth, Anita Zieher

Bühnenkonzept: Eva-Maria Schwenkel
Kostümbild: Cinzia Cioffi, Marlene Auer
Musik: Rupert Derschmidt
Produktionsleitung: Anita Zieher

Wann & wo?
Wien
Bis 23. Februar 2018
Theater Drachengasse: 1010, Fleischmarkt 22

7. März 2018
Theater Akzent, 1040 Theresianumgasse 18

Oberösterreich
1. März 2018, 20 Uhr
Arbeiterkammer OÖ: 4020 Linz, Volksgartenstraße 40

www.portraittheater.net

( kurier.at , kiku-heinz ) Erstellt am 23.02.2018