Kiku
01.05.2012

Mit (Waffen-)Gewalt Ideale lehren?

"Verrücktes Blut" in einer Wiener Version der Theater GarageX nun einmal im Palais Kabelwerk

Muss das sein?" war der erste Gedanke beim Probenbesuch als mit einer Gasdruckpistole hantiert wird. Ein Mordskracher. Ein echter Schreck wird von der gleichnamigen "Krach’n" ausgelöst. "Dabei ist das nur eine 6 Millimeter, was glaubst wie laut erst eine 9 Millimeter wäre", wird der verschreckte Journalist "beruhigt".Und dann während des Durchlaufs des ganzen, rund eineinhalb-stündigen Stücks, wo’s gut ein Dutzend Mal kracht, passt’s. Nein, es ist nicht ein Gewöhnungseffekt, es unterstreicht die Drastik der Situation. "Verrücktes Blut" von Nurkan Erpulat und Jens Hillje für das Berliner Theater Ballhaus in der Naunynstraße im Berliner Kreuzbergviertel geschrieben, wird nun in der Wiener GarageX im Rahmen der Serie "Pimp my integration" in einer eigenen Inszenierung aufgeführt.Schon die Premiere lief viel runder. Und nicht nur die Vorwarnung aus der Probe, auch der Platz auf voll besetzten Tribünen statt als einer der wenigen Zuschauer, nahm den "Schüssen" den Schock.

Wilde Klasse - hehre Ideale

Zunächst zum Plott: Klassenzimmer. Projekttag Friedrich Schiller. Die motivierte Deutschlehrerin will ihren Schüler_innen idealistische Vorstellung vom klassischen deutschen Theater vermitteln. Kein leichtes Unterfangen. Null Bock. Mobbing, Beschimpfungen, Konflikte, bei denen nicht zuletzt auch unterschiedliche kulturelle Hintergründe eine maßgebliche Rolle spielen, andere, lebensnahere Themen sind den Jugendlichen wichtig(er), Ranglerei, eine Pistole fällt aus einer Tasche. Die Lehrerin greift sie und ist plötzlich die Macherin. Macht durch Waffe. Sie nötigt die Schüler_innen "Räuber" sowie "Kabale und Liebe" zu spielen, "hämmert" ihnen Sprüche von Idealen, (Meinungs-)Freiheit usw. ein... "Sch…" geistert’s durch den Kopf. Unter der permanenten Androhung von Gewalt scheint ein fruchtbringender Unterricht zu funktionieren… Phasenweise spielen sich die Schüler_innen in beiden Stücken richtiggehend frei, wenngleich sie schon immer wieder auf die absurde Situation Geiselhaft hinweisen. Doch keine Sorge, das Stück bricht diese aufkeimende verquere konservative Logik mehrfach. Zwischendurch und mittendrin durch alpenländische Heimatliedchen und am Ende kurz, auf den Punkt gebracht und gekonnt. Besonders genial das letzte der vier eingestreuten Lied vom "hoam gemma net, do bleib’n tua ma net…"

I wü ned imma eure Problem-Schoko spü`n

Und am Ende, indem die Schauspielerinnen und Schauspieler aus ihren Rollen treten. Obermacho-Darsteller Mustafa Kara, der’s satt hat, immer den Klischee-Türken und Schläger zu spielen, Nancy Ama Mensah-Offei: "I wü ned imma eua Problem-Schoko spü’n!". Paul Brusa, der beklagt, beim Vorsprechen bestenfalls in Schublade "Erfolgskanake als Ehrenmörder in der Serie Kobra…." Gesteckt zu werden und sich outet, "dabei bin ich nicht einmal Türke, auch kein Kurde, meine Mutter ist Italienerin…" Sandra Selimović geht’s am Geist immer die Jugo-Hetero-Tussi zu geben. Khaled Sharaf El Din hat’s Leid, als Araber zumeist als Terrorist besetzt zu warden: "Immer muss ich mich in die Luft sprengen”. Oktay Günes hingegen schlüpft aus seiner in eine andere Rolle: "ich hab die türkischen Sätze nur auswendig gelernt, eigentlich bin ich Russe…” Karin Yoko Jochum als Lehrerin Kelich outet sich in ihrem bayrischen Herkunftsdialekt. Sie strahlt während des Stücks aus, was leider in nicht wenigen Schulen real anzutreffen ist: Eine Lehrkraft, die wahrscheinlich wirklich mal idealistisch an diesen Beruf herangegangen sein mag, mittlerweile aber zwischen diesen Ansprüchen und die eigene Praxis viel Distanz gelegt hat, ihre Schüler_innen eigentlich nicht wirklich mag, ihnen Inhalte am liebsten "einbläuen" möchte. Was sie hier dank der Waffe kurzfristig zu vermeinen kann. Und ganz schön dumm aus der Wäsch schaut, als ihr, der Waffe entledigt, die Jugendlichen ihre eigenen Zitate vorhalten wie "ich bin nicht deiner Meinung, setze mich aber dafür ein, dass du sie äußern kannst" oder "Gewalt ist keine Lösung!" Und danach bricht das Stück nochmals, als Hasan, zuvor immer das Weichei schlechthin, die Waffe in die Hand bekommt und ganz und gar dagegen ist, dass nun alles vorbei sei, er wolle nicht, "dass wir jetzt alle da rausgehen und es ändert sich gar nichts…"

Infos

Verrücktes Blutvon Nurkan Erpulat & Jens HilljeFrei nach dem Film La Journée de la Jupe, Drehbuch und Regie Jean-Paul LilienfeldProduktion von new space company in Kooperation mit GARAGE X

Mitwirkende

Regie und Raumkonzept: Volker Schmidt

Darsteller_innen:Lehrerin Sonja Kelich: Karin Yoko JochumSchüler_innen:Khadija: Nancy Ama Mensah-OffeiLajla: Sandra SelimovićMusa: Mustafa KaraBastian: Benjamin MuthHakim: Khaled Sharaf El DinFerit: Oktay GünesHasan: Paul Brusa

Kostüm: Julia EisenburgerMusikalische Leitung: Ossy PardellerRegieassistenz: Mirjam ErdemKostümassistenz: Sarah DamovskyProduktion: Alexandra Hutter

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