Kiku
05.10.2016

Praxis-Test für High-Tech-Handschuh

TGM-Schüler entwickelten Übersetzungsmaschine und Lorm-Handschuh für Menschen, die weder sehen noch hören.

Peter Köcher streift den Handschuh über. Ein High-Tech-Kleidungsstück mit vielen Drähten und insgesamt 48 Vibratoren. Nein, es handelt sich nicht um ein Massagegerät. Der Handschuh soll „schreiben“ – im Lorm-Alphabet. Das ist eine Zeichenschrift für Menschen, die weder sehen noch hören können, denen also weder Gebärden-, noch gesprochene Sprache hilft. Bei dieser Sprache entsprechen auf der Hand-Innenfläche verschiedenste Punkte den einzelnen Buchstaben, so bedeutet ein Druck auf die Daumenspitze „A“, zwei Mal Draufdrücken ist ein „Ä“. Rund 1400 Menschen betrifft das in Österreich, wobei nicht alle Lormen, oder nicht nur. Viele können die Braille-Schrift mit den Händen lesen oder verständigen sich anders direkt mit Händen – oft eine Art Gebärdensprache, die direkt von den beiden Gesprächspartner_innen von Hand zu Hand übertragen wird (taktile Gebärdensprache) – was dann oft schneller geht als die Lorm-Buchstaben.

Übersetzungsmaschine

Michael Eder und Alexander Bachmeier, die neben ihren Jobs, die Abendschule des TGM in Wien-Brigittenau besuchten – und mittlerweile abgeschlossen haben – hatten die Idee, eine Art Übersetzungsmaschine zu entwickeln: Digitale Devices, die es Menschen, die nicht lormen können, ermöglichen, Text zu senden – auf der einen Seite. Das Gegenstück: ein Handschuh, der das Geschriebene ins Lorm-Alphabet übersetzt. Und dazwischen noch eine Kunststoffhand, auf der die Lormschrift eingegeben werden kann – die dann ebenfalls auf dem Handschuh des Empfängers/der Empfängerin landet. Mit dieser Hand kann jemand sozusagen diese Zeichensprache erlernen und üben, weil das Display des zwischengeschalteten Gerätes auch die eingegebenen Buchstaben anzeigt.

Die (Ex-)Schüler haben mit dem (Hand-)Schuh nicht nur erfolgreich maturiert, sondern auch noch beim kleinen, feinen AX-Award den dritten Platz belegt. Für die beiden jungen Männer war damit die Sache aber noch nicht abgehakt. „Wir wollen, dass das Ding auch wirklich funktioniert“, meinten sie, suchten den Kontakt zum genannten Verband und vereinbarten einen Termin zum Praxistest, zu dem sie den KiKu einluden.

Technik-Freak

Peter Köcher ist zwar weder gehörlos, noch sieht er gar nichts, „und Lormen hab ich auch noch nicht gelernt. Ich kann maximal Tag und Nacht unterscheiden. Und damit ich was hör, müssen S‘ schon laut reden!“ Aber, so die Leiterin der Beratungsstelle, Barbara Latzelsberger, „der Peter ist ein Technikfreak, drum haben wir ihn vorgeschlagen, dieses Gerät zu testen.“

„Ja, das stimmt“, bestätigt der 61-Jährige die Aussage, „ich hab zwei Handys, bei dem einen kann ich auch eine Zusatzfunktion aktivieren, so dass ich Anrufe und Gespräche lauter höre und SMS mit Sprach-Ein- und -Ausgabe senden und empfangen kann.“ Und sofort beginnt Köcher, der als Bürstenmacher im Braille-Haus in Wien-Penzing arbeitet, aus seinen Alltagserfahrungen zu schildern. „Es gibt Verkehrsampeln in Wien, bei denen ein Modul aktiviert werden kann, dass das akustische Signal lauter wird, wenn der Umgebungslärm größer wird. Aber da gibt’s Anrainer, die sich darüber beschweren und drum wird das nicht aktiviert!“

"Falsche" Hand

Zurück zum Handschuh: Erstes Feedback: Der Handschuh ist für die „falsche“, die rechte Hand. „Gelormt wird eher auf der linken Hand“, erfahren die beiden TGM-Maturanten. Ein anderer Hinweis: Bei Buchstaben wie dem L, die nicht nur ein Druckpunkt, sondern eine gezogene Linie sind, vibrieren mehrere Punkte nacheinander. „Das verwirrt!“.

„Ach, das können wir gleich ändern“, meint das Erfinder-Duo, wirft den ebenfalls mitgebrachten Laptop an, verkürzt die Zeit zwischen den Vibrationspunkten, sodass sich fast das Gefühl einer Linie einstellt. „Das können wir softwaremäßig eben gleich machen, ansonsten müssten wir die Hardware irgendwie ändern, das würde länger dauern.“

Verbesserungspotenzial

Die beiden bedauern, dass sie nicht gleich von Anfang an den fachlichen Rat aus der Szene Betroffener eingeholt haben, wollen aber jedenfalls dran bleiben, die Gerätschaft zu verbessern. „Die Vibrationen sind gut zu spüren, cool wäre aber noch, wenn man über Handy von woanders eine Nachricht schicken könnte, die dann am Handschuh ankommt“, meinen Peter Köcher und Barbara Latzelsberger.

Der Handschuh-Test