Kiku
18.01.2018

Hört endlich wer auf Kassandra?!

Verdichtete Version aus Christa Wolfs Erzählung in starkem szenischem Monolog im Wiener Kosmos Theater.

Groooooßartiiiig. Beklemmendddd. Ein starkes Stück Schauspiel, Sprech-Theater. Julia Schranz trägt allein die einhalb Stunden, füllt die fast leere Bühne durch ihre Präsenz an wechselnden Orten aus. Bei der Premiere überspielte sie meisterhaft sogar den Ausfall der kleinen Kamera, die ihr helfen sollte, andere Figuren anzudeuten. „Untermalt“ nur durch einige eingeblendete atmosphärische Visuals (Mihaela Kavdanska, Dilmana Yordanova und Cristian Iorache) sowie dumpfe, meist bedrohliche Geräusche (Musik: Stefanie Neuhuber) erzählt sie die Geschichte der Kassandra, jener tragische vorausschauenden Frau aus der griechischen Mythologie, der keiner glaubte, in einer von Regisseurin und Dramaturgin (Julia Nina Kneussel und Martina Theissl) stark verdichteten Fassung aus Christa Wolfs Erzählung.

Keiner hört auf sie

Von Gott Apollo wurde sie, weil der an ihr Gefallen fand, mit der Gabe der Seherin ausgestattet. Gleich aber bestraft er die junge Frau, Tochter von Hekabe und Priamos, dafür, dass sie es wagt, sich ihm nicht hinzugeben. Keine und keiner wird ihren Vorhersehungen glauben, wiewohl Kassandra nicht aus Sternen oder einer Glaskugel liest, sondern „nichts“ anderes macht als genau zu beobachten, zu analysieren und sich aufdrängende, fast zwangsweise ergebende, Konsequenzen zu benennen. Die Wahrheit wäre zwar zumutbar, viele (Mächtige) wollen sie aber nicht wahrhaben.

„Sicherheitsnetz“

Die bekannte Schriftstellerin Christa Wolf hat vor 35 Jahren in der DDR eine Kassandra-Erzählung verfasst – mit so manchen Anspielungen auf die Mauer, die einst Troja umgab, aber auch Berlin teilte. Oder auf die Einschränkung von Gedanken- und Meinungsfreiheit aus Gründen der „Sicherheit“ - wo auch immer in Zeiten verkündeter „Bedrohungen“, verkörpert im Chef der Palastwache Eumelos. Aber keineswegs auf die DDR beschränkt. Wie Kassandras Anklage gegen den Krieg keine gegen die „Feinde“, die Griechen, ist, sondern eine gegen beide kriegführenden Seiten, also auch die „eigene“: „Troia hält stand. Gerade die Gewöhnung an den Zustand war es, die mir die Hoffnung nahm.“

Eumelos ist einer, den sie den Krieg überleben lässt - „die Griechen würden ihn gebrauchen. Wohin wir kämen, dieser wäre schon da. … ein fähiger Mann am rechten Platz. … Er zog die Schrauben an. Er warf sein Sicherheitsnetz über ganz Troia, es betraf nun jedermann. Die Zitadelle nach Einbruch der Dunkelheit gesperrt. Strenge Kontrollen alles dessen, was einer bei sich führt. Sonderbefugnisse für die Kontrollorgane. … auf einmal ist es nicht mehr ratsam für uns Frauen, alleine unterwegs zu sein. Wenn man es recht betrachtete, schienen die Männer beider Seiten verbündet gegen uns Frauen. … ihr verwendet Polyxena als Lockvogel für Achill...“ Als Kassandra Letzteres sagt, herrscht sie ihr Vater Priamos an „Wenn du diesem unserem Plan jetzt nicht zustimmst – weißt du, wie ich das nenne? Feindbegünstigung.“

Rational plus emotional

Die Anklage gegen Krieg und das Aufzeigen von Anzeichen für einen solchen kommt in „Kassandra“ - sowohl in Wolfs Text aber auch in Schranz's Spiel - weder pathetisch noch resignierend daher. Sie erfolgt zwar rational, aber nicht nur nüchtern und sachlich, sondern sehr wohl mit Emotionen – verletzt, bedauernd, und doch mit einem Funken Hoffnung – künftige Generationen könnten es vielleicht besser machen. „Zwischen Sterben und Töten gibt es ein Drittes: Leben. … Es gibt Zeitenlöcher. Dies ist so eines, hier und jetzt. Wir dürfen es nicht ungenutzt vergehen lassen. Ich glaube, dass wir unsere Natur nicht kennen. So mag es, in der Zukunft, Menschen geben, die ihren Sieg in Leben umzuwandeln wissen. In der Zukunft.“

Ach wie schön könnte es sein, zurückgelehnt, sich vielleicht ein wenig wundernd über Ignoranz in uralten Zeiten der griechischen Mythologie von Kassandra hinzugeben statt an und nach dem starken Theaterabend stets im Kopf Parallelen zu heute und mitunter auch hier herstellen zu müssen. Derzeit kein Zeitenloch ;(

Zitate

„Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg. Falls es da Regeln gäbe, müsste man sie weitersagen. Da stünde unter anderen Sätzen: Lasst euch nicht von den Eigenen täuschen!“

„Schick mir einen Schreiber, oder, besser noch, eine junge Sklavin mit scharfem Gedächtnis und kraftvoller Stimme. Verfüge, dass sie, was sie von mir hört, ihrer Tochter weitersagen darf. Die wieder ihrer Tochter, und so fort. So dass neben dem Strom der Heldenlieder dies winzige Rinnsal, mühsam, jene fernen, vielleicht glücklicheren Menschen, die einst leben werden, auch erreichte.

Und daran könnt ich glauben, auch nur einen Tag?“

Was? Wer? Wann? Wo?

Kassandranach dem Roman von Christa WolfEigenproduktion des KosmosTheater, Wien

Regie: Julia Nina Kneussel Bühnenfassung: Julia Nina Kneussel, Martina Theissl Darstellerin: Julia Schranz

Dramaturgie: Martina Theissl Video: Mihaela Kavdanska, Dilmana Yordanova, Cristian Iordache / KOTKI visuals Musik: Stefanie Neuhuber Ausstattung: Gudrun Lenk-Wane Regieassistenz: Olivia Poppe Regiehospitanz: Avelina Goetz

Wann & wo?Bis 2. Februar 2018KosmosTheater wien, 1070, Siebensterngasse 42Telefon: (01) 523 12 26www.kosmostheater.at