Kiku
09.04.2016

Aida Loos, die Viel(seitig)e

In ihrem zweiten Programm "Achtung! Fertig! Loos" schlüpft Aida Loos wieder in viele Rollen und zieht so ziemlich alles durch den Kakao.

Es wäre wahrscheinlich ein höchst interessantes Experiment, dieses Programm von Anfang an mit geschlossenen Augen zu verfolgen. Um am Ende zu raten, wie viele Personen die Bühne bevölkert haben.

Auf sicher gut ein halbes Dutzend wohl getippt werden:

* Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou – "Kriechenlaand, nicht Kriisenlaand"

* Herr Ha-Zeeh (Strache, in einer voraufgenommenen Video-Einspielung) * "Proläätn" * eine übereifrige vor Stolz platzende und Kinder unter Stress setzende Mutter * ein Mann/Vater, der meint, dank Geburtsvorbereitungskurs die Geburt fast selbst mitvollzogen zu haben * eine AMS-Referentin, die seltsame Kurse aufs Aug drücken will * verbissene, missionierende Veganer_innen... und * eine Mutter, die Deutsch mit dem Akzent einer Perserin spricht - „Gähst duhu jeetzt biiitthe schalafeen“. Und das sind noch nicht alle im neuen Stück der Wiener Kabarettistin Aida Hossein, Künstlerinnen-Name Loos, vorkommenden Personen.

Switchen

„Achtung! Fertig! Loos!“ heißt ihr zweites Programm nach „Hartes Loos“. Und sie spielt es – auch jene die's (noch) nicht gesehen haben, werden's wahrscheinlich erraten haben – ganz allein. Alle vorkommenden Typen werden von ihr gespielt und gesprochen. Im Bruchteil einer Sekunde switcht sie ansatzlos von einer Rolle in die andere.

Bitterböse Wiener Lieder

Halt! Nicht ganz allein, zwei Mal erhält sie auf der Bühne – Premiere war Freitag Abend im Wiener Theater Akzent – (Klavier-)Begleitung. Schon im Interview rund um ihr ersten Programm hat sie dem KURIER erzählt, dass sie, die in Wien aufgewachsen ist – und nun in Schwechat lebt –, die bitterbösen kabarettistischen Lieder von Cissy Kraner und Hugo Wiener fasziniert haben. Im ersten Programm hat sie einige davon gesungen, fürs neue Programm hat sie – mit Johannes Glück, der am Klavier spielt – zwei neue in diesem Stil verfasst.

Apropos Schwechat. Durch den neuen Wohnort lernte sie, so die Kabarettistin, ein neues Wort kennen: Einflugschneise. Allein damit spielt sie minutenlang – was das denn sein solle, woher es sich ableite, was es sein könnte – von einem Insekt bis zu einem AMS-Kurs oder einer Speise im China-Lokal – einfach anders ausgesprochen und akzenturiert.

Selbstironie

Ansonsten zieht Aida Loos so alles durch den Kakao, das ihr im Alltag unterkommt. Die eine oder andere Szene samt Pointe kommt jenen bekannt vor, die so manche Postings auf ihrer Facebook-Seite kennen, etwa die von Amelies Mutter, die so stolz ist, dass ihre zweijährige Tochter schon rutschen kann. Dabei nimmt sich die mitreißende, verwandlungsfähige Alleinunterhalterin immer wieder auch selbst (und ihre Familie) auf die Scahaufel – vom Umgang mit ihren Kindern bis zur überdimensionalen Wichtigkeit, den Facebook und Co. In fast unser aller Leben bekommen hat, statt wirklich selber zu leben. Ihr Auftritt ist wahrlich ein Plädoyer dafür, ihn live, 3D und full HD zu erleben statt ihn nur auf dem kleinen Bildschirm eines sogenannten Smart-Phones trotz ausgereiftester Technologie flach und second hand anzuschauen.

Die nächste Gelegenheit gibt's am 4. Juni in der Kulisse und alle weiteren Termine auf: www.aidaloos.com

Leichtigkeit von "Hartes Loos"

Ja, Mutti?!“ Der Dialog aus dem Off der noch dunklen Bühne dreht sich um den bevorstehenden Theaterbesuch, ums Pünktlich-Sein und die Dehnbarkeit dieses Begriffes unter Perser_innen. Denn wer da wirklich zur besprochenen Zeit antanzt, macht den anderen nur Stress, weil die doch damit rechnen dass 7 Uhr bedeutet, die Gäste kommen frühestens um 8.

Aida Loos, eine der Kabarettist_innen die im Finale der "Großen Comedy Chance" (ORF1) zu sehen ist heißt eigentlich Hossein. Immer wieder streut sie in ihr Programm „Hartes Loos“ mal nette, mal arge Spielereien mit ihrem Namen ein. „Die meisten hab ich wirklich erlebt“, erzählt sie dem KiKu. Von wegen Punschkrapferl oder Oper oder jenen Ignoranten, die gar aus dem Vornamen ein Eida fast wie Oida draus machen. Und vom Nachnamen gar nicht zu reden, da wird von vielen offenbar echt nicht wahrgenommen, dass ein o kein u ist. Gerade Letzterer war Anlass dafür, einen Künstlerinnennamen zu suchen, Hoss lag als Kurzform nahe, „eine bekannte Schauspielerin Hoss hat’s aber schon gegeben, das o mag ich sehr, und auch den minimalistischen Zugang des Architekten Adolf Loos, wie der aus wenig Raum, mit reduzierten Mitteln Großes macht, hat mich sehr angesprochen“ und so tritt sie seit geraumer Zeit als Aida Loos auf.

In zwei Kulturen daheim

Die in Teheran geborene, ab frühester Kindheit in Wien aufgewachsene Schauspielerin ist im persischen sehr selbstironischen Humor der 7000 Jaaaahre alteeen Kultuuur ebenso zu Hause wie im Wiener Schmäh – nicht nur von der Sprachfärbung, auch von der Stimmung. Vielleicht hat das Aufwachsen mit zwei Sprachen und zwei Kulturen auch das Switchen in Akzentfärbungen weiterer Sprachen erleichtert, vom spanisen bis zum teutschen… Doch nicht nur die punktgenauen Akzentuierungen haben’s ihr angetan, im ersten Teil des Programms greift Aida Loos auch Unterschiede beim Nießen auf – vom verhaltenen, zurückhaltenden bis zum explosionsartigen.

In andere Rollen schlüpfen, ...

... Stimmen anderer imitieren – „das hab ich schon als kleines Kind vor dem Spiegel gespielt, da wollt ich schon Schauspielerin werden. Aber nicht bei meinen Eltern, unter Ärztin oder Rechtsanwältin durfte es nichts sein“, erklärt die Stimm- und Gedankenakrobatin ihren Umweg. Der mit den Eltern (Geschäftsfrau und Statiker) ausgehandelte Kompromiss führte die jugendliche Aida in eine Wiener Hotelfachschule und ein Tourismus-Management-Studium in den Niederlanden. Gastronomie war dann längere zeit auch der Brotberuf mit dem sie sich ihre Leidenschaft, die Schauspielerei, leisten konnte.

Wienerlied retten

Irgendwann entdeckte sie dabei ihre Liebe zur Sparte Kabarett, „und da vor allem, ich lebe ja in Wien, zur heimischen Tradition, besonders fasziniert haben mich die Lieder/Chansons der (vor rund einem Jahr verstorbenen) Cissy Kraner, die meist ihr Mann Hugo Wiener geschrieben hat.“ Teils lieblich daherkommen, versteckt sich in ihnen immer wieder so manch bittere Bösartigkeit.

Diese Lieder, die viele gar nicht kennen, will Aida Loos weiter verbreiten. Sie sind so etwas wie Eckpfeiler im Programm. Mit Gschichterln und Episoden – vielen davon mehr oder minder so erlebt – spielt sie sich schrittweise hin. Und baut dabei mitunter auch versteckte Pointen ein, aus denen einige im Publikum zusätzlichen Mehrwert ziehen können. Wenn sie auf dem Weg zum Wiener/Kraner-Tortenlied eine ziemlich rundliche Shirin auftauchen lässt, so bedient sie damit jene, die schon mal gehört haben, dass dieser persische Name auf Deutsch „Süße“ bedeutet“.

Genial ist vor allem ihr Spiel mit sprachlichen Nuancierungen und –färbungen und nicht zuletzt die Mimik, wenn sie einen imaginären Geeranatapfeeel – „wir Perseer haben das Ooobst erfundeeen“ – genüsslich und alles anpatzend verzehrt – ein Genuss – womit sich der Bogen wieder zum (ge)nießen schließt.

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