Jung-Jurorinnen beim Gespräch mit dem KiKu

© aracari verlag

Jury der junge Leser_innen

Von menschlichen Vögeln und (Unter-)Wasser-Welten

Jury der jungen LeserInnen hat ein neues "Zuhause" - im "LiteraturRaum". Gespräch über ihre vergangenen Top-Bücher.

von Heinz Wagner

12/19/2016, 06:00 AM

Meist wählen ja Eltern, Großeltern und andere Verwandte oder Lehrerinnen und Lehrer, manchmal auch Journalistinnen und Journalisten oder diverse – mit Erwachsenen besetzte – Jurys aus, welche Bücher sie für Kinder bzw. Jugendliche toll finden. Seit fast einem Vierteljahrhundert gibt es in Wien eine kleine, feine Einrichtung, wo dies anders ist: Die Jury der jungen LeserInnen. Kinder und Jugendliche haben sich 23 Jahre lang regelmäßig im Literaturhaus in der Wiener Seidengasse zu Buchdiskussionen getroffen, Bücher verschlungen, darüber geredet und nach rund einem Jahr ihre jeweiligen Favoriten gekürt – nicht selten auch nach heftigen Diskussionen. Bei manchen Preisbüchern waren wir uns sofort einige, bei anderen haben wir gestritten, anders gesagt diskutiert“, meinen Marion Rendler (11), Annabelle (13) und Victoria (14) Löffler bei einem Treffen mit dem Kinder-KURIER schon im neuen „Literaturraum“ von Mirjam Morad (seit Herbst in der Wiener Viktorgasse, siehe Infos).

Bei der Preisverleihung, zu der immer wieder auch von den jungen Leserinnen und Lesern ausgezeichnete Autorinnen und Autoren angereist sind, oder wenn zu fern Videobotschaften geschickt haben, stellten die jungen Jurorinnen und Juroren ihre Buchlieblinge oder szenisch und anderweitig kreativ vor. Bei der letzten Preisverleihung im „alten“ Quartier konnten die verschiedenen Jurys – nach Altersgruppen – auf rund 200 gelesene bzw. betrachtete (es gibt auch eine eigene Bilderbuch-Jury – aus Jugendlichen und sehr jungen Erwachsenen) zurückblicken.

Menschliche Vögel

Knüpfen wir gleich bei den Bilderbüchern an. Hier fiel die Wahl auf „Als die Vögel vergaßen, Vögel zu sein“ von Maria Julia Diaz Garrido und David Daniel Àlvarez Hernández. „Von der Gestaltung her wunderschön, symbolisch und toll..., Die Illustratorin hat es geschafft, so aussagekräftige Bilder mit Bleistift zu zeichnen. Die Vögel wurden gut vermenschlicht dargestellt. Das Zusammenspiel von Ausdruck, Geschichte und Bildern schuf ein wunderbares Werk, das sehr zum Nachdenken anregt“, meinten die Juror_innen Zoe, Axel und Jacqueline.

Zitate aus diesem Buch: „Eines Tages wendeten die Vögel ihren Blick von den Zweigen und Blättern ab und stellten sich ein anderes Leben vor. So begann ein neues Zeitalter... Sie bauten die schönsten Nester, die man je gesehen hatte... Sie wünschten sich Dinge, die niemand haben kann... „und sie wünschten sich immer mehr... Sie wollten alles kontrollieren und beherrschen, fremde Länder, das Leben und sogar das Schicksal der anderen... Zum Glück gab es aber irgendwo noch jemanden, der sich einfach nur wünschte, seine Flügel auszubreiten und fliegen zu lernen!“

Alice mal 2 - Neu gezeichnet

Illustrationen und Gestaltung stehen naturgemäß im Zentrum der Entscheidungen für die Coverpreise, die auch in verschiedenen Altersgruppen vergeben werden. In diesem Jahr traf dies aber auch auf einen Sonderpreis zu und da fiel die Wahl auf eine neue Ausgabe von Lewis CarrollsAlice im Wunderland & Alice hinter den Spiegeln“ in einem „Wende-Band“. Drehst du das Buch um, so kommst du von der anderen Seite zum andere Band. Die Jury fand die zum 150. Geburtstag neu herausgegebene Version vor allem wegen der Kombination alter Kratztechnik mit moderner Computertechnik sehr gelungen. Damit wurde eine „neue, zeitlose Alice geschaffen, die man sofort ins Herz schließt.“

Über und unter Wasser

Nun zur Entscheidung über die besten Texte: Die Kinderjury der 11- und 12-Jährigen kürte beim vergangenen Durchgang ein eigentlich erst für Jugendliche angegebenes Buch zu ihrem Favoriten: „Atlantia“ von Ally Condie, das von zwei Zwillingsschwestern handelt, von denen eine in der von einer Luftblase umhüllten Unterwasserstadt und die andere in der Welt oberhalb des Wassers lebt. Unten ist alles schön und idyllisch, oben müssen sich die Menschen abrackern und aufopfern, um die unten am Leben zu erhalten. „Wir haben das sehr spannend gefunden und die Geschichte um die Schwesternliebe und Geheimnisse hat uns angesprochen“, meinten die jungen Jurorinnen. Annabella Löffler meinte im KiKu-Gespräch, „in die nähere Auswahl ist zuerst auch noch Die Chroniken von Toronia. Die Prophezeiung. (J.D. Rinehart) gekommen. Gleich die erste Seite war so spannend und gut. Aber leider war die letzte Seite sehr schlecht.“

Autorin statt Piratin

Tobias, Victoria konnten bei der Preisverleihung auch die Autorin des von ihnen zum Favoriten gekürten Buches begrüßen, Anna Kuschnarowa, aus Leipzig. „Das Herz von Libertalia“ hatte die 14-/15-Jährigen am meisten angesprochen und überzeugt. In diesem Roman beschreibt die Autorin eine junge Frau (Anne Bonny), die von ihrem Vater als Junge aufgezogen wird, was ihr vor mehr als 300 Jahren, wo Frauen und Mädchen sehr stark benachteiligt waren, Vorteile verschaffte. Aber diese Anne will sich nicht verkleiden, um zu gleichen Rechten zu kommen. Sie träumt von einem freien Leben im sagenhaften Piratenreich „Libertalia“
Kuschnarowa, die schreibt, seit sie elf ist, wollte selber lange Piratin und schrieb so über ihren Traum anhand eines Romans, der aus Fiktion und Geschichte demokratisch organisierter Piraten und der angeblich wirklich existierenden utopischen Piratengemeinschaft Libertalia. Die Romanheldin gibt nie auf, sagt und erreicht was sie will, ist außergewöhnlich und temperamentvoll. Die jungen Juror_innen überzeugte zusätzlich zur spannend geschriebenen Geschichte „eine gewisse Komik auch in argen Situationen“.
Victoria: „Das Buch hat mich fasziniert. Die Mischung aus historischen Fakten und Fiction ist von Anfang bis Ende sehr spannend. Der Schreibstil ist unfassbar gut, sehr detailliert und besonders bildhaft, sodass man sich jede Szene sehr gut vorstellen kann. Der Inhalt aber hat mir am meisten gefallen, weil es nicht viele Bücher über Piraterie und gleichzeitig Frauenrechte gibt. Es ist so geschrieben, dass man das Gefühl hat, dabei zu sein und gleichzeitig wird die Geschichte auf lustige Weise dargebracht.“
Tobias sagte: „Das Buch ist sehr innovativ - Piraten und Frauenrechte, so etwas das eher getrennt ist, zusammen zu bringen. Zum Schreibstil finde ich: Toll ausgeschmückt, Dialoge der altertümlichen Sprache angepasst, teilweise vulgär, was toll war, weil es so toll reingepasst hat. Die Sätze sind sehr künstlerisch-poetisch, oft auch abgeschnitten, teilweise nur so drei Worte. Ich fand das richtig cool, auch sehr unkompliziert. Sowohl schönen als auch harte Seiten des Piratenlebens werden realistisch aufbereitet. Dass es einige der Charaktere wirklich gegeben hat, verleiht dem Buch noch einen eigenen Touch.“
Die Juror_innen befragen auch die anwesende Autorin, nicht zuletzt zu ihrem Piratentraum als Kind
Anna Kuschnarowa antwortete: „Inzwischen will ich nicht mehr Piratin werden. Autorin ist fast noch besser... Seit vier Jahren schreibe, lese und fotografiere ich „nur“ mehr.
Gefragt nach einem aktuellen Projekt verriet die Autorin: „Eine Familiengeschichte, die auf meiner eigene Familiengeschichte aufbaut. Ein Großvater war Kosake, sozusagen ein Landpirat zu Pferde.“

LiteraturRaum
1040, Viktorgasse 12/7 (Mirjam Morad)
Telefon: (01) 50 45 143
www.juryderjungenleser.at

Bestes Bilderbuch
Maria Julia Díaz Garrido, David Daniel Álvarez Hernández
(aus dem Spanischen übersetzt: Lydia Thiessen)
Als die Vögel vergaßen, Vögel zu sein
32 Seiten; ab 7 Jahren
aracari verlag
15,40 €

Bestes Buch der Kinder-Jury
Allie Condie
(aus dem amerikanischen Englisch übersetzt: Stefanie Schäfer)
Atlantia
S. Fischer
17, 50 € - gebundene Ausgabe)
14,99 € - eBook (ePUB)
15,99 € - Hörbuch

Bestes Jugendbuch
Anna Kuschnarowa
Das Herz von Libertalia
Beltz & Gelberg
18, 50 € -gebundene Ausgabe)
16,99 € - eBook (ePUB)

Sonderpreis
Lewis Carroll
Christian Enzensberger (Übersetzung)
Floor Rieder (Illustrationen)
Alice im Wunderland & Alice hinter den Spiegeln
384 Seiten, Verlag Gerstenberg; 25.70 €
5 bis 12 Jahre

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