Auf der Suche nach dem Kind (in sich)

Der Tag als (s)ich mein Kind verlor
Foto: Barbara Pálffy Szenenfotos aus dem Stück "Der Tag als (s)ich mein Kind verlor" von "Junges Theater Wien"

Junges Theater Wien: „Der Tag als (s)ich mein Kind verlor“ im Theater Spielraum (Wien)

Zuerst tönt Musik durch den Saal und schließlich betritt das SchauspielerInnen-Ensemble „Junges Theater Wien“ den Raum. Wie in Trance bewegen sich die acht DarstellerInnen – sieben als Weißclowns geschminkt, der achte mit großem, rotem Clownsmund - nebeneinander her. Noch scheinbar geordnet, wie in einem einheitlichen Taumel zur Musik. Doch schnell erfolgt schließlich die erste abrupte Wende, als sie auseinanderfallen, durch Schmerzen geplagt, deren Ursprung man nicht kennt. Beim schon erwähnten achten handelt es sich um den Regisseur, der von der Bühne in die letzte Publikumsreihe eilt, um von dort aus die Sprechoper zu dirigieren.

 

Von bedrückend bis humorvoll

Der Tag als (s)ich mein Kind verlor Foto: Barbara Pálffy Bald bemerkt man, dass das Stück auch nicht vorhat ihn genauer zu erklären, vielmehr wirft es einen hinein, mitten in eine wilde Mischung aus Musik, Wort und Bewegung. Es lässt einem dabei fast nichts anderes übrig, als Interpretationen vorerst beiseite zu lassen und sich auf einen Wechsel verschiedenster Emotionen einzulassen, in dem Verzweiflung und Traurigkeit abgelöst werden durch kurze Momente des Aufatmens und der Leichtigkeit. Immer wieder bricht dann plötzliches lautes Lachen im Publikum, die bedrückende Stille im Raum.

 

Der Tag als (s)ich mein Kind verlor Foto: Barbara Pálffy Im Gespräch mit dem Kinderkurier nach der Premiere im Theater Spielraum, erklärt der junge Regisseur Matti Melchinger (20 und trotzdem war es schon seit elftes Stück), dass er genau das auch gerne durch das Stück bewirken wollte: Eine Sinnesüberflutung. Nur drei Wochen probte die junge Gruppe („Junges Theater Wien“) die intensive Sprechoper, die rhythmisch und musikalisch vor allem auf Motiven von Gustav Mahlers 1.Symphonie und Wolfgang Amadeus Mozarts Zauberflöte aufbaut. Matti Melchinger erzählt, dass er die Inspirationen für seine Stücke außerdem aus der Weltliteratur bzw. von unterschiedlichen GegenwartskünstlerInnen erhält.

 

Keine Menschen an die Macht!

Der Tag als (s)ich mein Kind verlor Foto: Barbara Pálffy Einer der zentralen, dessen Gedanken und teils auch Formulierungen, sich wie eine Art roter Faden durchs Stück ziehen – ob gespielt, gesagt oder mit Kreide auf den Boden geschrieben – ist der nicht ganz unumstrittene deutsche Gegenwartskünstler Jonathan Meese. Der leidenschaftliche, kompromisslose, immer wieder auch provokante Maler, Bildhauer, Performance- und Theater-Artist postuliert: „Keine Menschen an die Macht“ bzw. fordert eine Diktatur der Kunst, wobei er immer wieder dann auch den Kunstbegriff selber in Frage stellt. Alles in Frage stellen – und dann wieder das eher naheliegende Antihierarchische auch problematisieren... sozusagen nix ist fix – außer seine eigenen Postulate. Melchinger schätzt Meese, wenngleich er nicht wirklich alles gutheißt, wie er in dem genannten Gespräch sagt.

 

Utopos contra Abarte

Der Tag als (s)ich mein Kind verlor Foto: Barbara Pálffy Im Hintergrund der Produktion steht auch eine Geschichte, die von einem Vater erzählt, der in Utopos lebt und sein Kind an eine Welt namens Abarte verliert. Er macht sich auf den Weg dorthin um es zu suchen. Diese Handlung wird allerdings Grundlage für viele kleine Geschichten, denn für den Vater wird sie zum Auslöser, sich mit den Grundfragen seines Lebens auseinanderzusetzen. Mit seiner Reue darüber, dass er Versprechen nicht halten konnte. Mit der Beziehung zu einer Frau, der Mutter des Kindes, die die Familie verlassen hat und zu einem Symbol für seinen Kampf mit der Versuchung wird. Schließlich auch mit seiner eigenen Mutter, nach der er manchmal ruft, als erhoffte er sich durch sie die Antwort auf seine Fragen.

 

Die Welt Abarte wird dabei wie zu einem Symbol für all das Unergründliche und Abgründige das einem in der Welt passiert. Für all das, bei dem man das Gefühl hat, keine Macht zu haben.

 

Suche nach DEM Kind

Der Tag als (s)ich mein Kind verlor Foto: Barbara Pálffy Die Handlung verliert sich immer wieder und man erlebt sie wie in einer Art Rausch, wenn einzelne Momente für die SchauspielerInnen zu Anregungen werden mit Worten zu spielen und wenn sie dann plötzlich mit ihren Körpern und Ausdrücken verwirrend starke Bilder formen. Beispielsweise als der Vater in Abarte begrüßt wird und die DarstellerInnen abwechselnd immer wieder einen Satz wiederholen: „Welcome to Abarte.“ Ihre Stimmen klingen dabei monoton, fast als würden sie einem elektronischen Gerät entspringen. Als sie alle zusammen etwas singen wollen und eine der Protagonistinnen, Julia Sailer, immer wieder vor einer bestimmten Stelle des Liedes umkippt. Oder als gegen Ende ein Bild entsteht, in dem Paul Graf, mit Ketten um den Hals und Blut im Mund in der Mitte des Raumes steht, um ihn die anderen DarstellerInnen, schwarz weiß gekleidet und mit weiß bemalten Gesichtern, nur die Finger getunkt in die selbe rote Farbe.

 

Grund dafür, dass der Faden der Handlung oft verschwimmt ist sicherlich auch, dass die SchauspielerInnen einander in der Rolle des Vaters immer wieder abwechseln. Auch wechselt ihre Beziehung zueinander. Manchmal steht der Hauptprotagonist in der Mitte, von allen Seiten von den anderen umschlungen, dann wieder wird er von ihnen verfolgt und ausgelacht.

Auch die Bühne wandelt sich während der Aufführung, denn auf den Wänden und dem schwarzen Boden werden immer wieder mit weißer Kreide bestimmte Textstellen festgehalten.

 

Wenig Konstante

Der Tag als (s)ich mein Kind verlor Foto: Barbara Pálffy Nur zwei der SchauspielerInnen behalten ihre Rollen. Claudia Marold, die Mutter des Kindes, die mit ihrem samtroten Kleid auf eine Weise das Stück umrahmt. Ganz am Anfang und gegen Ende betritt sie den Raum und spricht über das Verlassen ihres Kindes, in einer Mischung aus Wut, Traurigkeit und verzweifeltem Übermut. Beständig auch die beiden Rollen von Matti Melchinger selbst, als Dirigent des Stückes und als König von Abarte. Während der Aufführung steht er lange Zeit hinter dem Publikum, wo er immer wieder eine Aufforderung in den Raums wirft: „Liebet und spielet!““, ruft er „bzw. „Spielet doch endlich!““ Erst gegen Ende betritt er mit einer grünen Maske und bedrohlich schweren Schritten – als „abartiger“ König - selbst die Bühne.

 

Das Stück überlässt einem viele Fragen und wie der Vater nach dem Kinde bleibt man auf der Suche nach Antworten - „du bist das Kind welches du suchst!“. Doch eines scheint klar zu sein: Dass die Worte „Ich kann nicht mehr““, die die SchauspielerInnen am Ende nach rund zweieinhalb Stunden in den Saal rufen, in diesem Moment für alle nachvollziehbar und gültig sind. Für die sich voll verausgabenden Darsteller_innen und für das Publikum, dem volle Konzentration abverlangt wird und das durch ein Wellenbad unterschiedlicher Gefühle geschickt wird.

Rosanna Wegenstein, 18

Mitarbeit: Heinz Wagner

Infos

Was? Wer? Wann? Wo?

Der Tag als (s)ich mein Kind verlor Foto: Barbara Pálffy Der Tag als (s)ich mein Kind verlor

Eine Sprechoper von Matti Melchinger mit Motiven von Gustav Mahler und Wolfgang Amadeus Mozart

 

Mit: Paul Graf, Claudia Marold, Julia Plach, Henrietta Rauth, Julia Sailer, Johannes Sautner, Sebastian von Malfèr, Matti Melchinger

 

Inszenierung & Musikalische Leitung: Matti Melchinger

Konzeptuelle Mitarbeit & Dramaturgie: Shirina Granmayeh

Assistenz & Produktionsleitung: Florian Eder

Lichtdesign: Tom Barcal

 

Wann & wo?

Der Tag als (s)ich mein Kind verlor Foto: Barbara Pálffy Bis 11. Oktober

Theater Spielraum, 1070, Kaiserstraße 46

Telefon: (01) 713 04 60 60

www.theaterspielraum.at

(kiku / R.W.) Erstellt am
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