Kiku
18.03.2016

International School of Brigittenau

Lokalaugenschein im bunt gemischten Gymnasium Karajangasse, einer der wenigen AHSen, die Flüchtlinge aufgenommen haben. Gelungene Integration, Inklusion und Intensivst-Deutsch-Kurs.

Dass hier mehr als 1000 Kinder und Jugendliche lernen ist aufs erste, ja sogar aufs zweite nicht wirklich zu merken. Ja sicher, das Schulhaus erstreckt sich über mehr als einen halben Häuserblock zwischen Karajangasse, Unterbergergasse (Notaus- und früherer Eingang) und Wasnergasse (an der Augartenmauer). Alte und neue Bauteile. Also ein recht großer Gebäudekomplex. Aber doch sehr viele Schülerinnen und Schüler bei definitiv entspannter Atmosphäre. Und eine sehr bunte Belegschaft. International School of Brigittenau in der Nähe des Wallensteinplatzes sozusagen. Rund vier Dutzend Sprachen – neben Deutsch - bringen die 1100 SchülerInnen mit. International bunt gemischte Schulen gibt es viele. „Aber in Gymnasien kaum so bunt wie bei uns“, ist Direktorin Margaret Witek stolz.

Vielsprachig

Am „internationalen Tag der Muttersprachen“ (21. Februar), so werden uns Schüler_innen der 4A später erzählen „haben wir im ganzen Schulhaus bei Sachen wie Feuerlöscher usw. Schilder in verschiedenen Sprachen und Schriften aufgehängt. Auch die Gedenktafel im Stiegenhaus für Opfer des Krieges haben wir übersetzt.“ Viele seien, so Florian Schweitzer, Deutsch- und Biologielehrer, der immer wieder auch parallel zum laut Gesprochenen fast wie automatisch gebärdet (nicht in dieser Klasse, aber in der Schule werden Gehörlose inklusiv unterrichtet), „da überhaupt erst auf die Gedenktafel aufmerksam geworden“.

DER Mathe-King

Pausenhalle. Früher Nachmittag an einem Freitag. In der hintersten Ecke diagonal zum Futter- und Getränkeautomaten haben sich einige Jugendliche ein paar Sitzgelegenheiten zusammen geschoben, ein Handy mit Lautsprechern. Musik. Disco-Stimmung. In anderen Ecken sitzen Schüler_innen in Kleingruppen und quatschen miteinander hin und wieder zeigen sie einander irgendwas auf ihren SmartPhones. An mehreren zusammengestellten Tischen umlagern Schülerinnen und Schüler verschiedenen Alters und unterschiedlichster Schulstufen einen jungen Mann: Zhan. Er ist DER Mathe-King. Der einen Mitschülerin erklärt er Gleichungen, anderen andere komplizierte Rechnungen. Saleha, Damleklee, Kheled, Mariam und Firo(za) rechnen eifrig. Hin und wieder stellen sie eine Frage an den Ober-Auskenner-Mitschüler. „Ich hab schon als kleines Kind in Kasachstan am liebsten gerechnet. Mathe ist immer mein Lieblingsfach gewesen. Ich mag es einfach“, verrät er dem Kinder-KURIER das Geheimnis seines Erfolgs als Gratis-Nachhilfelehrer aller Schwierigkeitsstufen. „und er erklärt ur-gut“, tönt es von allen seinen Nachhilf-Schüler_innen.

Ingenieurin und Astronaut

Später werden wir ihn im Intensiv-Deutschkurs wieder treffen. Zuvor aber noch in die 4a. Sie ist eine der Klassen, die in den vergangenen Monaten zwei neue Schutzsuchende in Österreich aufgenommen hat – aus Syrien und Afghanistan. (Die ganze Schule hat insgesamt 23 Flüchtlinge aufgenommen.) Lina, die Ingenieurin werden will, flüchtete mit ihrer Familie zuerst von Aleppo nach Beirut und Nasser (Berufswunsch Astronaut) direkt aus Damaskus nach Europa. Beide hatten in ihren Schulen zuletzt - in Syrien und im Libanon - zehn Wochenstunden Englisch. Lina besuchte eine Ganztagsschule, Nasser musste die halben Tage von Woche zu Woche wechseln. „Die eine Woche hatten wir am Vormittag Schule, die andere am Nachmittag. Am jeweils anderen Halbtag waren andere Kinder in den Klassenzimmern.“

Bilingual

Wie sie hier in der Wiener Schule aufgenommen wurden? „Sehr gut“, meinen beide spontan. „Wir haben gleich versucht, uns auf Deutsch vorzustellen“, meinen beide „obwohl wir nur ein paar Wörter kannten“.
„Und für uns war’s auch einfach, wir sind eine bunte Klasse“, verweist Jasmin darauf, dass hier selbstverständlich ist, was so manche da draußen irgendwo zu Problemen hochstilisieren. Malek, der mit Deutsch und Arabisch aufgewachsen ist, hat insbesondere anfangs „oft geholfen und übersetzt“.
„Manche Lehrkräfte haben teilweise auf Englisch unterrichtet, zum Beispiel in Chemie“, berichten Schüler_innen. Und so lernten alle noch „nebenbei“ etwas. Dominik machte sich Maleks Arabisch-Kenntnisse zunutze, um dann besonders in Chemie „zu helfen, Sachen zu erklären“.
Diese individuelle Hilfe ist hier im Gymnasium Karajangasse auch institutionalisiert. Schüler_innen der 6. und 7. Klasse meldeten sich für ein Buddy-Projekt, das über Lernhilfe hinausgeht und auch gemeinsame Freizeitaktivitäten umfasst.

Intensivst-Deutsch

Das mit den nur wenigen Wörtern auf Deutsch an ihren ersten Schultagen gehört längst der Vergangenheit an. Jugendliche verschiedenster Klassen und Herkunft besuchen den intensiven Deutsch-Förderkurs an vier Nachmittagen - drei mal drei Stunden und freitags zwei, also insgesamt elf Stunden pro Woche. Grammatik für Fortgeschrittene steht auf dem Stundenplan als der KiKu einen Lokalaugenschein vornehmen darf – Possesiv-Pronomen im Singular und Plural – eine ganze Seite voller Sätze in denen die Pronomen dein/deine, euer/eure zu den jeweiligen Substantiva gefunden werden müssen. Die einzige wirklich Frage der Schülerinnen und Schüler bei diesem Arbeitsblatt lautet nur, „was bitte ist ein Mofa?“

Neben Arbeitsblättern bereitete Kerstin Gittinger, die Lehrerin, die „eigentlich nur Unterrichtspraktikantin war“ und sich da reinkniet, kleine Arbeitskärtchen für interaktive Rollenspiel vor. Bei einem muss sinnerfassend gelesen werden, was da steht, um eine Partnerin/einen Partner zu finden, der hat, was man selber braucht. So will jemand ein Kätzchen, das „Gegenstück“: Jemand, der wen sucht, der auf eine Katze aufpassen kann. Eine andere fiktive Person will gern schwimmen gehen. Gelesen und nun muss reihum gefragt werden, wer hat ein Kärtchen auf dem steht, dass Schwimmen ihr/sein Hobby ist.
Schwierig wird’s bei den Witzen, die im Duo gespielt werden sollen. So manche sind nicht wirklich leicht zu verstehen. Aber einige der Jugendlichen sorgen für die entsprechende Stimmung, indem sie lautstark dann zu lachen beginnen, wenn sie die Pointe vermuten.

Herausforderungen meistern

Anfangs sei „die Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernenden mitunter eine große Herausforderung“ gewesen, schreibt die genannte Deutsch-Intensiv-Lehrerin Gittinger in einem Infoblatt, „weil einerseits keine gemeinsame Sprache (auch nicht Englisch) vorhanden war, und andererseits verschiedene Sprachniveaus, die von keinerlei Deutschkenntnissen bis A1/2 reichten, die Situation noch erschwerten. Der gute Wille von beiden Seiten hat jedoch Großartiges zuwege gebracht. Nach nur wenigen Wochen hat sich ein äußerst fruchtbares Lernklima entwickelt.“ Schon Anfang November beim Tag der offenen Tür präsentierten die Deutsch-Kurs-Jugendlichen ein kleines Theaterstück – auf Deutsch.

Und so „nebenbei“ haben sich Jugendliche aus den 6. und 7. Klassen als Buddys gemeldet. Sie begleiten die mit schweren „Rucksäcken“ nach der Flucht neu angekommenen Mitschüler_innen nicht nur beim Lernen, sondern auch in der Freizeit. Zusätzlich werden Spenden gesammelt, um Wörterbücher ebenso finanzieren zu können wie Freizeitaktivitäten. Vor Weihnachten gab es noch einen gemeinsamen Back-Workshop...

Breiter Bogen

Zurück zur 4A. Auf die Frage nach möglichen Berufs- und Bildungsperspektiven neben der Ingenieurin und dem Astronauten ergibt sich ein breites Spektrum an Zukunftswünschen: Von Rechtswissenschaften über Informatik, eine Lehre mit Matura, Chemie/Physik, Management, Architektur, „irgendwas mit Kindern, vielleicht Kindergärtnerin“, Zahnarzt/Kieferchirurg...

Fotos aus dem Brigittenauer Gymnasium Karajangasse

.. aus dem Brigittenauer Gymnasium

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Brigittenauer Gymnasium Karajangasse

Brigittenauer Gymnasium Karajangasse

Brigittenauer Gymnasium Karajangasse

Brigittenauer Gymnasium Karajangasse

Brigittenauer Gymnasium Karajangasse

Brigittenauer Gymnasium Karajangasse

Brigittenauer Gymnasium Karajangasse

Brigittenauer Gymnasium Karajangasse

Brigittenauer Gymnasium Karajangasse

Brigittenauer Gymnasium Karajangasse

Brigittenauer Gymnasium Karajangasse

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