© Heinz Wagner

Ausstellung
02/27/2013

"Eine Stimme geben, keinen Migrationshintergrund..."

"WIR - Berichte aus dem neuen OE" - 1600 Texte, einige davon in einer Ausstellung in der Wiener Hauptbücherei

von Heinz Wagner

Wir wollen jungen Leute eine Stimme geben, nicht einen Migrationshintergrund oder einen Förderbedarf!“ So brachte ein Vertreter des Bildungsministerium ziemlich gut auf den Punkt, was die Ausstellung „WIR – Berichte aus dem neuen OE“ will. Seit vielen Monaten sind die Mitarbeiter_innen des blinklicht media lab in Österreich unterwegs – in Zusammenarbeit mit Ku:kiz (Kunst und Kultur im Zentrum) besonders in berufsbildenden (höheren) Schulen. Mädchen und Burschen werden gebeten, Geschichten über sich zu schreiben.
1600 Geschichten aus ganz Österreich wurden bisher – handschriftlich - verfasst und gesammelt – von derzeit Sadaf Abdullah über Kevin Bommer, Benita Fehr, Anna Heuber, Nadine Kohut, Bernhard Oder, Sanela Paunović, Erhan Rustemoski, Jolene Schneeweiss bis zu Ruslan Usubyan, Violetta Worf und Sara Županć-Ilić )wahllos herausgegriffen, wo der Mauszeiger beim scrollen gerade stehen geblieben ist). Etliche wurden – bundesländerweise – bereits in Buchform publiziert. Am Ende – in zwei Jahren – will das Team um den Journalisten Ernst Schmiederer 5000 Geschichten heutiger junger Menschen aus Österreich gesammelt haben.

Da sind tragische Schicksale wie jenes der 16-jährigen Güllü, das Schauspieler Harald Krassnitzer bei der Ausstellungseröffnung vorlas ebenso dabei wie witzige Auseinandersetzungen mit einem „typischen Jugovater“, verfasst von Kristina (19), vorgelesen von Kosovare Isljami. (Auszüge aus den Texten findest du in einem eigenen Abschnitt.)

Vielfalt

Von Jugendlichen, der Eltern irgendwann nach Österreich eingewandert sind bis zu solchen, die seit Generationen hier leben wie der Text der 20-jährigen Corinna, den Susanne Hössinger vorlas. Schreiben ist eines, vor großem Publikum vorlesen noch mal was anderes und da war’s für die beiden wiederum leichter, nicht die eigenen persönlichen Sätze vorzutragen, wie sie dem KiKu anvertrauten. Susanne Hössinger aus der Handelsschule Friesbasse entschied sich für Corinnas Text, „weil der auch für mich spricht, er hat viel mit meinem Alltag und meinen Ansichten zu tun, ich tu mir aber leichter, wenn ich nicht meinen eigenen Text vortrage.“

Und Kosovare Isljami aus der VBS (Vienna Business School) Schönborngasse meinte „ich hab meinen eigenen Text jetzt schon so oft vorgelesen, dass ich lieber einen anderen wollte.“

Sumit Kumar aus der Berufsschule für Verwaltungsassistenten las vor, was ihn selbst bewegte, die krassen Veränderungen in seinem Leben, seit er Vater ist.

Ausstellung

In der spannend gestalteten Ausstellung hängen etliche der Hefte, in die die Jugendlichen ihre Berichte geschrieben haben auf Gestellen, die überhöhten Kleiderständern in Geschäften ähnlich sind. An jedemHeft ein Magnet, also einfach runterziehen und auf einen der gemütlichen Hocker mit grünem Rasenstoff hinknotzen, eintauchen in die – handgeschriebenen – Geschichten und vielleicht zur nächsten und nächsten und… Story greifen ;)

Auszügen aus einigen der Geschichten findest du auch – vergrößert auf lange Bahnen gedruckt – an den Wänden, andere werden per Beamer an eine der Wände geworfen. Rund um die Eröffnung lasen einige der Jugendlichen ihre Geschichten auch gleich selber in einem dieser Wiesen-Sitze – oder in Rollstühlen – vor, so Isabelle Balimauer, deren beide Schwestern, die in Oberösterreich zur Schule gehen, extra dafür nach Wien angereist waren.

"WIR - BERICHTE AUS DEM NEUEN OE"
Ausstellung bis 30. März 2013
Hauptbücherei, 1070 Urban-Loritz-Platz
http://buechereien.wien.at

Zur Homepage des Projekts: www.wirberichten.at/

Instrumentenbau-Berufsschüler_innen spielten auf

Achja, Eröffnung: Die wurde von anderen Jugendlichen mit ganz anderer Sprache gewürzt: Angehende Instrumentenbauer_innen aus ganz Österreich und sogar Südtirol (Italien), die geblockt ihre mehrwöchige Berufsschulzeit in Wien absolvieren stellten ein mitreißendes Zwischendurchprogramm aus Klarinette (Sabine Neureiter), Bassklarinette (Claudia Schnabl), E-Bass (Daria Kreuter), Keyboard (Daniel Distl), (verstellbares) Didgeridoo (Florian Hömstreit), Cajon (Christoph Jaiter) sowie Flügelhorn (Johann Schnaubelt, Lehrer). Besonders spannend: Claudia Schnabl hatte zuvor an der Musikuni ihr Instrument studiert, „und dann wollte ich auch noch lernen, es selber bauen zu können“, Verrät sie dem Online-Kinder-KURIER. Für eine Nummer legten die drei Mädchen jedoch ihre Instrumente weg und spielten „nur“ mit ihren Stimmen sowie drei Kunststoffbechern auf einem Tisch. Ge-nii-aaal!

Der typische Jugovater

Ein Verbot nach dem anderen, und das alles um uns zu schützen!? Über protektionistische Väter, ihre Macken, hirnrissige Streitereien und wieso wir sie trotzdem lieben.
Aussehen und Weggehen: Der Bauchnabel soll Ja bedeckt sein, das Gesicht ohne Schminke und wehe man zieht eine zu lange Hose an, da heißt es sofort: „Du bist keine Straßenkehrerin!“. Das Fortgehen am Abend war kein Problem. Es war eher das „Spätestens um 23h bist du mir zu Hause!!“, bei dem man zu Streiten begonnen hat.
Diskussionen, oder so was ähnliches - das kann man vergessen. Egal worüber, mit einem Jugovater zu Streiten, ist unmöglich. Also, seine eigene Meinung zu vertreten, ist UNMÖGLICH. Da fangen eher Schweine an zu fliegen. Egal was man sagt, da heißt es schon „Du hast keine Ahnung!“ gefolgt von einem „Nicht in dem Ton!“ und wenn man Glück hat, hört man auch ein „Egal wie viele Studienrichtungen du abschließt, du wirst nie schlauer sein als ICH!“. Wenn man schlussendlich im Recht ist und der Papa merkt das auch, kann man lange warten, bis er‘s zugibt. So ist das halt. Mit der Zeit lernt man, wie es am besten läuft: So tun als würde man zuhören und im 5-Sekunden-Takt mit dem Kopf nicken und immer wieder „Ja“ und „Du hast recht“ sagen.

Im Gemeindebau

Meine Eltern kommen aus Österreich, meine Mutter aus Wien und mein Vater aus Niederösterreich. Ich wurde ich in Wien geboren und habe noch nie woanders gelebt. Seit meiner Geburt lebe ich im 21. Bezirk. In meiner Wohnumgebung leben viele Immigranten. Ich habe damit kein Problem, denn jeder Mensch ist gleich viel wert. Aber viele Österreicher, jung und alt, beschweren sich ständig darüber, äußern sich rassistisch, und das auch in Gegenwart der Immigranten. Nachdem ich die Handelsschule abgeschlossen hatte, beschloss ich, die HAK-Matura nachzuholen und anschließend zu studieren. Ich möchte Lehrerein werden, Französisch und Betriebswirtschaft oder Mathematik unterrichten. Mein größter Traum ist es, nach Frankreich zu ziehen, dieses faszinierende Land vollständig zu entdecken und die französische Sprache fließend zu sprechen. Ich möchte die ganze Welt bereisen, verschiedenste Kulturen und Religionen kennenlernen und ich möchte Menschen helfen, die in Armut leben, schwere Zeiten vor oder hinter sich haben.

Ich wohne in einem Gemeindewohnbau, im 7. Stock. Obwohl ich schon so lange mit meiner Familie in dieser Wohnung lebe, kenne ich meine Nachbarn, bis auf eine Familie, kaum, denn bei den anderen Parteien war es immer ein kommen und gehen. Für mich ist schon lange klar, dass auch ich keinen festen Wohnsitz auf Dauer haben möchte, sondern von einer Stadt in die nächste, von einem Land zum nächsten und von einem Kontinent zum nächsten wandern möchte. Bisher hat es noch keiner meiner Vorfahren gewagt, seine Heimat zu verlassen und das finde ich schade. Wenn ich Verwandte in verschiedenen Ländern hätte, hätte ich bei ihnen Urlaub machen und so andere Länder kennen lernen können. Mein Lebensziel ist es, die ganze Welt mit ihren guten und schlechten Seiten kennen zu lernen, neue Kulturen, Religionen und Menschen zu entdecken und neue Sprachen zu lernen.

Plötzlich Verantwortung tragen

Fortgehen steht an der Tagesordnung, Freunde täglich treffen ist sehr wichtig für mich. Ich war 18 Jahre alt. Genau die richtige Phase für alle Jungmänner, die was erleben wollten. Die Pläne waren in der Zeit IbizaMallorca – X Jam und Co. Doch das Leben hat etwas anders für mich vorgesehen. Ich bin Papa geworden am 30.11.2010 – es ist das schönste das einem passieren kann – doch in jungem Alter auch sehr schwer. Das Leben veränderte sich um 180° Grad.

Ich trage jetzt Verantwortung – habe nicht mehr nur auf mich, sondern auch auf meinen Sohn Emilio zu schauen. …
Ich werde reifer und älter. Ich bin gewerkschaftlich und politisch in meiner Freizeit aktiv. Natürlich mit dem kleinen wenig Zeit dafür. Doch anderseits habe ich viel Zeit, um über solche Dinge nachzudenken. Life’s going on.

Mutig, auch ohne Eltern

Mein Leben hat angefangen als ich 6 Jahre alt war, als ich meine Mutter verloren habe im Jahr 2002. Dieser Tag (7.12.02) war ein Sturz für mich. Ich hab einen Bruder (23) und eine Schwester (19). Ich habe mit meiner Schwester und meinem Bruder 4 Jahre lang in einer WG gewohnt.

Meine Mutter (Sahide) und mein Vater (Mustafa) haben jeden Tag gestritten. Sie haben sich geschlagen und ich habe alles immer miterlebt, weil ich noch 5 Jahre alt war. An einem Tag war es Bayram. In der Früh ist mein Vater nachhause gekommen und hat uns angeschaut sehr lange und ich habe bemerkt, dass was los ist mit ihm. Er ist dann raus gegangen. Meine Mutter hat uns sehr schön angezogen, weil wir meinen Onkel besuchen wollten im Spital. Mein Vater kam nachhause und schaute uns traurig an. Sie haben wieder begonnen zu streiten. Mein Vater hat meine Mutter mit 5 Schüssen mit der Pistole vor meinen Augen erschoßen. An diesem Tag habe ich meine Mutter verloren.

Ich war mit meiner Schwester und meinem Bruder in einem Krisenzentrum. 1 Jahr lang es war für uns sehr schwer ohne Eltern zu leben, danach waren wir in einem Heim. Ich war dort 4 Jahre lang. Ich habe mich sehr alleine gefühlt. Mein Onkel hat mich und meine Schwester zur sich genommen. Bin erwachsen geworden, habe aber noch nie einen Freund gehabt danach. Ich habe keinem vertraut, jetzt noch immer nicht. Mein Bruder ist jetzt 23, aber ich habe keinen Kontakt zu ihm. Meine Schwester wohnt mit mir bei meinem Onkel. Ich mache eine Lehre seit 1 Jahr als Rechtskanzleiassistentin und verdiene 400 € und spare auch mein Geld. Ich tu zwar immer kochen und ziehe mich gut an, bin immer fröhlich, aber mein Innen ist nur schwarz. Ich bin traurig weil ich so ein Leben habe. Aber ich sage nur eins: ich habe keine Eltern, aber war immer stark. Ich hab nie Fehler gemacht, ich war immer mutig auch ohne Eltern. Meine Familie war immer da für mich. Sie haben alles gemacht, dass wir nicht auf der Straße sind.

Ich höre sehr gerne und wenn möglich immer Musik. Meine Schwestern haben in der Volksschule Blockflöte gelernt, später interessierte meine ältere Schwester Klavier, die andere Trompete. Innerhalb der nächsten 2 Jahre hörten beide mit dem spielen ihrer Instrumente auf.

… schauten wir uns (meine Schwestern und ich) in München das Musical Rockville an. Als es dann nach drei stunden vorbei war, entschieden wir uns, öfter zu kommen. Es war kalt und wir gingen noch einmal ins Foyer, um dort auf das Taxi zu warten. So begann unsere Bekanntschaft mit einigen der Darsteller, der Regisseurin und den beiden Komponisten des Musicals…

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