© Barbara Pálffy

Lampedusa
10/18/2013

Den Flüchtlingen Gesichter erspielen

Wenn das Mittelmeer zum Grab für Menschen wird, die vor Krieg und Elend flüchten - Jugendliche spielen das Stück "70 Meilen zum Paradies - Sehnsucht Lampedusa"

von Heinz Wagner

Die Bühne liegt ziemlich im Dunkeln – praktisch die ganze Aufführung lang. Geht’s doch um finstere Geschäfte einerseits, vor allem aber um Menschen, deren Schicksale sie im Schatten der Gesellschaft, der Welt um ihr (Über-)Leben kämpfen lassen – um Flüchtlinge, solche, die alles riskieren, um Krieg und Not – vermeintlich – hinter sich zu lassen und sich von Somalia, Eritrea oder Nigeria aus nach Europa durchzuschlagen. Und vielleicht ihr Leben im Mittelmeer zu lassen, oft nur wenige Kilometer vom erträumten Hafen des Glücks entfernt, vor der italienischen Insel Lampedusa. Es gibt auf keiner Bühne dieser Welt ein wohl aktuelleres Stück als „70 Meilen zum Paradies – Sehnsucht Lampedusa“. Gespielt von rund einem Dutzend sehr junger, meist noch jugendlicher, Schauspielerinnen und Schauspieler. Für manche ist’s – oder war’s (?) das erste, für andere schon das sechste Stück mit der Initiative „european grouptheater“.

Realistische Geschichten

Das Stück, das auf einem vor mehr als einem halben Jahrzehnt sogar schon mit dem Jugendbuchpreis ausgezeichneten Jugendbuch von Robert Klement basiert, erzählt vor allem die Geschichte von Siad und seiner Tochter Shara (ausgedache Figuren, aber alle Einzelheiten hat der Autor intensiv recherchiert). Deren Mutter und die jüngere Schwester wurden bei einem Granatenangriff auf ihr Haus durch berüchtigte Milizen getötet. Siad, Krankenpfleger, der bei einem weiteren Angriff, Kranke in Sicherheit bringen musste, fasst den Entschluss: Wenigstens die einzige überlebende Tochter soll gerettet werden, verkauft alles Hab und Gut, um sich von Fluchthelfern nach Nordafrika geleiten zu lassen, um dort mit einem Boot nach Europa kommen zu können.

Glaubhaft gespielt

Geldgierige Schlepper, aufkommende Streits und Auseinandersetzungen beim Warten auf das Boot ebenso wie auf dem brüchigen Kutter, mit Müh und Not lebende Ankunft auf Lampedusa, unhaltbare Zustände im von Stacheldraht umzäunten Lager… - all das schrieb der Autor nach hunderten Gesprächen mit Flüchtlingen und anderen Beteiligten in Tunesien und auf Lampedusa. Glaubhaft, überzeugend, berührend spielen das die Jugendlichen. Und weil auf den Bühnen immer mehr Platz ist als auf diesen Rostkähnen, wird der Raum durch kauernde, liegende, stehende, Holzfiguren in Form von Schattenrissen (optisch) eingeengt.

Tränen

Auch wenn sie gelernt haben, professionell zu spielen, bleiben sie auch emotional nicht unberührt, einige brechen am Ende des Stücks in Tränen aus – auch, weil das Stück (vorerst?) zum letzten Mal gespielt wurde und die Aufführungen im großen Volkstheater abgesagt werden mussten, weil der Verein in Insolvenz geschickt wurde, weil zugesagte Subventionen nicht ausbezahlt wurden/werden.

Publikumsreaktionen

Von der Geschichte, von der Art, wie die jungen Bühnenakteur_innen sie spielten, wurden auch junge Zuschauer_innen zum Weinen gebracht wie Aurelia Sudar aus der Höheren Lehranstalt für wirtschaftliche Berufe im niederösterreichischen Hollabrunn. Ihre Familie musste vor rund 20 Jahren aus Bosnien flüchten, „mein Großvater musste miterleben, wie sein Vater vor seinen Augen erschossen wurde. Ich bin zwar hier in Frieden aufgewachsen, aber viele aus meiner Familie mussten flüchten. Solche Geschichten gehen mir daher sehr, sehr nahe. Das berührt mich so, dass ich einfach weinen musste und ich versteh auch nicht, wieso andere im Publikum das langweilig fanden oder gar lachen mussten.“ Wobei mitunter lachen auch eine Abwehrreaktion sein kann.

Weil's auch Jugendliche wie uns trifft

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Heinz Wagner
70 Meilen zum Paradies - Sehnsucht Lampedusa, HLW-Schülerinnen
Magdalena Stadler, Carolin Kührer, Sandra Weiss, Larissa Kuba, Sophia Preiser und Julia Bruny aus der 1d der Höheren Lehranstalt für Wirtschaftliche Berufe (HLW) Hollabrunn
Ihre Kolleginnen Magdalena Stadler, Carolin Kührer, Sandra Weiss, Larissa Kuba, Sophia Preiser und Julia Bruny aus der 1d der genannten Schule erzählen dem KiKu in der Pause des Stücks, dass „wir in der Schule in Deutsch einen Zeitungsartikel über Lampedusa gelesen haben. Wir haben also gewusst, worum es geht, aber das dann noch mal auf der Bühne zu erleben, so gut wie die Jugendlichen das spielen, das betrifft schon noch mehr.“ Manche meinen, „aber trotzdem kann man sich’s nicht so wirklich vorstellen, weil wir hier so frei und ohne solche Probleme aufwachsen“. Andere ergänzen: „Aber es ist gut, dass das gezeigt wird, weil dann kann man wenigstens anfangen, sich Gedanken darüber zu machen, mehr noch als nur aus Berichten in Medien, die schon auch betroffen machen, wenn du hörst oder siehst und liest, dass unter den Ertrunkenen auch Kinder sind oder Jugendliche mit 14 und 15, die grad so alt sind wie wir jetzt.“

Das sagen Mitwirkende

Wer spielte wen

70 Meilen zum Paradiese - Sehnsucht Lampedusa
von Robert Klement, der im Auftrag des european grouptheaters seinen Roman dramatisiert hat

SIAD Krankenpfleger aus Somalia …………… Daniel Weber
SHARA, eine Tochter……………………………………. Johanna Barbara Gruber
AYANA ………………..………………………………………. Katharina Schwab
STANY Student aus Ghana …………………………. Jakob Hofer
BOTTLE Viehhirte/In, Herkunft unbekannt … Jannis Luiskandl
JARA Frau aus dem Sahelgürtel ………………..... Stefanie Früholz
CHARLES Bauer aus dem Kongo(Ost)……........ Christian Lampl
DSCHAMILA seine Frau …………………………........ Anna Schütz
JOY Frau aus Nigeria ……………………….............. Mircan Adtakan
ADA Frau aus Mali ……………………………….......... Marion Wölfler

Tunesien:
HASSAN Schlepper-Boss ………………………. Johanna Wildling
NADIA Schlepperin ………………………….…. Anna Itkin

Italien:
PERETTI TV-Journalistin ………………………. Mircan Adtakan
CABRINI Chefin der Wachmannschaft …. Zulla Ahmetovic
ESPOSITO Lagerleiter ………………………….. Max Preselmayer
BÜRGERMEISTER(IN) VON LAMPEDUSA .. Anna Itkin

Regie: Ricky May-Wolsdorff
Bühnenbild: Friedrich Despalmes
Dramaturgie: Ingrid Rencher
Ton & Licht : Chris Scheidl
Lehrmaterial: Univ. Prof. Dr. Hilmar Grundmann - Uni Hamburg Erziehungswissenschaften - Sprachentwicklung, Didaktik und Ästhetische Bildung

Viele Tränen gab es am Ende der Vorstellung nicht nur wegen der berührenden – leider durch den Tod von fast 400 Menschen in den vergangenen drei Wochen – Geschichten um die Flüchtlinge vor Lampedusa. Zum Weinen war auch die Ankündigung, dass dies – aller Voraussicht nach – die letzte Vorstellung sein musste. Der Verein musste Insolvenz anmelden, weil zugesagte Subventionen von Land Niederösterreich und dem Integrationsstaatssekretariat nicht ausbezahlt wurden.

Prüfung ohne Ende?

Für ersteres meinte Kulturamtsleiter Hermann Dikowitsch zum KURIER: „Seitens des Landes ist uns die Förderung von Kunst und Kultur und da besonders für Kinder und Jugendliche ein großes Anliegen, aber wir legen auch großen Wert auf ordnungsgemäße, korrekte Abrechnung. Seit Herbst des Vorjahres gibt es ein laufendes Verfahren zur Kontrolle der Abrechnung.“ Mehr könne er dazu (zugesagt 50.000 Euro) nicht sagen.
Das Integrationsstaatssekretariat übermittelte der Redaktion: „„Es wurde von uns eine Förderung versprochen, die aber aufgrund der Auflösung des Förderverhältnis nicht mehr ausgezahlt wird. Da das European Group Theater nicht mehr Vertragspartner ist, dürfen wir leider keine weiteren Auskünfte geben.“
Und aus dem Unterrichtsministerium, das das Projekt 2011 und 2012 mit jeweils 20.000 Euro unterstützt hatte, hieß es: „Für heuer gab es kein Ansuchen mehr.“
Von Seiten des Vereins zeigt man sich erschüttert und erstaunt zugleich: „Wir haben genau so abgerechnet wie in all den Jahren zuvor, wo unsere Abschlüsse immer für in Ordnung befunden wurden, jetzt wird schon seit fast zwei Jahren geprüft.“

Weitere Vorstellungen können derzeit nur dann stattfinden, wenn – wie’s in Stockerau der Fall war – von vornherein klar ist, dass die Einnahmen höher sind als die anfallenden Kosten (Saalmiete und Technik beispielsweise).

Viel gebracht

Neben dem Theatererlebnis für das (jugendliche) Publikum hat die Arbeit an den Stücken auch den beteiligten jugendlichen Schauspieler_innen, wie sie durch die Bank schildern, „viel gebracht. Von lautem und deutlichen Sprechen, das auch bei Referaten in der Schule hilft, Auseinandersetzung mit Sprache und Texten bis zu gestärktem Selbstbewusstsein“, reichen die Statements nach der Vorstellung.

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