Schuhe relativieren spielerische Leichtigkeit luxuriöser Langeweile

Szenenfoto aus "Bonjour Tristesse" im Theater Spielraum
Foto: Barbara Pálffy Szenenfoto aus "Bonjour Tristesse" im Theater Spielraum

"Bonjour Tristesse" - nach dem Roman von Françoise Sagan - in einer spannenden, kurzweiligen Inszenierung im Wiener "Theater Spielraum".

Noch bis zum 13. Mai (2017) spielt im Theater Spielraum eine neue Inszenierung von Bonjour Tristesse, des ersten, erfolgreichsten Romans von Francoise Sagan, der 1954 veröffentlicht wurde. Die Autorin war damals noch sehr jung. Vermutlich war sie selbst den verwirrten Gefühlen des Erwachsenwerdens sehr nahe, mit denen die 17 jährige Cécile in der Geschichte zu kämpfen hat. Vor allem mit dem ihr neuen Gefühl der Traurigkeit. Mit ihm nimmt auch das Theaterstück seinen Anfang. Ganz dunkel ist es auf der Bühne und nur die Hauptdarstellerin sitzt schwarz gekleidet und mit dem Rücken zum Publikum auf einem Steg. Eine Stimme erklingt schließlich aus dem Hintergrund und beschreibt jene düstere Stimmung die sie selbst und mit ihr in diesem Moment den ganzen Raum erfüllt. Noch weiß man nicht woher sie rührt, doch dies sollte man schließlich erfahren, als es hell wird und die Geschichte ihren Anfang nimmt.

Verspielt

Szenenfoto aus "Bonjour Tristesse" im Theater Spielraum Foto: Barbara Pálffy Die Traurigkeit scheint vorerst wie weggeblasen als Céciles Vater Raymond, gespielt von Reinhardt Winter, mit einem lauten Schrei die Stille bricht. Zusammen mit seiner Tochter und seiner Geliebten Elsa ist er auf Urlaub in einer Villa Villa – der Strand ist allerdings voller angeschwemmter Schuhe (dazu siehe Gespräch mit der Regisseurin weiter unten - an der Côte d‘Azur und tritt voll Genuss und Freude ans Tageslicht. Sprühend vor Energie kommt Cécile angelaufen. Verspielt wie ein kleines Kind hüpft sie um ihren Vater herum und gleich erkennt man die enge Verbindung zwischen den beiden als sie vertraut und kokett beginnt mit ihm zu scherzen. Leichtfüßig, spielerisch, turnend und ansteckend vermittelt die Schauspielerin Johanna Hainz jene jugendliche Lebendigkeit des Mädchens, das noch naiv ist und doch schlau und wortgewandt alles ausspricht was es denkt und jede Situation zu durchschauen scheint. So auch die Beziehung zwischen Raymond und Elsa, die schließlich auch aus dem Hintergrund hervorkommt. Wissend, dass die Affären ihres Vaters nie von tieferen Gefühlen begleitet sind, scheint Cécile ihn insgeheim zu belächeln, als er die junge Frau gekonnt umschwärmt. Doch es ist nicht weiter schlimm, denn eine stille Abmachung scheint zwischen den drei Figuren zu existieren: Den Moment zu genießen ohne sich Sorgen über die Zukunft zu machen.

Gegenwelten

Szenenfoto aus "Bonjour Tristesse" im Theater Spielraum Foto: Barbara Pálffy Doch zwei weitere Figuren betreten schließlich die Bühne, die diese Abmachung nicht zu kennen scheinen. Schon ihr Auftreten lässt erahnen, dass sie andere Lebenseinstellungen mit sich bringen und die Geschichte durch sie einen etwas komplizierteren Lauf nehmen wird. Zuerst als Cyril, ein junger Jus-Student, gespielt von Christian Kohlhofer, etwas unbeholfen hereinstolpert. Er trifft auf Cécile die auf dem Steg die Sonne und die Meeresluft genießt und ist sofort eingenommen von ihrer Leichtigkeit und ihrem Charme. Auch Cécile findet Gefallen an ihm und beginnt mit ihm ein Spielchen. Cyril, der offensichtlich tiefer in dieses Gefühl eintaucht, scheint nicht wahrhaben zu wollen, oder nicht zu bemerken, dass es ihr dabei wohl nicht so Ernst ist wie ihm.

Szenenfoto aus "Bonjour Tristesse" im Theater Spielraum Foto: Barbara Pálffy Besonders bezeichnend für den Lauf der Geschichte ist schließlich das Erscheinen von Anne Larsen, gespielt von Nicole Metzger. Sie ist eine Freundin von Céciles verstorbener Mutter und eine Frau mit Geist, wie das Mädchen es beschreibt. Sie kommt ebenfalls zu Besuch in die Villa um sich zu erholen. In edler Ruhe betritt sie schließlich den Raum. Ihr Kommen versetzt alle in Aufruhr. Cécile, die eine Zeit lang in Paris bei ihr wohnte um gutes Benehmen zu lernen, scheint sie mit großem Respekt zu erwarten. Ihr Vater, wie sich herausstellt, mit großen Erwartungen, denn er beginnt eine Liebesgeschichte mit der Frau, die im Vergleich zu seinen vorhergegangenen Liebschaften, eine neue Dimension eröffnet und alles umkrempelt.

Intrigen

Szenenfoto aus "Bonjour Tristesse" im Theater Spielraum Foto: Barbara Pálffy Elsa, die hinter ihrem verspielten, fröhlichen Wesen, wohl doch insgeheim auch ernsthaftere Erwartungen an die Beziehung zu Raymond verbarg, reist gekränkt ab und auch für Cécile scheint sich nun alles zu verändern. Besonders als ihr Vater ankündigt, Anne zu heiraten und sogar sie selbst von Cyril einen Heiratsantrag bekommt, sieht sie sich vor neue, bisher für sie kaum vorstellbare Situationen gestellt. Sie ersinnt eine Intrige, um ihren Vater wieder für sich allein zu gewinnen und ihr früheres Leben zurückzuerlangen. Zusammen mit Elsa, die eine Beziehung mit Cyril vortäuscht, versucht sie Raymond eifersüchtig zu machen. Der Plan geht wirklich auf und Raymond, getrieben durch seinen Stolz und erinnert an sein ehemaliges Junggesellenleben, macht sich heimlich ein Treffen mit Elsa aus. Als Cécile dies erfährt ist sie nicht fröhlich wie erwartet, sondern versinkt immer mehr in eine Nachdenklichkeit. Überraschend erfolgt dieser Stimmungswechsel vermutlich für sie selbst, wie auch für die ZuschauerInnen, die das bisher leichtfüßig herumtänzelnde Mädchen nun erstmals schweigend, unsicher und fast ratlos erleben. Sie scheint sich nicht mehr im Klaren zu sein über ihre Gefühle und man entdeckt in ihr eine kindliche Sehnsucht nach Halt.

Szenenfoto aus "Bonjour Tristesse" im Theater Spielraum Foto: Barbara Pálffy Plötzlich erscheint aufgelöst Anne. Sie hat Raymond und Elsa zusammen gesehen und ist verzweifelt dabei abzureisen. Vergeblich versucht Cécile sie davon abzuhalten, überwältigt von den ungeahnten Konsequenzen ihres Plans. Wütend geht sie auf ihren Vater los, als dieser stolz von seinem erfolgreichen Treffen zurückkehrt. Vereint in ihrer Verzweiflung über die Abreise von Anne, überlegen sie, wie sie sie mit einem Brief zurückgewinnen können, als das Telefon läutet.

Sie erlangen die Nachricht, dass Anne mit ihrem Auto einen Abhang hinunterstürzte und verunglückt ist. All die wirren, vergänglichen Gefühle, die bis vor kurzem in der Luft lagen, stehen nun jenem endgültigen Schicksalsschlag gegenüber. Der Raum versinkt schließlich wieder in die anfängliche Dunkelheit und Einsamkeit und es scheint einem fast als wäre die Geschichte, in all ihren vielfältigen Facetten und verstrickten Beziehungen ein Traum gewesen.
Rosanna Wegenstein, 18

Gespräch mit der Regisseurin

Einen ständigen Hauch von Realität in abgehobene Luxusgesellschaft tragen

Szenenfoto aus "Bonjour Tristesse" im Theater Spielraum Foto: Barbara Pálffy Die Bühne ist vorwiegend schwarz-weiß gehalten. Mit fast schlichten Mitteln – glatten Holzwänden sowie leichten, durchscheinenden Vorhängen eröffnet sie dennoch den Eindruck einer mondänen Villa mit wenigen Stufen zu Strand und Steg ins Meer. Diesem abgehobenen High-Society-Luxusleben wollte Regisseurin Katharina Köller etwas entgegen setzen, ohne am Roman selbst herumzudoktern.

Jener Teil der Bühne (Raumgestaltung Dimiter Ovtcharov), der den Strand darstellen soll, ist übersät mit Schuhen. Alt, ausgelatscht und angeschwemmt soll(t)en sie wirken – was nicht wirklich für alle zuzutreffen scheint. Erste Assoziation: Mögliches Strandgut von im Mittelmeer ertrunkener Flüchtlinge – wie aktuell Jahr für Jahr Tausende zu beklagen sind. Da wären vielleicht einfache Schlapfen eher angebracht gewesen.

Budapest

Die Regisseurin ließ sich aber vor allem durch das 40 Meter lange Mahnmal am Pester Ufer der Donau in der ungarischen Hauptstadt Budapest inspirieren. Dort stehen wie zufällig durcheinander gewürfelt 60 Paar aus Metall geformte Schuhe. 2005 hatten die Künstler Gyula Pauer und Can Togay dieses Mahnmal (ungarisch Cipök a Duna-parton) geschaffen. Damit soll der auf zwischen 2600 und 3600 geschätzten jüdischen Opfer gedacht werden, die zwischen 1944 und 1945 von den ungarischen Faschisten (Pfeilkreuzler) am Donauufer erschossen wurden – direkt in die Donau hinein versenkt. Dritte Assoziation, die Köller herstellen wollte: Schuhberge wie sie aus Fotos von Konzentrationslagern bekannt sind.

Szenenfoto aus "Bonjour Tristesse" im Theater Spielraum Foto: Barbara Pálffy Diese – sich beim Publikum möglicherweise einstellenden Verbindungen – sollten, so die Regisseurin zum Kinder-KURIER, auch ein bisschen die (gesellschaftliche) Wirklichkeit in das Stück holen. Françoise Quoiret, die sich als Schriftstellerin Sagan nannte, hat diesen ihren allerersten Roman im Alter von18 Jahren in einem Zug innerhalb weniger Wochen ja 1953 (ein Jahr später veröffentlicht, gleich ein Riesenerfolg, 1958 sogar eine viel beachtete Hollywood-Verfilmung) geschrieben – nur acht Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges.
Heinz Wagner

Infos

Was? Wer? Wann? Wo?

Szenenfoto aus "Bonjour Tristesse" im Theater Spielraum Foto: Barbara Pálffy Bonjour Tristesse
Nach dem gleichnamigen Roman von Françoise Sagan
In einer Bearbeitung von Ulrich Waller

Regie: Katharina Köller

Cécile: Johanna Hainz
Raymond, ihr Vater: Reinhardt Winter
Elsa Mackenbourg, Raymonds Geliebte: Sandra Riedl
Anne Larsen, Freundin/Verlobte: Raymonds Nicole Metzger
Cyril, Freund Céciles: Christian Kohlhofer

Raum: Dimiter Ovtcharov
Kostüme: Anna Miriam Jussel
Licht: Tom Barcal

Aufführungsrechte: Felix Bloch Erben GmbH & Co. KG, Berlin.

Szenenfoto aus "Bonjour Tristesse" im Theater Spielraum Foto: Barbara Pálffy Wann & wo?
Bis 13. Mai 2017, jeweils Dienstag bis Samstag, 19.30 Uhr
Theater Spielraum, 1070, Kaiserstraße 46
Telefon: (01) 713 04 60 60
eMail: [email protected]
www.spielraum.at

(kiku / kiku-heinz + R.W.) Erstellt am
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