Kiku
05.12.2011

Aufwind für die Spielebranche

Viele Herstellerfirmen freuen sich über (hohe) Zuwächse

Strahlende Gesichter. Eh kloar - könnte man meinen, sind doch die 17 Hallen voller Spielzeug. Daran liegt's nicht. Die wichtigsten Leute dafür fehlen hier nämlich zur Gänze. Kinder sind hier in Nürnberg bei der weltgrößten Fachmesse für Spielwaren die Ausnahme. Fast eine Woche lang tummelten sich rund 76.000 Besucherinnen und Besucher aus 115 Ländern vor, zwischen und in den Ständen der 2683 Ausstellerfirmen aus 74 Staaten. Große Konzerne haben hier alljährlich richtige Pavillons ebenso wie kleine, oft Einpersonenunternehmen mit wenigen aber durchaus ausgefeilten (Nischen-)Produkten, beinahe winzige Stände.

70.000 Neuheiten

Interessiertes Fachpublikum und vor allem Einkäufer nutzen diese Schau von rund einer Million Produkten (davon angegebene 70.000 Neuheiten wobei diese oftmals nur in geringfügigen Veränderungen gegenüber vorjährigen Modellen bestehen), um sich Überblick zu verschaffen. Zu gustieren, was sie für ihr Geschäft, ihre Kette einkaufen wollen, zu vergleichen - es gibt ja in fast allen Bereichen oft Dutzende ähnliche Angebote. Und nicht zuletzt zu ordern, Geschäfte abzuschließen - an die neun von zehn Geschäftsleuten werden von den Messeveranstaltern mit der "Lizenz zum Ordern" punziert.

In diesem Beitrag bleiben wie bei der Messe die Kinder, hier die Spiele eher ausgespart. Dazu findest du mehr im Hauptartikel. Hier dreht sich (fast) alles um die Ökonomie. Und die löst das Strahlen der Messeleute aus.
Wachstum bis Höhenflüge - so lassen sich die unterschiedlichsten Zahlen - ob für die gesamte Branche oder einzelne Firmen - zusammenfassen. Ob's deswegen heuer besonders viele fliegende Teile gibt? Bekannte fernsteuerbare Flugzeugen mit Spannweiten bis zu mehr als einem Meter in einer der beiden Modellbauhallen, kleine wendige Modelle, die per Smart-Phone-artigen Devices gesteuert werden können. Heuer fliegen auch Karts mit Propellern und Doppel- bzw. sogar Vierfachkreise.

Österreich: Plus 12 Prozent

Ein Wachstum des Spielwarenmarktes um 6 Prozent für Deutschland und gar das Doppelte für Österreich vermeldete EuroToys (Handelspanelforschung der npdgroup). Für Österreich, so Alexander Weber zum KURIER, "erfassen wir mit dem Panel ca. 60% des traditionellen Spielwarenmarktes (ohne Video Spiele). Für den Gesamtmarkt haben wir leider keine Daten. Unsere qualifizierten Schätzungen für den Gesamtmarkt Österreich 2010 liegen bei ca. 5%."

Erklärungen?

Fundierte Analysen gibt es zum - für alle überraschenden - beachtlichen Wachstum keine. Nur Vermutungen.
Zum einen meinen die Marktbeobachter von EuroToys, sei der Trend "kids grow older younger" (Kinder werden immer früher erwachsen) gestoppt worden. Trotz starker elektronischer Konkurrenz würden mehr ältere Kinder, ja sogar Jugendliche und junge Erwachsene, (wieder) mehr spielen.
Manche Firmen begannen zudem ganz gezielt spezielle Gruppen Erwachsener anzusprechen. So verwies Lego-Marketing-Vizepräsident für Zentraleuropa Christian Korbes darauf, dass der dänische Baustein-produzent im Vorjahr einen hochpreisigen motorisierten Raupenbagger als bewusstes Männerspielzeug launchte. "Wir haben allein in den ersten beiden Wochen 8.000 Stück verkauft. Und das bei einem Stückpreis von 150 Euro!"

Weitere Gründe

Und das gute (ur-)alte Tipp-Kick bringt heuer anlässlich der 6. Frauenfußball-Weltmeisterschaft in Deutschland erstmals weibliche Mini-Figuren heraus - in den Dressen aller 16 teilnehmenden Nationalteams heraus.

Zum anderen würden von der Spielwarenindustrie neue Bereiche - wie beispielsweise Outdoor-Sportspiele - bedient. Weiters bauen mehr Spielehersteller auf Sammelleidenschaften. Neben Magic- und anderen Cards brachte etwa Lego kleine Packungen mit Überraschungsfiguren auf den Markt.

Und neue Technologien fördern die traditionelle Spielware: Der Onlinehandel steckt in diesem Bereich oft erst in den "Kinderschuhen" - mit dementsprechend hohem Wachstumspotenzial.

Kombination Tradition plus Elektronik

Die Kombination traditioneller Spielwaren/Bücher mit elektronischen Ergänzungen und Erweiterungen bescherte etwa Ravensburger einen Teil des überraschenden wirtschaftlichen Erfolgs im Vorjahr, wie die Österreich-Sprecherin Eleonore Ditye dem KURIER darlegte und nannte vor allem tiptoi - einen elektronischen Stift, der in Kombination mit Büchern spielen, einem Globus, gesprochene Infos liefert oder Aufgaben stellt. Und regelmäßig kommen hierfür neue Produkte.

Zudem wird im Herbst das berühmte "Verrückte Labyrinth", das heuer seinen 25. Geburtstag feiert, und von dem es mittlerweile rund ein Dutzend Versionen gibt, im Herbst um ein elektronisches "magisches Buch" erweitert. Dies und nicht zuletzt der gesamte Kreativ-Bereich (malen und basteln) bescherte dem Spielkonzern mit dem blauen Dreieck in Österreich ein Umsatzplus von elf Prozent fürs Jahr 2010. "Das hat schon mit einem extrem guten Dezember 2009 begonnen, im Jänner des Vorjahres waren die Läden leer", so Ditye.

Überraschungen

Achja, und dann gab's den für die Hersteller sogar überraschend großen Erfolg mit "Schlag den Raab", das heuer eine Schachtel teil 2 bekommt. Damit stehen 76 an die bekannte TV-Show angelehnte teils witzige Wissens- und Geschicklichkeits-Partyspiele zur Verfügung. International wuchs diese Gruppe im Vorjahr um 6,7 % auf insgesamt 312,9 Millionen Euro).

Lego, das in Nürnberg vor allem seine umfassende Spielewelt rund um die neuen Ninjagos (Figuren, die auf einem "Spinner" gedreht werden und in einer Arena gegeneinander kämpfen, samt Spielkarten mit Stärke- und Schwächepunkten, Brett- und Konsolenspiel) vorstellte, nannte fürs Vorjahr für Österreich ein Umsatzplus von 11,7% (3,4 Mio. Euro). Mit 15,3 Prozent Marktanteil sei man damit deutlich die Nummer 1 geblieben und liege mit 5 Artikel unter den Top-10-Sellern.

Grün?

Playmobil (Brandstätter-Gruppe) gab für Österreich nur "ein Wachstum im mittleren einstelligen Bereich" an, insgesamt bilanzierte die Gruppe mit 507 Millionen Euro Umsatz um 7 Prozent über dem Wert von 2009.
Playmobil durfte sih auch über einen Preis freuen, die Auszeichnung der Jury mit dem Green-Toy-Award. Wobei: Ökologie beschränkt sich bei der E-Ranger Future-Base aber
auf die erzählte Story dazu - Landung auf einem fremdem Planeten, E-Ranger contra Darkster kämpfen um rote Energiesteine. Die aber funktionieren in ihren weißen Containern eh wiederum nur mit herkömmlichen - nicht aufladbaren - Batterien. Einzig und allein eine kleine Sonnenkollektorfläche treibt einen Ventilator an, der - so aber auch nur eine Simulation, sorge für Luft in einer Art Rund-Aufzug.
Achja, aus nachhaltigem Material ist die ganze Station natürlich nicht. Im vorjahr gewann immerhin ein Bambus-Spielzeug den grünen Spielzeugpreis.

Mini-IPad

V-Tech, das sich für den Storio, sozusagen ein Vorschul-Mini-I-Pad, über die Auszeichnung mit dem Toy-Award in der Kategorie pre-School freuen kann, jubelt auch über ein Wachstum am österreichischen Spielemarkt von 12 Prozent - also im Gesamtdurchschnitt. Mit der digitalen Kamera Kidizoom, von der's heuer eine 3-D-Version mit zwei Objektiven geben wird, schaffte der vor allem auf Kinder-Computer und sehr frühes Lernspielzeug spezialisierte Hersteller Platz 2 in der heimischen Spielzeug-Hitliste.

Unter dem Gesamtwachstum liegt jenes der in der Gruppe VEDES europaweit zusammengeschlossenen 1.100 Fachgeschäfte. Mit 548 Millionen Umsatz wurde ein 4,1-prozentiger Zuwachs erzielt, für Österreich rechnete die Gruppe für den KURIER aus: "Die 61 Mitglieder erzielten in ihren 105 Fachgeschäften einen Einzelhandelsumsatz von 64 Millionen Euro, das entspricht einem stabilen Marktanteil von 30 Prozent am österreichischen Spielwarenmarkt."

Green Toys

Ein starker Trend zeigte sich gleich nach dem - neuen - Haupteingang Mitte: Ein lebensgroßer Baum - aus Karton und kleiner Ausstellungsteile aus dem selben Material. Green Toys nennt sich der Bereich. "Es ist ein starker Zug der zeit und wir von der Messe wollen die Entwicklung zur Nachhaltigkeit fördern", meint Messe-Chef Ernst Kick zum KURIER und zeigt stolz das Stück Wiese in Schaukelperdform (Messemaskottchen) auf einem Holzpodest.

Kritische Geister merkten auch beim genannten Eingangsbereich an, wären die Sitzbänke aus Holz satt aus dem sicher mehr auffallenden Falt-Karton, so würden sie sicher mehrere Jahre überstehen.

Die dazugehörige Ausstellung zeigt nicht nur Spiele aus Holz und anderen nachhaltigen Materialien, sondern auch Verpackungen, Produktions- und Transportwege. Gerade in den letztgenannten Bereichen sei noch eine Menge zu tun, ergab auch eine eigens für die Messe angefertigte Studie.

Studie: Konsument_innen wollen Nachhaltiges

Dafür waren im November des Vorjahres 450 KonsumentInnen (allerdings nur in drei deutschen Großstädten) sowie 150 HändlerInnen befragt worden. Material, und da vor allem Holz, stellen für die meisten praktisch das Synonym für Nachhaltigkeit dar. Der Fachhandel lege mehr Wert auf diesen Wert als Warenhäuser oder gar Internet-Shops. Zwei Drittel der Käuferinnen und Käufer wären bereit, mindestens zehn Prozent mehr für nachhaltige Spielwaren zu bezahlen. Das unterschätzt der Handel, der diese Größenordnung auf nur halb so hoch schätzt (35%). Die befragten KonsumentInnen meinten auch annähernd zu 50 Prozent nachhaltiges Spielzeug werde sich langfristig durchsetzen. mehr als die Hälfte des untersuchten Handels rechnet mit einem (starken) Ansteigen der Nachfrage nach solchen Produkten.

Bambus(rohr)-Spielzeug

Und dennoch setzte die Messe, viel mehr die Jury der Toy Awards, ein doch fragwürdiges Zeichen gerade in der Kategorie SpecialAward: GreenToys. Die E-Rangers Future Base von PlayMobil will zwar eine Geschichte rund um erneuerbare Energien transportieren. Aber ... siehe weiter oben bei Playmobil.

Da setzte der entsprechende vorjährige Preis schon ein anderes Signal: Spielzeug von HAPE aus Bambus, ein Holz, das rund 20 Mal schneller nachwächst als andere Bäume. Wobei die kleine Schweizer-chinesische Firma Xibambam noch weiter geht. "Wir schneiden den Bambus nicht in Schichten und kleben ihn zusammen, um Bauklötze zu erzeugen, sondern stellen weitgehend Dinge her, wo wir gleich das Bambusrohr nutzen - mit wenigen Schnitten - vom kleinen Spielzeug bis zum Fahrrad" wie Christian Gerig dem Online-Kinder-KURIER den Zugang seiner Firma erläutert.
Dabei arbeite man eng mit Partnern vor Ort - in dem Fall in Fujian, nahe von Shanghai, zusammen.

China

Apropos China. Zum dritten Mal hatte die Shanghai-Niederlassung der Nürnberger Spielwarenmesse aus diesem riesigen Herstellerland rund fünf Dutzend Aussteller zu einer Gemeinschaftsschau Best of China ausgewählt (daneben gab es in einer anderen Halle weitere chinesische Aussteller). für die best-of wurden die entsprechenden Firmen und ihre Produktionsprozesse besonders genau unter die Lupe genommen - und nicht nur in Punkto Sicherheit, sondern auch, so wird angegeben, was Arbeitsbedingungen betrifft.

Sicherheit spielte bei der diesjährigen, 62. Auflage diese Messe eine noch größere Rolle. Das Testing- und Inspecting-Center verdoppelte seine Ausstellungsfläche und versammelte 15 deutsche und internationale prüf- und Testinstitute, die auch gleich bei der Messe selbst Spielzeugsicherheit überprüfen. Neu dabei die entsprechende Abteilung der Europäischen Kommission.

Austr(al)ia

Gerade bei internationalen Events passiert's immer wieder, dass Österreich (Austria) mit Australien verwechselt wird. Einer der Aussteller vereint beides in sich. Peter Madner, in Österreich gelernter Ingenieur, "bekam nach der Ausbildung ein gutes Angebot für ein paar Jahre in Australien zu arbeiten." aus den geplanten wenigen Jahren wurden mehr als zwei Drittel seines bisherigen Lebens, 1963 hatte er das TGM abgeschlossen. Er kommt seit Jahren für Geo-Australia, eine Tochter von Langmar hierher, um verschiedenste Lernspiele, insbesondere zur Stärkung des räumlichen Vorstellungsvermögens vorzustellen. So nimmt eine große Pyramide aus lauter kleinen (geometrischen) Teilen gut ein Drittel seiner Standfläche ein. Aus Drei-, Vier-, Fünf-, Sechs- usw. -ecken werden die größeren Gebilde zusammengefügt...

Mehr zum Thema

  • Hauptartikel

  • Interview

  • Hintergrund