Kevin & Co.: Wenn der Name zur Bürde wird

Kevin - Allein in New York
Foto: Foto: VOX/Vox Namenspatron vieler Kevins: "Kevin - Allein in New York"

Jede fünfte Mutter würde ihrem Kind heute einen anderen Namen geben, ergab eine Umfrage. Experten erklären, welchen Einfluss der Vorname auf das spätere Leben eines Kindes hat.

Marie, Sophie und Hannah sind verhaltensunauffällige Mädchen, die im Unterricht brav mitarbeiten. Genauso wie ihre Klassenkameraden Simon und Jakob. Ganz anders Kevin, Justin, und Chantal: Ihre Leistungen hinken hinterher, außerdem sind sie frech und arbeiten nicht mit.

Dieses Szenario entstammt nicht der Realität, sondern den Köpfen deutscher Volksschullehrer, die 2009 an einer Studie der Universität Oldenburg teilgenommen haben. Ihnen wurde eine fiktive Klassenliste mit häufigen Vornamen vorgelegt, jedem Kind mussten sie bestimmte Eigenschaften zuordnen. Während hinter dem Namen Marie 80 Prozent ein fleißiges, braves Kind vermuten, wurde Kevin von ebenfalls 80 Prozent als verhaltensauffällig und aus einem bildungsfernen Milieu stammend be(vor)urteilt. Die Aussage eines Lehrers wurde zum geflügelten Satz: "Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose."

Späte Reue

Spätestens seit dieser Studie ist klar, dass Eltern ihren Kindern bei der Geburt nicht nur einen Namen, sondern auch ein gesellschaftliches Image verpassen. Vielen wird das offensichtlich erst nach dem Eintrag am Standesamt bewusst: Laut einer aktuellen britischen Umfrage bereut eine von fünf Müttern ihre Namensentscheidung – weil der Name danach zu oft verwendet wurde, Probleme mit der Aussprache verursacht oder im Laufe der Jahre einen schlechten Ruf bekommen hat.

Eben so wie Kevin. Seit der Name Ende der Achtziger erstmals in den österreichischen Namenscharts auftauchte (siehe Grafik), mussten die Kevins im deutschsprachigen Raum viel Häme einstecken. Erst kürzlich enthüllte eine Umfrage, dass der Name Kevin bei Nutzerinnen der Flirt-App Tinder am schlechtesten ankommt; im vergangenen Jahr nominierte der Langenscheidt-Verlag die Bezeichnung "Alpha-Kevin" (mitsamt der Erklärung: "der Dümmste von allen") als Jugendwort des Jahres, um es kurz danach wegen Diskriminierung wieder von der Liste zu streichen.

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Aber wie kam es, dass Kevin zu einem Synonym für bildungsferne Problemkinder wurde? "Kevin war Anfang der Neunziger einer der häufigsten Bubennamen in Deutschland und Österreich. Logischerweise gibt es in dieser Altersgruppe nicht nur nette und schlaue Kevins, sondern auch viele ungebildete und verhaltensauffällige. Letztere sind besonders aufgefallen", mutmaßt der deutsche Namensforscher Knud Bielefeld. In den Neunzigern ging es noch als modern durch, sein Kind nach einer amerikanischen Filmfigur zu benennen – Eltern, die heute noch Kevin wählen, müssten aber "extrem uninformiert" sein, so der Experte. "Bei einem Kevin des Jahrgangs 2015 gehe ich in der Tat von einem bildungsfernen Elternhaus aus."

Beton ist kein Name

Einer der größten Trends bei der Namensgebung ist laut Bielefeld die Individualisierung (siehe auch unten). "Immer mehr Eltern möchten ihrem Kind einen möglichst einzigartigen Vornamen geben", beobachtet er.

Andrea-Eva Ewels weiß, wie weit der Wunsch nach Individualität führen kann. Sie arbeitet als Namensberaterin bei der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS). Wenn sich Eltern oder Standesämter unsicher sind, ob ein gewünschter Vorname eingetragen werden kann, melden sie sich bei ihr. "Wir schauen dann in unseren Quellen – Datenbank, Vornamensbücher aus aller Welt – nach und erteilen Auskünfte über die Eintragungsfähigkeit." Die Vornamen Samuri, Tali, Nani und Afiba wurden von Ewels und ihren Kollegen kürzlich bestätigt. Ein klares Nein gab es hingegen für Marchall, Mephisto, Beton und Schröder. "Namen, die dazu führen könnten, dass das Kind im späteren Leben Probleme bekommt, indem es etwa gehänselt wird, dürfen nicht vergeben werden." Dazu zählen etwa reine Nachnamen (wie Schröder), Gegenstände (Beton) oder Orte (auch Berlin wurde abgelehnt).

Andrea Ewels… Foto: /GfdS Andrea-Eva Ewels

Allerdings verwische diese Richtlinie durch die Globalisierung, berichtet Ewels. "Mittlerweile darf hier als Vorname eingetragen werden, was auch anderswo als Vorname gebräuchlich ist, etwa Paris, Sidney und Cheyenne, ganz gleich, ob die Eltern selbst in der Kultur, aus der der gewünschte Name stammt, verwurzelt sind." Nur noch selten berät sie Eltern, die ihr Kind Kevin, Jacqueline oder Chantal nennen wollen. "Wenn das der Wunsch der Namensgeber ist, warum nicht. In der Beratung ergeben sich dazu oft interessante Diskussionen. Sicher gibt es durch das häufige Vorkommen in bildungsfernen Schichten gewisse Vorurteile gegen den Namen Kevin; diese werden aber durch das ständige Aufgreifen des Negativ-Images verstärkt."

Kevinometer

Ist ein Name nicht vertretbar, versucht Ewels, die Wahl der Eltern durch Beratung und Vorschläge zu einem zweiten, bekannteren Vornamen zu beeinflussen. Denn sie weiß: "Der Name, der in der Regel das ganze Leben getragen wird, kann sehr prägend sein."

Damit es werdenden Eltern in zwanzig Jahren nicht so ergeht wie jenen, die einst Kevin auserwählt haben, hat Knud Bielefeld den "Kevinometer" entwickelt: eine Handy-App (erhältlich für Android und iOS um 0,99 €), die das "Kevinismuspotenzial" eines Vornamens ermittelt. Man gibt den Wunschnamen und das Geschlecht des Kindes ein und erhält wenige Sekunden später die "Kevinwahrscheinlichkeit" in Prozent. Sprachwissenschaftliche Analysen, soziologische Forschungen und historische Ranglisten sollen in die Beurteilung einfließen. Geht es nach Namensexperte Bielefeld, gibt es übrigens schon einen würdigen Kevin-Nachfolger: Maddox.

Informationen zu Vornamen und zum Kevinometer finden Sie unter www.beliebte-vornamen.de. Namensberatung durch Experten bei der Gesellschaft für deutsche Sprache unter www.gfds.de.

Trends

Wenn Mädchen Charlie heißen – und aus Julia plötzlich Yulia wird

Emma, Ben und Paul sind seit Jahren Dauerbrenner – doch welche Namen werden in Zukunft die Hitliste der Vornamen anführen? Geht es nach US-Medien, befinden wir uns im "Jahr der geschlechtsneutralen Namen". Hollywood-Stars machen es vor: Ashton Kutcher und Mila Kunis nannten ihre Tochter Wyatt, Blake Lively und Ryan Reynolds entschieden sich für James – wohlgemerkt ebenfalls für ein Mädchen. In Österreich könnte das schwierig werden: Laut Namensrecht muss der erste Vorname das Geschlecht des Kindes eindeutig erkennen lassen (siehe Grafik).

Buchstabentausch

Während im deutschsprachigen Raum vom Unisex-Trend also noch nicht viel zu bemerken ist, beobachten Namensforscher eine andere Entwicklung: Durch einen Buchstabentausch werden herkömmliche Namen extravagant und alte modernisiert. Aus Julia, einem Klassiker seit den späten Achtzigern, wird beispielsweise Yulia, aus dem rustikalen Karl ein Carl. "Manchmal hat man sich einfach an den alten Namen sattgesehen", erklärt Namensforscher Knud Bielefeld das neue Phänomen. Gerade, weil Karl einer der beliebtesten Jungennamen im 20. Jahrhundert war, wolle man ihn auf diese Weise wieder originell machen.

Blake Lively, Ryan Reynolds Foto: AP/Charles Sykes Blake Lively und Ryan Reynolds nannten ihre Tochter James

Neben dem Trend zur Individualisierung wird auch der Klang, vor allem bei Bubennamen, immer wichtiger. So lässt sich erklären, dass viele der aktuell beliebtesten Bubennamen auf ein "a(h)" enden: Noah, Luca, Jonah. "Heute müssen alle Namen niedlich, lieblich und weich klingen", bemerkt Bielefeld.

Oder antiquiert: "Einige der Vornamen, die vor hundert Jahren populär waren, kommen wieder häufig vor", beobachtet er. Ein Blick auf die Hitliste von 2014 bestätigt das: Unter den Top 60 finden sich etwa Johanna, Franziska und Paula bzw. Anton, Theodor und Leo. Bleibt abzuwarten, ob sie das gleiche Schicksal ereilt wie Wolfgang, Gerhard, Sabine oder Birgit: Vor 30 Jahren Fixstarter in den Namenscharts – heute spurlos aus den Top 60 verschwunden.

Lebenserfahrung

Zwei Kevins erzählen

„Viele glauben, sie sind die Ersten, die einen Kevin-Witz machen“

Ich habe nie etwas Negatives mit meinem Namen verbunden und mag ihn auch. Viele glauben, dass sie die Ersten sind, die einen Kevin-Witz machen. Das nervt, diese Menschen glänzen aber meistens auch sonst nicht durch besonders intelligente Aussagen. Meine Eltern haben mich nach dem englischen Fußballer Kevin Keegan benannt – mein Vater ist ein großer Fußballfan, und da unser Familienname Ilse ist, war es ihnen wichtig, einen Vornamen zu wählen, den man nicht verweiblichen kann. Dass sie sich für Kevin entschieden haben, habe ich ihnen nie vorgeworfen.

Kevin_Ilse, thestepfordhusband… Foto: /Kevin_Ilse

Als Kind hat mich mein Nachname mehr geärgert. Mittlerweile finde ich beide sogar recht praktisch, denn sie sind kurz und die meisten Menschen merken sie sich sofort. Im Nachhinein wundert es mich fast, dass ich selten wegen meines Namens gehänselt bzw. mit Vorurteilen konfrontiert wurde – ich glaube, das liegt auch daran, dass ich etwas älter bin als der Kevin-Trend. Ich habe bisher auch noch keinen anderen Kevin kennengelernt. Sätze wie "Der Name Kevin ist eine Diagnose" stören mich zwar, aber da muss man drüber stehen. Ich weiß, dass die Klischees auf mich einfach nicht zutreffen.

Kevin Ilse lebt und arbeitet in Wien, wo er den Food-Blog www.thestepfordhusband.at betreibt.

„Ich habe mich oft selbst auf den Arm genommen“

Ich mag meinen Namen, immerhin lebe ich seit 24 Jahren mit ihm. Wahrscheinlich würde ich das Gleiche sagen, wenn ich Hans, Hubert oder Wolfgang heißen würde. Ich wurde nicht wirklich gehänselt, was aber sicher auch daran liegt, dass ich vor dieser Alpha-Kevin- und Kevin-ist-ein-Assi-Name-Zeit in der Schule war. Ich wurde zwar nach Kevin Costner benannt, aber natürlich trotzdem immer mit "Kevin – Allein zu Haus" in Verbindung gebracht.

Kevin… Foto: /Privat

Mit Vorurteilen bezüglich meines Namens wurde ich eigentlich nicht konfrontiert – ein Grund dafür könnte sein, dass ich mich selbst oft auf den Arm genommen habe. Da nimmt man Mobbern schnell den Wind aus den Segeln. Aber klar hört man immer wieder mal Sätze wie "Nur Drogenkinder und Ossis heißen Kevin". Oft werde ich auch von Freunden bei irgendwelchen lustigen Zitaten über den Namen Kevin auf Facebook markiert. Ich lach dann selber darüber und lasse mich davon nicht beleidigen. Das gilt auch für den Satz "Der Name Kevin ist eine Diagnose" – da denk’ ich mir meinen Teil und reg’ mich nicht darüber auf. Meiner Meinung nach sind Leute, die andere Menschen wegen deren Namen verarschen, sowieso keinen einzigen Gedanken wert.

Kevin Kada lebt in Göllersdorf und arbeitet als Sportredakteur bei einer Wochenzeitung.

(KURIER) Erstellt am
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