"Nie zurück" - Julius Payer Gemälde zeigt Carl Weyprecht, der die Mannschaft motiviert weiterzuziehen und sie vor dem Tod bewahrt.

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100. Todestag
08/25/2015

Julius Payer: Abenteurer und Medienstar

Er war als Alpinist, Polarforscher und Maler erfolgreich - dafür suchte Payer stets die öffentliche Anerkennung.

von Sandra Lumetsberger

Gefangen im Packeis, Eisbären, die sich dem Schiff nähern – Julius Payer war ein brillanter Erzähler, der es verstand, Menschen mit seinen Erlebnissen zu erstaunen. Die Monarchie, für die er in den Krieg zog, deren Ostalpen er kartografierte und für deren Kaiser er eine neue Inselgruppe in der Antarktis entdeckte, verwehrte ihm aber die gebührende Ehre. So sah es jedenfalls Payer. Zeit seines Lebens suchte er nach Anerkennung.

Dass der Abenteurer eine schwierige Persönlichkeit war, kann Frank Berger gut belegen. Der Frankfurter Historiker arbeitete sich durch ein Konvolut an Briefen, um Payers persönliche Seite zu erforschen. "Er hatte ein großes Geltungsbedürfnis, war lebhaft und launisch. Um seine Erfolge zu vermarkten, leistete er für seine Zeit eine sensationelle Medienarbeit."

Der 1842 in Böhmen geborene Payer, war ein Mann von mittlerer Größe, seine Haare blond gewellt, die Augen blau. Einer, der in jungen Jahren tollkühn unbekannte Teile der Ortlergruppe erschloss. Seine Erfolge wollte er früh öffentlich kund tun: Er schickte Texte und Skizzen an die Redaktion der Leipziger Illustrierten, die aber ablehnte – ihre Leser interessieren sich nicht für die Alpen.

Seine Gletscher-Expertise ließ ihn auf andere Art berühmt werden: Nachdem er auf Einladung an der zweiten deutschen Nordpolarexpedition teilnahm, entwickelte er eigene Pläne: Mit einem dampfgetriebenen Schiff wollte er das nördliche Eismeer erforschen. Dieses Vorhaben schilderte der gut vernetzte Payer dem Grafen Wilczek, einem der reichsten Männer der Monarchie und Intimus des Kaisers, der die Reise finanzierte.

Zwei Charaktere

Zusammen mit Carl Weyprecht leitete Payer die erste Österreich-Ungarische Nordpolexpedition. "Da trafen zwei konträre Charaktere aufeinander: Weyprecht, hochkorrekt und trocken, war ein guter Seemann und Navigator. Der emotionale Payer konnte hingegen klettern und Schlitten fahren. Er war der Richtige, um die Arktis zu erforschen", sagt Berger.

1872 segelten sie mit der "Admiral Tegetthoff" vom norwegischen Tromsø los. Bereits nach einem Monat blieben das Schiff im Eis stecken, trieb in eine unbekannte Region ab – die dortige Inselgruppe wurde später zum "Franz-Josef-Land". Trotz der Strapazen und Irrfahrten durchs Eis, bei der die Mannschaft bereits mit dem Leben abgeschlossen hatte, gelangten sie nach zwei Jahren wieder zurück nach Österreich. Dort feierte sie die Bevölkerung, der Kaiser hob Payer in den Adelsstand. "Er und Weyprecht haben letztlich die Polarforschung internationalisiert", resümiert Berger.

Mit dem Erfolg kam auch der Neid. So zweifelte ein Erzherzog, während Payers Vortrag, am Wahrheitsgehalt der Reise und murmelte: "Wenn es doch alles wahr wäre." Das hinderte den beleidigten Payer nicht, seine Erlebnisse auf 700 Seiten niederzuschreiben. Sein Buch wurde zum Bestseller und verkaufte sich 60.000-mal – sogar der Kaiser las es. "Es war in jedem guten Haushalt des alten Österreichs zu finden."

Payer und die Liebe

Mit Anfang 30 war Julius Payer berühmt. "Sein großes Projekt war es nun, eine reiche Frau zu finden." Er schrieb seinen Eltern, dass er noch nie verliebt war: "Wenn aber eine Besitzerin von 50.000 Talern greifbar sei, dann würde mein Herz höherschlagen." Es sollte eine vermögende Frankfurterin sein – "schön, reich und gebildet", schrieb Payer. Fanny Kann erfüllte diese Eigenschaften. "Für seine Verlobung erstellte er eine Liste aller Zeitungen in Österreich und Ungarn, die er kontaktierte. Die Medien hatten ihn durchschaut und reagierten deutlich und direkt."

Das Allgemeine Wiener Extrablatt quittierte etwa zynisch: "Oberlieutnant Payer hat sich, so wird gemeldet, mit der jungen Banquierswitwe Frau Fanny Kann verlobt und läuft durch diese Heirat in den friedlichen Hafen eines Ehelebens ein, welches durch die Mitbringung eines großen Vermögens von Seiten der Braut an seinen Reizen nichts einbüßt."

Nach 12 Jahren trennten sich die Eheleute: "Er fühlte sich von den familiären Pflichten eingeengt, wollte unabhängig sein, da war ihm auch der Reichtum nichts mehr wert." Payer, der zu diesem Zeitpunkt seine Erlebnisse im Eis auch als Maler erfolgreich festhielt, stellte seine Ölgemälde europaweit aus. Und hielt nach eigenen Angaben 1228 Vorträge. Obwohl er keine finanzielle Not litt, klagte er zunehmend über den Undank Österreichs und seine geringe Gage für die Nordpolarexpedition. Auch die erhoffte Anstellung als Professor für Malerei bekam er nicht: "Gedemüthigt, doch ohne die Laune zu verlieren, unterrichtete ich nun eine Reihe Schülerinnen." Eine davon wurde sogar seine Geliebte.

Sein Geltungsdrang nahm auch im hohen Alter nicht ab. Als er mit 70 Jahren durch einen Schlaganfall die Sprache verlor, entwickelte er mit seiner Sekretärin die "Payerschlange": Er notierte philosophische Gedanken und Erinnerungen auf Blätter, die er auf Fichtenhölzer aufrollen ließ – die Menschen sollten seinen Namen nicht vergessen. Und das ist ihm auch gelungen: Im November findet ihm zu Ehren der erste internationale Polarkongress in Wien statt. Payer starb am 29. August 1915 an einem Herzinfarkt.

Buchtipp: "Julius Payer. Die unerforschte Welt der Berge und des Eises" von Frank Berger; Tyrolia Verlag, 24,95 €

Stationen seines Lebens

1842: Julius Payer wird am 2.9 in Teplitz, Böhmen, geboren.
1859: Payer steht im Dienst der österr.-ungarischen Armee und kämpft bei der Schlacht von Solferino.
1863: Er besteigt den Großglockner auf einer neuen Route.
1865–1868: Kartierung des Ortlergebiets; 70 Gipfelerfolge und 38 Erstbesteigungen.
1869–1870: Er nimmt an der zweiten deutschen Polarfahrt teil.
1872–1874: Teilnahme an der Österr.-Ungar. Nordpolexpedition.

1875–1876: Sein Expeditionsbericht wird zum Bestseller.
1876: Heirat mit Fanny, zwei Kinder (Julius und Olivia) kommen zur Welt.
1876–1883: Payer lebt als Maler in München und Frankfurt. Mit „Bai des Todes“ gelingt ihm der Durchbruch.
1884–1889: Umzug nach Paris.
1889–1915: Trennung von Fanny: Payer kehrt zurück nach Wien. Er stirbt am 29. 8 an einem Herzinfarkt.

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