Leben
26.03.2012

Jedes Kind wird individuell gefördert

Eine Gesamtschule ist die "beste Schule Deutschlands." Ihr Direktor sprach mit dem KURIER über das Erfolgskonzept.

Die "Neue Mittelschule " wird diese Woche im Nationalrat beschlossen. Eine Gesamtschule, in der alle Kinder bis zum 14. Lebensjahr gemeinsam lernen, ist sie nicht. Für den grünen Bildungssprecher Martin Walser ist sie gar "nur eine Hauptschule wie bisher."

Dabei gebe es Beispiele, wie eine Gesamtschule funktionieren kann: "Etwa die Georg-Christoph-Lichtenberg- Gesamtschule in Göttingen, Die erhielt 2011 den "Robert-Bosch-Schulpreis" und somit 100.000 Euro als beste Schule Deutschlands. Ihre Abiturienten (Maturanten, Anm.) gehören jedes Jahr zu den besten zwei Prozent Niedersachsens. Der Verein "Bildung Grenzenlos" und die Grünen haben Direktor Wolfgang Vogelsaenger nach Österreich geladen, um sein Konzept zu präsentieren. Was gelingt in Göttingen so gut? Vogelsaenger sprach mit dem KURIER über das Geheimnis dieses Erfolgs.

KURIER: Wie sieht der Unterricht in Ihrer Schule aus?
Wolfgang Vogelsaenger:
Gelernt wird bei uns in Tischgruppen zu je sechs Schülern, die unterschiedliche Begabungen haben. Fächer gibt es nicht mehr. Die haben wir z.B. zu Naturwissenschaften zusammengefasst, so dass eine Klasse weniger Lehrer hat. Weil sie länger mit den Schülern zusammen sind, haben sie eine enge Beziehung zu ihnen. Elternabende haben wir auch nicht. Stattdessen besucht der Klassenlehrer jedes Kind einmal zu Hause.

Wie gehen Sie auf unterschiedlichen Begabungen ein?
Im Gymnasium ist es ja das Ziel, dass jedes Kind zur gleichen Zeit über die gleiche Latte – also Schularbeit – springt. Wir legen die Hürden individueller und haben kein Schub­ladenprogramm für alle. Wir wollen jedes Kind individuell fördern, egal ob Pastorentochter, Migrant oder hochbegabt.

Viele Eltern befürchten, dass in einer Gesamtschule die leistungsstarken Kinder unterfordert werden.
In der Anfangszeit der Gesamtschule war das leider so. Das darf nicht sein. Kein Kind darf unterfordert, keines überfordert werden. Das Arbeiten in Kleingruppen wirkt dem entgegen. Die guten Schüler profitieren, weil sie Mitschülern den Stoff erklären. Dabei wiederholen sie Gelerntes und machen sich Zusammenhänge bewusst. Die Schwächeren profitieren, weil sie sich an Leistungsstarken orientieren.

Wie ist die soziale Zusammensetzung Ihrer Schüler?
In Göttingen haben 80 Prozent der Schüler eine Empfehlung fürs Gymnasium, an unserer Schule sind es 65 Prozent. Doch ein Drittel, das eine Empfehlung für die Hauptschule hatte, schafft bei uns das Abitur.

Dürfen Sie sich als Direktor die Pädagogen aussuchen?
Ja. Für die Lehrer gilt: Die Schule muss dem Kind angepasst werden – und nicht das Kind der Schule. Die Haltung, mit der wir Kindern entgegentreten, macht den Erfolg der Schule aus.

Wie autonom sind Sie, z.B. bei den Finanzen?
Wir dürfen unseren Etat so nutzen, wie wir das wollen. Autonomie heißt bei uns noch mehr, dass wir nicht hierarchisch organisiert sind. Jeder arbeitet selbstverantwortlich: die Lehrerteams, die Sekretärin, der Hausmeister. Da ist es logisch, dass auch die Schüler selbstverantwortlich lernen. Die Schulverwaltung will zwar häufig per Erlass in die Schule hineinregieren. Doch immer weniger Schulleiter lassen sich das gefallen.

Muss eine Gesamtschule eine Ganztagsschule sein?
Natürlich. Die Schüler brauchen Zeit. Und sie sollen sich nicht nur intellektuell entwickeln, sondern auch im Sport, in der Musik, beim Kochen oder Handwerken. Die Lehrer sehen da die Schüler in anderen Situationen. Die Kinder entdecken ihre Talente; sie sehen, wo sie erfolgreich sind. So entsteht Selbstvertrauen, das die Basis dafür ist, sich in Fächern wie Mathe oder Englisch etwas zuzutrauen.

Kochen und Handwerken. Haben Sie dafür den Platz?
Ja. Wie haben eine Werkstatt, in der die Schüler Autos reparieren können, eine Theaterbühne, ein Kino, ein Café usw. Alle können kochen, andere spielen Theater oder Fußball.

Wie kommt man zu einem solchen Schulgebäude?
Als die Schule vor 40 Jahren gebaut wurde, haben sich Experten überlegt, welches Gebäude für ihr Konzept nötig ist. Erst dann wurde gebaut. Jeder Jahrgang hat bei uns deshalb eine eigene Einheit. Dort arbeiten auch die Lehrer – ihre Türen stehen offen für die Schüler. So fühlen sich alle zu Hause. Vandalismus kommt bei uns deshalb so gut wie gar nicht vor.