Leben
22.06.2018

Japan: Beamter bestraft, weil er 3 Minuten zu früh zu Mittag aß

In Japan wurde ein 64-jähriger Beamter bestraft, weil er "regelmäßig" zu früh zum Mittagessen aufbrach.

Sich in Japan ein paar Minuten zu früh vom Arbeitsplatz wegzuschleichen, um die Mittagpause anzutreten, kann unangenehme Folgen habe. Das musste ein 64-jähriger Beamter kürzlich am eigenen Leib erfahren. Weil der Mann, der als Mitarbeiter der Wasserwerke in der Stadt Kobe arbeitet, "regelmäßig" drei Minuten zu früh Pause machte, um sich mit Essen zu versorgen, wurde er mit einer Geldstrafe belegt und von seinem Arbeitgeber getadelt. In sieben Monaten soll der Japaner insgesamt 26 Mal zu früh in die Mittagspause gestartet sein, wie unter anderem der Guardian berichtet.

Hochrangige Mitarbeiter des Unternehmens teilten in einer eigens einberufenen Video-Konferenz mit, dass das Verhalten des Mannes "sehr bedauerlich" sei. Es folgte eine Verbeugung als Geste der Entschuldigung. Die frühen Pausen des Mitarbeiters flogen auf, weil ein Kollege ihn vom Fenster aus dabei beobachtete, wie er neben dem Bürogebäude bei einem Kiosk Essen bestellte.

Ein Sprecher des Unternehmens sagte der französischen Nachrichtenagentur AFP: "Die Mittagspause findet von 12 Uhr bis 1 Uhr statt. Er hat seinen Schreibtisch vor der Pause verlassen." Damit habe der Mitarbeiter eine gesetzliche Regelung für Beamte gebrochen, die vorschreibt, dass sich diese "auf ihre Arbeit konzentrieren müssen". Der Mitarbeiter soll zu seiner Verteidigung laut Sora News 24 angeben haben, dass er einen "Tempowechsel" benötigt hätte.

Bizarre Work-Life-Balance

Lokale Medien griffen den Vorfall rasch auf. Grund dafür ist die Debatte über lange Arbeitszeiten Japan, die seit geraumer Zeit geführt wird. In Japan gilt grundsätzlich die 40-Stunden-Woche. Früher Schluss zu machen gilt als verpönt, oftmals sitzen Japaner jedoch auch weit nach 23 Uhr noch am Arbeitsplatz. Jeder sechste Japaner nimmt nie Urlaub.

"In Japan wird Arbeit nicht als Last gesehen, sondern als Aufgabe und die Möglichkeit, sich einzubringen und zu verwirklichen. Die Japaner definieren sich oft stark über die Arbeit. Das Bewusstsein, Teil eines Ganzen zu sein, ist sehr ausgeprägt, Identifizierung und die Entwicklung von Stolz für ein bestimmtes Unternehmen zu arbeiten, sind die Folge", sagte der Japanologe Roland Domenig 2011 in einem Interview mit dem Standard.

Im Mai dieses Jahres wurde ein Gesetz verabschiedet, welches die monatlichen Überstunden erstmals mit 100 Stunden begrenzt. Seit Anfang 2017 sind Arbeitnehmer dazu angehalten, einmal im Monat früher heimzugehen - vor allem, um Geld auszugeben und die Wirtschaft anzukurbeln (mehr dazu hier). 2015 führte man zudem fünf Pflicht-Urlaubstage ein (mehr dazu hier).

Damit reagierte die Regierung auf hunderte Todesfälle, die jährlich durch enorme Arbeitsbelastung bedingt werden. Karoshi, Tod durch Überarbeitung, heißt das Phänomen auf Japanisch. In einem offiziellen Informationsbericht zu Karoshi hieß es 2016, dass jeder fünfte Arbeitnehmer in Japan gefährdet sei, aufgrund von zu viel Arbeit zu sterben.

Für den betroffenen Mitarbeiter hatten die verfrühten Mittagspausen Konsequenzen: Ihm wurde in Teil des Lohns abgezogen – dabei rechnete man jene Zeit, die er zu arbeiten verabsäumt hatte, auf.