2014 kamen Wissenschaftler dem Rätsel um die Geschichte von Stonehenge schon sehr nahe.

© APA/EPA/FACUNDO ARRIZABALAGA

Wissenschaft
12/30/2014

Das war 2014: Ur-Stonehenge und Exoplaneten

Welche Fragen Genetiker, Archäologen und Astronomen heuer beantworten konnten.

von Susanne Mauthner-Weber

Man mag es kaum glauben: "90 Prozent der US-Amerikaner bezweifeln die Evolutionstheorie", "Das Wetter wird immer extremer", "Der Yeti ist ein Bär": Wer als Wissenschaftsjournalist die Begriffe "Anthropologie", "Astronomie", "Astrophysik", "Archäologie", "Biologie", "Genetik", "Geschichte", "Physik", "Paläontologie", "Zoologie" und all die anderen "-nomies" und "-logies" in seine Suchmaschine eingibt, erhält für das Jahr 2014 an die 50.000 Treffer. Darunter – siehe oben – Dinge, die eigentlich unmöglich ins 21. Jahrhundert passen können, scheinbar schon tausendfach geschrieben wurden oder einfach kurios anmuten.

Dauerbrenner

Ja, auch 2014 hat uns derKlimawandelbegleitet: Am 1. Dezember begann die letzte Klimakonferenz in Peru, und die Zeitungen titelten "Der Eisbär verschwindet, die Staatenwelt taktiert". Drei Tage davor erfuhren die Menschen wieder einmal, dass sie sich wegen des Klimawandels zunehmend auf extreme Wetterbedingungen wie Flutkatastrophen, Dürren und Hitzewellen einstellen werden müssen. Da ist die Meldung, dass der Klimawandel zu mehr Blitzen führt, nur noch ein interessantes Detail. Forscher haben berechnet, dass ihre Zahl im 21. Jahrhundert insgesamt um 50 Prozent steigen wird.
Das zweite Thema, das uns durch das Jahr begleitet hat, ist dieSuche nach der Erde Nummer 2. Im Juni entdeckten Astronomen zwei sogenanntenExoplaneten. Einer könnte sogar flüssiges Wasser enthalten. Von den 1800 bisher entdeckten extrasolaren Planeten kreisen etwa 20 innerhalb der bewohnbaren Zone ihres Heimatsterns. Alle sind deutlich größer als die Erde und eher Gas- als Gesteinsplaneten. Die Suche wird also auch 2015 weitergehen.
Und der Dauerbrenner Nr.3?Genetik! "Erbgut deskleinsten europäischen Käfersentschlüsselt, desSchafs, derTsetsefliege, derZuckerrübe, vonWeizen undRichard III." Neben Jubelmeldungen brachte 2014 aber auch die Erkenntnis, dassMäuse und Menscheneinander genetisch doch nicht so nahe stehen, wie bisher gedacht. Was das für die Forschung bedeutet, für die Mäuse ja die wichtigsten Modellorganismen sind, wird die Zukunft zeigen. Jedenfalls ist dieDNAimmer für Überraschungen gut – zuletzt als sie einen Flug ins All unbeschadet überstand.

Das bald abgelaufene Jahre brachte uns aber auch die Erkenntnis, dass Sex vor 400 Millionen Jahren von Panzerfischen erfunden wurde, dass moderner Mensch und Neanderthaler sich nachweislich (nämlich im Genom) vor 50.000 Jahren miteinander eingelassen haben und dass auch Hunde Eifersucht kennen.

Außerdem kennen wir seit Oktober den Meeresboden genau wie nie zuvor: Mit Hilfe von neuen Satellitendaten haben Forscher eine Karte erstellt, die viele bisher verborgene Strukturen sichtbar macht, z.B.Tausende nie kartierte Unterwasserberge. Und auch der umfangreichsteKatalog der Milchstraßesteht unter 2014 in den Analen: Astronomen haben 219 Million Sterne kartiert.
Womit wir wieder im All wären: Die Weltraumorganisation ESA feierte 50 Jahre europäische Raumfahrt und landete auf einemKometen. Gelandet ist natürlich der Roboter Philäe, gesteuert vom österreichischen Astrophysiker Stephan Ulamec.
Ja, Österreich spielte in der wissenschaftlichen Welt 2014 tatsächlich eine Rolle. So entdeckte der Archäologe Wolfgang Neubauer hunderte Holz- und Steinkreise, Gruben und Gräber, bei denen es sich wahrscheinlich um dasUr-Stonehenge handelt. Und der Gerichtsmediziner Fabian Kanz wiederum konnte den Energy-Drink der Gladiatoren von Ephesos rekonstruieren – ein Aschetrunk machte sie stark.

Vielleicht sollte man den zur Stärkung wieder anbieten. Eventuell an der Universität Wien. Die ist 2014 im "Times Higher Education World University Ranking" von 170 auf Rang 182 zurückgefallen.

Die dunkle Seite der Forschung

Es war eine Sensation: Die japanische Forscherin Haruko Obokata verkündete zu Beginn des Jahres den größten Erfolg ihrer bisherigen Karriere. Die Mitarbeiterin des renommierten Riken-Instituts in Kobe wollte entdeckt haben, dass man Körperzellen neugeborener Mäuse mit simpler Zitronensäure verjüngen könne.

Das hatten Forscher vorher nur mit aufwendigen genetischen Manipulationen erreicht. Doch der Traum einer Verewigung in den Geschichtsbüchern der Stammzell-Forschung platzte. Das Riken-Institut stellte fest, dass die Bilder zu der Studie denen aus Obokatas Doktor-Arbeit aus 2011 auffällig ähnelten. Dort war das Gewebe auf andere Weise entstanden. Anfang Juli zog die Fachzeitschrift Nature, die die Studie veröffentlicht hatte, den Artikel zurück. Das Forscherteam entschuldigte sich kleinlaut.

Ob Erfinden oder Fälschen von Daten, Manipulationen von Abbildungen oder das Verheimlichen unliebsamer Daten: Die Liste von wissenschaftlichem Fehlverhalten ist lang – und hat Tradition. Schon der griechische Naturforscher Ptolemäus soll im 2. Jahrhundert Beobachtungen gefälscht und Erkenntnisse anderer Wissenschaftler als seine eigenen ausgegeben haben.

Schwindler

Eine aktuelle Umfrage unter österreichischen Forschern hat ergeben, dass schon ein Viertel Datenmanipulation beobachtet oder selbst begangen hat. Erklärung fürs akademische Tricksen: Ständig sei man gefordert, neue Erkenntnisse zu produzieren. Aber jahrelange aufwendige Forschung führt nicht immer zum Erfolg. Das kann dazu verleiten, Daten zu manipulieren oder bei Kollegen abzuschreiben. Der Druck hätte zugenommen. Es muss schneller produziert werden – die Abhängigkeit von Drittmitteln ist groß. Mitunter seien auch Eitelkeit, Geltungssucht und Ehrgeiz im Spiel. Und so komme es vor, dass Ergebnisse in Boulevardmedien stehen, ehe sie von Fachmagazinen geprüft und für publikationswürdig erachtet wurden.

Höhepunkt der Betrügerei: Im Sommer zog das Fachmagazin Journal of Vibration and Control 60 Studien zurück, weil Zweifel an der Glaubwürdigkeit aufgetauchten. Der Autor soll den Begutachtungsprozess der Studien manipuliert haben. Wenige Wochen später zog auch der Ko-Autor der eingangs erwähnten Zitronensäure-Studie einen Schlussstrich: Er beging Selbstmord, weil er mit Beschimpfungen in den Massenmedien nicht fertig wurde.

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