Leben
03.11.2018

Interview: Einsamkeit ist keine Frage des Alters

Buchautor Thomas Hax-Schoppenhorst über die Facetten von Isolation und deren Folgen.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Einsamkeit empfinden die meisten deshalb als einen „quälenden Abstand zum anderen“. Welche gesundheitlichen, politischen und gesellschaftlichen Folgen sie hat, damit beschäftigt sich das „Einsamkeits-Buch“, das der Pädagoge und Buchautor Thomas Hax-Schoppenhorst herausgegeben hat.

KURIER: Viele Menschen fühlen sich alleingelassen. Wie wirkt sich dieser Zustand auf ihre Gesundheit aus?

Thomas Hax-Schoppenhorst: Einsamkeit ist für die Betroffenen ein massiver Stress. Hält dieser an, hat das Folgen für die Psyche, das Herz-Kreislauf-System und sogar für die Schmerzwahrnehmung – bestehende Krankheiten können dadurch verstärkt werden. Manche behaupten, Einsamkeit ist so schlimm wie 15 Zigaretten am Tag. Solche Aussagen sind mir zu plakativ.

Wie schlägt sich das aufs Gemüt?

Einsamkeit ist ja ein ungewollter Zustand. Je länger dieser andauert, desto niedergeschlagener ist der Betroffene – das geht bis hin zur Verzweiflung und zur Depression. Durch den lang ausbleibenden sozialen Kontakt fühlt man sich ohnmächtig, man macht sich immer häufiger Vorwürfe und denkt: „Mich will keiner“. So wird ein Selbstbild immer wieder bestärkt und es fällt demjenigen schwer, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen.

Sind alte Menschen besonders betroffen?

Ja, aber auch Jüngere zwischen 20 und 35 Jahren fühlen sich oft isoliert, weil sie sich in dieser Zeit auf die Lebenskarriere vorbereiten – sie studieren, haben den ersten Job, gründen eine Familie. In diesem Hamsterrad geht ihnen das Emotionale verloren. Sie versäumen es, Kontakte zu pflegen, auch weil der andere zur Konkurrenz werden kann. Andere sind gestresst, weil sie auf anhaltender Sinnsuche sind und das Gefühl haben, nicht zum Ziel zu kommen. Der Soziologe Hartmut Rosa bringt das in dem Buch gut auf den Punkt.

Welche Gruppen sind besonders gefährdet?

Dass Alte, psychisch und körperlich Kranke dazugehören, war naheliegend. Überrascht hat mich ein Beitrag über Rettungssanitäter und andere helfende Berufe wie Polizei oder Feuerwehr. Durch ihren Arbeitsalltag müssen sie im Umgang mit Tod und Krankheit Stärke zeigen, für sie gibt es kaum Möglichkeiten, sich mitzuteilen. Der Tenor lautet: „Das muss man aushalten.“ Erschwerend kommt hinzu, dass diese Menschen immer öfter angepöbelt werden.

Großbritannien hat ein Einsamkeitsministerium installiert. Ist das eine gute Idee?

Als ich das las, habe ich meinen Augen nicht getraut. Einsamkeit hat ja eine politische Komponente: Verarmte, Flüchtlinge und andere Gruppen, die ihrer ökonomischen Grundlagen beraubt sind, sind stark davon betroffen. Statt an dem Phänomen herumzudoktern, sollte man sich die Ursache anschauen. Würde der Staat Geld in die Hand nehmen, könnte er Engpässe reduzieren: Arme könnten am sozialen Leben wieder teilnehmen und die Versorgung Gebrechlicher könnte gesichert werden – die verfallen nämlich, wenn niemand sie besucht.

Geld allein hilft aber auch nicht. Mit welchen Mitteln kann man Menschen aus der Isolation holen?

Da gibt es eine Litanei an Maßnahmen, etwa der Wohnungsbau: Es gibt immer mehr Gettos – das wird man in die moderne Stadtplanung miteinbeziehen müssen. Sicher könnte man auch das Ehrenamt mehr wertschätzen. Die öffentliche Hand sollte da vor allem Geld in die Vernetzung stecken.

Warum wird gerade jetzt so viel über das Thema geredet?

In der Literatur und der Forschung wird über Einsamkeit schon seit 20, 30 Jahren diskutiert. Dass das es jetzt als prägnantes Thema unserer Zeit aufbricht, hat einen Grund: Die Menschen sind massiv verunsichert. Alle Schichten haben die berechtige Sorge, dass es zu einer unheilvollen Entwicklung und zu politischen Veränderungen kommt, die Angst auslösen – und sie sind mit dieser Angst allein. Was seit längerem dazu kommt, ist, dass sich jeder auf sein persönliches Schicksal fokussiert. Da bleibt wenig Zeit, sich um das Schicksal des anderen zu kümmern. Der Blick für den Mitmenschen geht verloren und der Ton wird rauer. Tugenden wie Empathie und Rücksichtnahme scheinen verloren zu gehen. Das alles verstärkt die Einsamkeit in der Gesellschaft.

Wenn alle nur an sich denken: Hat das Folgen für das Zusammenleben in der Gesellschaft?

Wir wissen, dass einsame Menschen ihre Situation belastet – sie suchen die Schuld bei sich selbst und verbinden damit Groll auf den Rest der Welt. Sie sind grundlegend skeptischer, verbitterter, verärgerter und misstrauischer. Sie neigen dazu, diesen Vertrauensverlust bei der Stimmabgabe zu kanalisieren, in dem sie sich populistischen Parteien zuwenden.

Kann man selbst etwas tun, um der Einsamkeit vorzubeugen?

Ja, indem man von Beginn an in seinem Leben Freundschaften aufbaut und diese pflegt. Wer Bündnisse mit wertvollen Menschen sucht, die einen ein Leben lang begleiten, ist weniger gefährdet, einsam zu sein. Frauen denken da sicher oft fürsorglicher, bei Männern kommt das große Hallo oft mit der Pensionierung oder wenn Freunde sterben. Unterm Strich lässt sich sagen: Freundschaften sind die beste Einsamkeitsprävention.

Buchtipp: Thomas Hax-Schoppenhorst (Hg.): Das Einsamkeits-Buch. Wie Gesundheitsberufe einsame Menschen verstehen, unterstützen und integrieren können. Hofgrefe. 51,40 Euro