Leben
04.12.2017

Darum sehnen wir uns nach Weihnachten "wie früher"

Sehnsucht, Vorfreude, Einfachheit - Weihnachten war früher nicht automatisch schöner, nur anders, sagt die Historikerin Inge Friedl.

Der Christbaum ein bisserl windschief – von der perfekt gewachsenen Tanne Lichtjahre entfernt. Eine etwas karge Fichte krönte in den meisten Familien den Heiligen Abend – mit sehr viel Lametta, Engelshaar, bunten Christbaumstücken und eingewickelten Zuckerln. Das "Stille Nacht" der Wiener Sängerknaben – Glockengebimmel inklusive – kam aus dem Radio, immer fünf Minuten vor der vollen Stunde. Irgendwann saßen Mutter, Vater, Kinder beim gebackenen Fisch.

Doch schon die Zeit vor Weihnachten hatte einen anderen Takt und Zauber. Weihnachtsbeleuchtung gab es nur in den größeren Einkaufsstraßen, man zog sich zurück, wartete, erwartete – und freute sich, wenn eine weitere Kerze auf dem Adventkranz entzündet wurde. Früher, sagen viele, gab es weniger Kommerz und Kitsch, das verlieh dem Fest seine besondere Magie.
Warum aber verspüren so viele Menschen diese vage Sehnsucht nach Weihnachten "wie es früher einmal war" – besinnlich und einfach? Darüber sprach der KURIER mit der Historikerin, Museumspädagogin und Sammlerin Inge Friedl.

KURIER: Was verstehen Sie denn unter "Weihnachten wie früher"?
Inge Friedl: Ganz einfach: die Umstände. Weihnachten und Advent waren ruhiger, stiller und auch einfacher, weil unser Leben noch bis vor wenigen Jahrzehnten ein ganz anderes war. Das heißt aber nicht, dass Weihnachten damals automatisch schöner war – nur anders. Ohne Einkaufszentren und Amazon mit ihrem überbordenden Warenangebot war das Schenken einfacher: Noch bis in die 1970er-Jahre musste man für Weihnachtseinkäufe in die nächste größere Stadt fahren und selbst in Wien begab man sich (ohne Online-Shopping) zum Beispiel zum legendären Spielzeughändler Kober am Graben. Dadurch und durch die damals meist beschränkten finanziellen Mittel reduzierte sich die Geschenkeflut automatisch. Außerdem: In Zeiten von FS 1 und FS 2, ohne Internet und ohne Handy waren unsere Sinne noch nicht so von äußeren Reizen überflutet wie heute. Es gab früher von allem weniger und das zu einem späteren Zeitpunkt. Weniger von der Weihnachts-Deko, weniger Keksvarianten und viel später Adventbeleuchtung in den Städten.

Die Menschen neigen ja gerne dazu, das Vergangene zu idealisieren. War Weihnachten früher tatsächlich besser?
Wie entsteht Vorfreude? Indem ich etwas ersehne und lange schon erwarte. Warten ist also mit Verzicht verbunden. Nehmen wir als Beispiel die Kekse: Früher galt der Advent als Fastenzeit und Kekse wurden niemals vor Weihnachten verzehrt. Vielleicht schmeckten sie deshalb in unserer Erinnerung so unvergleichlich gut? Wo es doch so schön heißt: Warten erhöht den Genuss!

Was bedeutet Advent im ursprünglichen Sinn, und wie könnte ich mir etwas von dieser Qualität zurückzuholen?
Das ist fast in Vergessenheit geraten. "Advent" bedeutet Ankunft. Für Christen ist es die Zeit der Vorbereitung auf die Geburt Jesu. Es war früher eher eine meditative, dunkle und stille Zeit. Heute hingegen ist der Dezember der hektischste Monat des Jahres. Da innezuhalten und kürzer zu treten, entspricht auch unserer inneren Uhr. Wer im Jahresrhythmus lebt, gönnt seinem Körper und seiner Seele ein bisschen "Winterruhe". Die Wohnung muss nicht perfekt weihnachtlich geschmückt sein und auch das Weihnachtsmenü darf traditionell einfach bleiben. Ich finde, es hilft auch sehr, die alten Bräuche und Gewohnheiten rund um Advent und Weihnachten zu kennen. Sie sind ein wunderbares Mittel, um die Vorweihnachtszeit mit allen Sinnen zu erleben.

Auf welche Bräuche könnte man sich in dieser Zeit besinnen, um tatsächlich wieder mehr Tradition und Ruhe reinzubringen?
Das Wort "Brauch" kommt von brauchen. Überlegen wir uns doch, was wir brauchen und was uns guttut. Ich finde den Rhythmus der vier Adventsonntage schön. Der erste Advent hilft uns, uns einzustimmen. Die nachfolgenden Sonntage – es können auch Samstage sein – geben dem Advent eine schöne feierliche Struktur. Das Anzünden der Kerzen am Adventkranz, verbunden mit einem Lied, Geschichten oder einem Gebet finde ich persönlich als sehr wohltuend. Oder: Aus dem schönen Brauch der Barbarazweige kann man ein Familienspiel gestalten. Jedes Familienmitglied schreibt einen Wunsch auf einen Zettel und befestigt ihn an einem Zweig. Das müssen nicht materielle Dinge sein, sondern Sachen, die man gemeinsam unternehmen kann. Der dessen Zweig zuerst erblüht, dessen Wunsch wird erfüllt.

Braucht der Mensch Rituale, Zyklen, das Wiederkehrende?
Sagen wir es so: der alte Jahreszyklus mit seinen Bräuchen, Festen und Ritualen war für die Menschen wie ein "Geländer", an dem sie sich festhalten konnten. Man wusste was man erwarten konnte und vor allem wann. Gerade das Wiederkehrende und Vertraute macht glücklich. Man weiß dann schließlich, worauf man sich freuen darf. Besonders für Kinder ist ein gesunder Jahresrhythmus mit Festen und Gebräuchen sehr wichtig. Es gibt ihnen Sicherheit und innere Stärke.

Vorweihnachtszeit, Advent, Weihnachten selbst scheinen ja immer mehr ineinanderzufließen – im Grunde haben wir Dauer-Weihnachten unter Dauer-Berieselung.
Alles hat seine Zeit. Und deshalb sollte man nicht im Advent schon Weihnachten vorwegnehmen, sonst geht viel verloren. Früher waren Weihnachten und Advent zwei grundverschiedene Zeiten. Das ging so weit, dass es sogar verpönt war, Weihnachtslieder bereits im Advent zu singen. Wir gewinnen viel, wenn wir uns wieder an diesen alten Rhythmus daran erinnern. Die Dramaturgie auf Weihnachten hin passiert ja im Advent. Es ist im Prinzip die Geschichte, die uns der Adventkranz erzählt: erst eine Kerze, dann zwei, dann drei, dann vier – es wird immer heller, bis alle Lichter am Christbaum erstrahlen. Noch schöner wird die Adventszeit, wenn wir einen klaren Beginn setzen und sie nicht schleichend und undefiniert irgendwann einsetzt.

Viele sind überzeugt davon, dass es früher öfter weiße Weihnachten gab. Wahr oder falsch?
In unserer Erinnerung gab es früher scheinbar immer weiße Weihnachten. Dem bin ich nachgegangen und in vielen Fällen war es wirklich so. Die Wetterdaten der ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik) zeigen, dass zwischen 1951 und 1981 tatsächlich doppelt so oft zu Weihnachten Schnee lag als im Zeitraum von 1981 bis heute. Weiße Weihnachten werden leider seltener.

Auch beim Schenken war einst viel anders. Heute ist Überfluss, zu viel von allem. Wie ginge es anders?
Ein konkreter Vorschlag: Früher war es durchaus üblich, dass Puppen und Teddybären vor Weihnachten zum Puppendoktor gebracht wurden. Die reparierten Spielsachen kamen samt neuer Kleidung am Heiligen Abend als Geschenk wieder zurück. Das ist doch eine wunderbare, nachhaltige Idee. Im Internet findet man heute wieder Puppenkliniken, Holzspielzeug könnte man beim Tischler vorbeibringen und sogar für defektes Elektrospielzeug findet man sicher jemanden, der es reparieren kann. Übrigens: Wer alte Weihnachtsfotos aufmerksam betrachtet, sieht, dass Geschenke oft unverpackt unter dem Christbaum lagen. Ungewohnt, aber durchaus nachahmenswert. Noch eine Anregung: In vielen Familien war es einst üblich, dass Kinder den Eltern nur Selbstgemachtes schenken durften. Das ist doch eine schöne Idee.

Buchtipp: Für ihr Buch "Weihnachten wie’s früher war“ hat Inge Friedl mit Menschen in Stadt und Land sehr persönliche Gespräche über den Advent und die Weihnachtszeit ihrer Kindheit geführt. Sie wollte den alten Weihnachtszauber einfangen. Erschienen im Verlag Styria, €19,90