Leben
19.04.2018

Haarig: Senioren verraten, wie sie sich einst schön machten

War früher alles anders? Überraschendes bei einem Gesprächskreis zur aktuellen Ausstellung im Wien Museum.

Sie hat in jungen Jahren als Fotomodel gearbeitet. Eine ganz haarige Geschichte, wie Traute Molik eröffnet: „Ich hatte immer das Gefühl, dass ich zu wenige Haare habe. Daher habe ich mir so viele verschiedene Perücken zugelegt, dass mich meine Mutter nicht mehr erkannt hat.“

Ein Nachmittag  im Wien Museum. Gut 40 ältere Menschen sitzen um den großen Tisch. Der Historiker und „Biografiearbeiter“ Gert Dressel kann wieder einmal aus dem Vollen schöpfen. Er leitet diesen Gesprächskreis,  zwei Stunden lang, mit unglaublich viel Fingerspitzengefühl. Das Thema des heutigen Gesprächs hat mit der neuen Ausstellung „Mit Haut und Haar“ zu tun (ab Donnerstag – siehe unten).

Das Grauen der Frauen

Von der Perücke ist der Weg nicht weit zu der Frage, ob und ab wann Haare gefärbt werden sollen. „Der Vater hat die Mutter beim Friseur zum Färben angemeldet“, erinnert sich Ulrike Prodinger. „Er wollte keine alte Frau.“

Kopfschütteln bei den jungen Kuratorinnen des Museums, Kopfnicken bei den gleichaltrigen Damen. Eine erzählt sogar, dass ihre Mutter wegen ihrer grauen Haare im Kaffeehaus ordinär beschimpft wurde. Ihre Sitznachbarin fügt hinzu: „Meine Mutter, Jahrgang 1913, hat sich bis 90 die Haare gefärbt, mit der Begründung, dass der Papa das so will.“

Das Grauen der Männer

„So ändern sich die Zeiten“, hält der Sozialhistoriker Günter Müller fest. „Heute liegen graue Haare voll im Trend.“ Müller leitet am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien die Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen.

Aufmerksam folgt er der Wortmeldung von Kurt Puz, der erzählt: „Früher war es undenkbar, dass sich ein Mann die Haare färbt.“ Puz ist einer von nur drei männlichen Teilnehmern, die am Gesprächskreis teilnehmen. Heute muss bzw. kann er seine Haare nicht mehr färben, fügt er mit einem Schmunzeln und einem Hinweis auf sein kahles Haupt hinzu.

Auch sein Kollege Gerhard Riemer wird vom Gesprächsleiter eingeladen, seine Erfahrungen preis zu geben. Er sagt ganz offen: „Die Damen haben ja manchmal sehr bizarre Vorstellungen, wie wir Männer aussehen sollen. Daher ziehe ich besser das an, was meine Frau für gut befindet.“ Kluger Mann oder Pantoffelheld? Auf die Frage an die anwesenden Frauen, wer sich um das Outfit ihrer Partner gekümmert hat bzw. kümmert, hebt die überwiegende Mehrheit die Hand.

Und dann war da noch die spannende Frage, wie die Eltern seinerzeit mit den Eskapaden ihrer pubertierenden Kinder umgegangen sind. Die Antworten überraschen. Offensichtlich war früher nicht alles automatisch strenger. Eine Teilnehmerin erinnert sich: „Mein Vater war toleranter als meine Mutter. Er war nur einmal sauer: Als ich meine Kunstwimpern in seinem Stamperlglas geparkt habe.“

Und ab wann haben sich die jungen Frauen seinerzeit geschminkt? Auch nicht viel später als die heutigen. Notfalls im Stiegenhaus, damit es Papa und Mama nicht mitbekommen haben. Wird erzählt. Oft haben Nachbarn die soziale Kontrolle ausgeübt. Im Gemeindebau auch mit derben Zuschreibungen.

Der Duft der Rosen

Was in den zwei Stunden im Museum beeindruckt, ist die Disziplin und das entspannte Gesprächsklima. Nur selten ufert jemand in seiner Erinnerung aus. Wer am Wort ist, darf damit rechnen, dass ihm ausreichend Aufmerksamkeit geschenkt und nicht ins Wort gefallen wird.

Isabel Termini-Fridrich, die im Museum gemeinsam mit Kollegen für die Vermittlung von Ausstellungsinhalten zuständig ist, fragt zwischendurch in die Runde, wer noch zu Hause alte Düfte lagern hat. Etwa das weiterhin gerne zitierte „4711“, Rosenwasser oder Veilchendüfte.

Beim nächsten Termin Ende April werden die Teilnehmer des Gesprächskreises die neue Ausstellung besuchen. Und beim übernächsten Termin wird Gert Dressel gemeinsam mit der Gruppe und den Museumsverantwortlichen ein neues Thema aufs Tapet bringen.

Bereits seit dem Jahr 2005 ist der Gesprächskreis aktiv. Und es hat nicht den Anschein, dass das aktive Interesse daran schwindet. Ganz im Gegenteil, man überlegt sogar einen Aufnahmestopp.

„Mit Haut  und Haar“

Die neue Ausstellung im Wien Museum: „Mit Haut und Haar. Frisieren. Rasieren. Verschönern“ ab 19. April 2018 (bis 6. Jänner 2019).  

Der Gesprächskreis bringt seit einigen Jahren Zeitzeugen, die gerne zu  Ausstellungsthemen Persönliches beitragen, im Wien Museum an einen Tisch.

Alle Infos unter: www.wienmuseum.at