Die Mädchen von der Spargruppe backen einmal pro Woche Brot und Gebäck, das sie dann verkaufen und sparen.

© Plan International

Guatemala
10/11/2013

"Wir Mädchen wehren uns gegen die Machos"

Reportage: Bildung ist das Zauberwort. Maya-Mädchen, die in die Schule gehen, sind selbstbewusst, kennen ihre Rechte und fordern sie auch ein. Das Kinderhilfswerk „Plan International“ hilft ihnen dabei.

von Maria Gurmann

Über Stock und Stein führt der Weg zu dem kleinen Bergdorf San Jorge. Kein Auto weit und breit. Nur der Geländewagen der Kinderhilfsorganisation „Plan International“ rumpelt im Schritttempo durch den tropischen Regenwald. Der Nebel zwischen den Pinien lichtet sich. Geschickt weicht ein kleiner Bub den Wasserlacken aus, auf dem Kopf trägt er Mais.

Armut

25 Tage im Monat regnet es im Hochland. Alta Verapaz zählt zu den ärmsten Regionen Guatemalas. 90 Prozent der Einwohner hier sind Maya, die Kekchí sprechen, ihre Landessprache, Spanisch, aber nicht. Es gibt zu wenige Schulen, die zweisprachigen Unterricht anbieten. Tief verwurzelt ist die Diskriminierung der indigenen Bevölkerung. Vor allem im Bildungsbereich: 23 Prozent der Maya gehen gar nicht zur Schule, knapp jedes zweite Maya-Mädchen schließt die Grundschule ab.

Die zweisprachige Volksschule von San Jorge ist eines der vielen Kinder-Projekte, die „Plan“ initiiert und unterstützt. Mit dem „Weltmädchentag“ am 11. 10. und der Kampagne „Because I am a Girl“ setzt sich die Organisation für die Rechte der Mädchen ein.

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Mit 14, 15 heiraten die Maya-Frauen, mit 24 hängen schon vier, fünf Kinder an ihren Rockzipfeln. Sie sollen es einmal besser haben. Nicht mehr ein kleines Holzbett ohne Matratze mit Geschwistern teilen müssen. Nicht mehr eine zehnköpfige Familie vom Drei-Euro-Tageslohn ernähren und nicht mehr auf Schulbildung verzichten müssen. Deshalb engagieren sich viele dieser Mütter in der Schule von San Jorge und lernen, wie man sich gesund ernährt. „Je niedriger der Bildungsgrad der Eltern, desto häufiger sind die Kleinkinder unterernährt“, erklärt Miguel Vargas von „Plan Guatemala“.

Erfolgsgeschichten

Voll Freude empfangen die Kinder die „Plan“-Mitarbeiter. In jeder Klasse hängen ein Kamm, ein Spiegel und ein Nagelzwicker. „Das zählt zu einem unserer Hygieneprojekte“, sagt Miguel, der sich über Erfolgsgeschichten freut. Wie die der 16-jährigen Nancy, die um ihre Rechte kämpft, oder des 18-jährigen Edgar, der dem „Machismo“ abgeschworen hat (siehe Berichte rechts).

Einen großen Unterstützer ihrer Projekte fand das Kinderhilfswerk auch im Bürgermeister von San Pedro Carchá. Victor Hugo setzt sich für seine indigenen Mitbürger ein, unterstützt die Jugend-Radiostation und lässt ein Mal im Monat ein Kind Bürgermeister sein.

„Leider gibt es aber auch unbelehrbare Familien, die fünf bis zehn Kinder bekommen, die sie nicht in die Schule schicken und die am Ende wieder als Taglöhner in den Plantagen landen und ihre Rechte nicht einfordern, weil sie diese mangels Bildung gar nicht kennen“, sagt Miguel.

So wie Maria Bolvito. Zehn Kinder, keines von ihnen besuchte mehr als drei Jahre eine Volksschule. Ihr jüngstes Mädchen (12) kennt ihren Vater nicht. „Er ist, wie zwei meiner Söhne, mit Schleppern in die USA gegangen und schickt uns immer Geld.“ Marias ältere Töchter stehen hochschwanger vor dem Holzfeuer und formen Tortillas. Wovon sie träumen? „Vom Auswandern nach Amerika.“ Und das Baby? „Bleibt hier bei der Mutter.“

Plan International

Die Kinderhilfsorganisation setzt die Spendengelder in 50 Ländern weltweit für etliche Projekte ein. In Bildung – das beste Mittel gegen Kinderarmut –, in Familien- planung, Gesundheit, Schutz der Kinder vor Gewalt und Missbrauch.

Weltmädchentag am 11.10.2013
Eine Initiative von Plan-International

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Plan International
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Nancy, 16: "Ich möchte im Ausland studieren"

Nancy ist Schulsprecherin ihrer Mittelschule, macht eine Radiosendung, engagiert sich für die Rechte der Frau und hilft im Haushalt mit„Mädchen haben die gleichen Rechte wie die Burschen und wenn das überall auf der Welt beherzigt würde, dann wäre die Welt viel gerechter.“ Die 16-jährige Nancy, älteste Tochter eines Bauern, der auf seinen fünf Hektar Bergland Mais und Kaffee anbaut, weiß, was sie will.

Vilma, ihre 35-jährige Mutter, unterstützt sie dabei. „Wir müssen hart arbeiten, um uns das Haus und die Schulsachen für die Kinder leisten zu können.“ Mit 30 Quetzales pro Tag (ca. 3 €) kommen sie durch, weil Domingo, ihr Mann, ein Auto besitzt, mit dem er sich als Kleinspediteur ein Zubrot verdient.
„Ich danke Gott dafür, dass wir eine Tochter haben, die so klug ist“, sagt die katholische Mutter. Dass sie „nur“ drei Kinder bekam, „war meine Entscheidung. Ich habe sieben Jahre verhütet. Mein Mann war damit einverstanden“, sagt die Mutter von drei Mädchen. Das jüngste stillt sie gerade. Nancy solle keinesfalls vor 24 heiraten und den gleichen Fehler wie sie machen. „Meine Großeltern haben gesagt, es sei an der Zeit, dass ich heirate“, erzählt Nancy. „Das ist für mich keine Option. Jetzt verstehen sie aber, dass man ohne Bildung niemals aus der Armut herauskommt."

Viele Kilometer und Stunden legt die Schulsprecherin jeden Tag zurück, um ihre vielen Ämter bewältigen zu können. Sie leitet den Kindergottesdienst und ist Präsidentin der Spargruppe, die wöchentlich Brote bäckt und sie um ein paar Quetzales verkauft. „Damit kann ich mir Schulsachen kaufen.“ Nancy macht mit ihren Freundinnen wöchentlich eine Radiosendung für Jugendliche, in der sie über die Rechte der Mädchen aufklären. Alles Projekte, die „Plan“ unterstützt und fördert.

Unglaublich ist der Tagesablauf der Teenagerin. Um fünf Uhr steht sie auf, macht Feuer, wäscht sich, bäckt 50 Tortillas – die Tagesration für die Familie –, kümmert sich um die kleinen Geschwister, bevor sie zu den Terminen ihrer verschiedenen Gruppen geht. Alles natürlich zu Fuß. Ihr Unterricht beginnt erst um 13 Uhr. Am Vormittag sind die Volksschüler in den Klassen. Wegen Lehrermangels gibt es pro Klasse nur einen Lehrer für alle Gegenstände. Unterrichtet werden die Schüler der Tele-Secundario von einem Flachbildschirm, auf dem der Lehrer via DVD unterrichtet.

„Erst nach dem Abendessen gehe ich in mein Zimmer und mache meine Hausaufgaben. Vor 23 Uhr komme ich nie ins Bett,manchmal wird es auch später. Mir reichen 24 Stunden nicht“, sagt sie und lacht.
Nach der Matura möchte Nancy im Ausland studieren und wieder in ihre Heimat zurückkehren. Wie muss ihr Traummann sein? „Auf keinen Fall darf er eifersüchtig sein. Ich habe eine Freundin, deren Mann ihr verbietet, das Haus zu verlassen.“ Guatemaltekische Männer unterdrücken oft ihre Frauen. „Sie sind Machos, missbrauchen ihre Kinder und schlagen ihre Frau“, sagt Nancy. „In meiner Familie Gott sei Dank nicht.“

Edgar, 18: "Ich bin kein Macho mehr"

„Ich habe früher vulgär gesprochen", sagtEdgar, 18.Aus einem frechen Burschen wurde ein liebevoller junger MannEin Mal im Monat besucht Edgar die Burschengruppe „Helden von heute“, ein Projekt, das „Plan“ initiierte. Männliche Jugendliche zwischen 14 und 18 lernen dort in Workshops, dass Gleichberechtigung zwischen Burschen und Mädchen nicht unmännlich sein muss

„Früher habe ich wie alle Jungen, vulgär über Mädchen gesprochen. Wir haben sie nicht respektiert, weil die Frauen in den meisten Familien unterdrückt werden“, erinnert sich der 18-Jährige, der die Grundschule nach drei Jahren abbrach, weil er seinem Vater bei der Feldarbeit helfen musste. Jetzt verdient sich Edgar ein bisschen Geld als Tuk-Tuk-Fahrer damit er die Schulausbildung abschließen kann.

„Die jungen Burschen nehmen auch einen Fußmarsch von zwei bis drei Stunden in Kauf, nur um bei unseren Workshops dabei zu sein“, erzählt Victor Martinez, Sozialarbeiter der Jungengruppe. Heute zeigen die Burschen mit einem Handpuppenspiel, wie es in vielen Maya-Familien zugeht: Der Vater beschimpft die weinende Mutter, schlägt die Kinder, wenn sie sie verteidigen wollen. Mit einem Freund versäuft er seinen Wochenlohn in der Kneipe und lacht sich ein Mädchen an. Betrunken kehrt er heim, randaliert, schlägt die verängstigten Kinder und missbraucht im traurigsten Fall auch die Tochter.

Edgar und seine Eltern sitzen vor ihrem Haus und erzählen ihre Familiengeschichte. „Früher dachte ich, wenn man kein Macho ist, wird man als unmännlich bezeichnet“, sagt Edgar, der seiner Mutter beim Wäscheaufhängen hilft und sich auch liebevoll um seine drei jüngeren Brüder kümmert.

Edgars Vorbild ist sein Vater. Julio Arelso (50) hält den eineinhalb Jahre alten Sohn Elvis in der Hand und blickt zu Boden. „Ich schäme mich. Früher habe ich das ganze Geld für Alkohol ausgegeben. Ich habe es meinen Kindern weggenommen.“ Er wischt sich Tränen aus den Augen und erzählt, dass er vor sieben Jahren die protestantische Kirche entdeckt habe. Seither trinke er keinen Tropfen mehr.
„Er ist ein liebevoller Mann geworden“, sagt seine Frau Rosalidia (37) zufrieden und hofft, dass der „Machismo“ in Guatemala durch respektvolle Burschen wie ihre Söhne eines Tages unmodern wird.

„Kinder haben Recht auf Ausbildung“Interview. Roland Angerer, „Plan International“ Regional-Direktor Der Oberösterreicher Roland Angerer interessierte sich schon während des Publizistik-Studiums für Entwicklungshilfe. Seit drei Jahren ist er Direktor von „Plan“ Lateinamerika und der Karibik (12 Länder). Er lebt mit seiner Familie in Panama.

KURIER: Wie viele Kinder betreut „Plan“ in diesen Ländern?

Roland Angerer: Wir erreichen ungefähr 3,5 Millionen Kinder. Dafür haben wir 2000 Mitarbeiter. Wir arbeiten in 5000 Gemeinden in schwer erreichbaren Regionen.

Es gibt wenige sehr reiche, dafür viele arme Familien ...

Ja, die Mittelschicht fehlt trotz Wirtschaftswachstum.

Was sind die Gründe für dieses Ungleichgewicht?

Es fehlt an Bildung und es fehlt an Gleichberechtigung. Die Menschen afrikanischen Ursprungs, die vor 200 Jahren als Sklaven ins Land kamen, sind massiv benachteiligt. Die indigene Bevölkerung, wie in Guatemala, ebenfalls.

Welche Aufgaben hat sich „Plan“ zum Ziel gesetzt?
Recht auf Gesundheit und Überleben, Recht auf Ausbildung und Schutz vor Gewalt und Ausbeutung. Und wir wollen, dass Jugendliche mitentscheiden.

„Plan International“ ist weltweit eines der größten Kinderhilfswerke. Welches Budget steht für Lateinamerika zur Verfügung?
100 Millionen Euro pro Jahr. In Lateinamerika leben 300 Millionen Kinder, die Hälfte von ihnen in Armut.

Warum ist die Mangelernährung in Guatemala so hoch?
Die indigene Bevölkerung ernährt sich hauptsächlich von Mais und Bohnen. Deshalb bieten wir schon für Vorschulen Ernährungs- und Gesundheitsprogramme an. Die Mütter lernen, wie sie mit Gemüse und Obst, das sie selber anbauen können, gesund kochen.

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