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Größe 42: Das soll Plus Size sein?
10/02/2016

Größe 42: Das soll Plus Size sein?

Es geht rund in der Plus-Size-Welt: ein Fernsehsender castet Models mit Übergrößen, auf den Laufstegen der Fashion Weeks zählen kurvige Frauen mittlerweile zum Standard. Doch der Hype um die neue Weiblichkeit hat seine Tücken.

von Julia Pfligl

Dort, wo vor Jahren die erste Werbung für einen Push-up-BH Autounfälle verursachte, sorgte nun die Leuchtreklame einer US-amerikanischen Textilkette für Gesprächsstoff. Auf dem New Yorker Times Square posierte jüngst ein Model, das nicht unbedingt dem Image des Unternehmens entsprach: Die Frau war nicht mager, sondern mollig – und befand sich in bester Gesellschaft. Etwa zeitgleich stöckelte eine Reihe kurviger Mannequins über den Laufsteg der New York Fashion Week, um Dessous zu präsentieren. Und ein paar Tausend Kilometer weiter westlich wurde eine Frau mit Größe 40 zur Vize-Miss-Italy gekürt.

Neu ist der Kurven-Kult nicht – doch jetzt erreicht er eine Domäne, die bisher Heidi Klum und ihren Mager-Teenies vorbehalten war: Modelshows im Fernsehen. Der deutsche Privatsender RTL 2 sagt ProSieben den Kampf an und castet ab kommender Woche (jeden Mittwoch um 20:15 Uhr) Nachwuchsmodels mit "gesunden Rundungen". Mit "Curvy Supermodel" wolle man zeigen, "dass sich Schönheit nicht mit dem Maßband messen lässt", heißt es in der Presseaussendung. Und überhaupt: Der Markt wachse rasant, immer mehr Modemarken produzierten Kleidung in Übergrößen.

Kollektionen für kräftigere Frauen

Damit hat RTL 2 nicht unrecht. Seit Anfang 2014 gibt es etwa "Violeta", die Plus-Size-Linie des spanischen Textilriesen Mango. Auch H&M, Asos oder Forever 21 haben eigene Kollektionen für kräftigere Frauen – die schicke Wiener Boutique "Grandios" verkauft seit diesem Sommer ausschließlich Kleidung in Übergrößen.

Sie alle rühmen sich damit, die natürliche Vielfalt weiblicher Figuren zu promoten – ein Hype, der weltweit unter dem Stichwort "Body Positivity" firmiert und von ungeschminkten Filmdiven bis zum Social-Media-Trend "Mermaid Thighs" (kräftige Oberschenkel in der Form einer Meerjungfrauenflosse) reicht. So weit, so löblich.

Wo Übergröße beginnt

Wäre da nicht ein Problem: Als Plus Size gilt in der Branche, was keine Größe 38 mehr ist. Im Übergrößen-Shop "Grandios" wird etwa Kleidung ab Größe 40 angeboten, bei Mangos "Violeta" ebenfalls. "Gut so", unkte Die Welt mit Blick auf Mango-Plus-Size-Model Robyn Lawley: "Sonst wäre ihr die Kleidung womöglich zu groß gewesen."

Auch die Linzer AgenturVisage Modelsbestätigt auf Nachfrage des KURIER, alle Models ab Konfektionsgröße 40 in der Plus-Size-Kategorie zu führen. "38erinnen" hätten gerade noch die Chance, für wenig glamouröse Kataloge zu modeln. Dem vor allem bei jungen Frauen beliebten Onlineshop Asos wurde der Diversity-Trend zum Verhängnis: Unter dem Instagram-Werbefoto eines vermeintlichen Übergrößen-Models häuften sich wütende Kommentare der Kundinnen. Allgemeiner Tenor: Das Kleid sei schön, aber das Model nicht annähernd Plus Size. Asos sah sich zu einer Entschuldigung gezwungen.

All das ist umso verwunderlicher, da die Durchschnittsfrau in den vergangenen Jahren größer und breiter geworden ist: vier Zentimeter mehr bei der Taille, 2,3 beim Brustumfang. Das ergab die groß angelegte Studie "Size Germany" aus dem Jahr 2009. In Österreich trägt fast die Hälfte der Frauen Konfektionsgröße 40. Was die Industrie als Plus Size bewirbt, ist also schlicht Durchschnitt.

Frustrierte Kunden

Wenig überraschend scheint da das Ergebnis einer weiteren Studie: Sie fand heraus, dass Kunden frustriert sind, wenn sie vom Mainstream-Modemarkt ausgeschlossen werden. Ja, Frauen mit Konfektionsgröße 40/42 freuen sich über eine erweiterte Auswahl an modischer Kleidung. Aber sie wollen nicht zwangsweise mit dem Label "Plus Size" gebrandmarkt werden.

Findet auch Zach Miko, einziges männliches Übergrößenmodel bei einer renommierten Agentur (IMG). Im Interview mit dem Guardian wehrt sich der 109 Kilo schwere US-Amerikaner gegen die Bezeichnung "Plus Size". Er bevorzuge "brawn", das englische Wort für "Muskelkraft" und laut Miko das geeignete Pendant zu "curvy". "Solange wir das Wort ‚Plus‘ verwenden, haben die Leute das Gefühl, nicht normal zu sein", sagt er. Und spricht damit vielen Menschen aus der Seele – vor allem jenen, die "kräftig" oder "kurvig" sind.

Hotpants? Warum nicht!

Auf www.mangobluete.com bloggt die Wienerin Anna (30) nicht nur über Reisen und Lifestyle, sondern auch über Plus-Size-Mode. Sie selbst trägt Größe 48 – noch.

KURIER: Seit Kurzem berichten Sie von Ihren Abnehmplänen. Spießt sich das nicht mit einem Plus-SIze-Blog?

Anna: Ich liebe Mode und will all die schönen Kleider tragen, die Designer leider nur bis Größe 42/44 herstellen. Dazu kam, dass ich unzufrieden mit meinem Körper war, ich fühlte mich schlapp und antriebslos. Mit meinem Blog will ich erreichen, dass sich Frauen in jeder Körpergröße gut fühlen und sich mehr trauen. Ich versuche, viele verschiedene Outfits zu zeigen, Kleider, Badeanzüge, High Heels, enge Jeans. Keine Säcke mit Arm-Löchern, die es in Übergrößengeschäften meist zu kaufen gibt. Man muss sich nicht von Kopf bis Fuß in einen Umhang hüllen.

Ist es nicht problematisch, leicht mollige Frauen als Plus Size zu deklarieren? Ja, das ist ein Problem. Offiziell fängt Plus Size bei 42 an – eine Größe, die jede zweite Frau auf der Straße hat. „Regular Size“ wäre der bessere Ausdruck. Wenn normal schlanke Frauen für Plus-Size-Mode werben, kann ich mir nur an den Kopf fassen. Kein Wunder, dass junge Frauen ein falsches Körperbild bekommen. Das trägt nicht dazu bei, dass man sich wohler fühlt, sondern verursacht Unsicherheiten und Komplexe.

Wo steht die Modewelt in puncto Plus Size heute? Es tut sich einiges, aber es ist noch nicht optimal. Es gibt mehr Plus-Size-Models auf den Laufstegen, mehr durchschnittliche Körper in der Werbung, Barbies in allen Farben und Formen. Ich wünsche mir, dass es mehr hübsche Kleidung in allen Größen zu kaufen gibt – die Auswahl ist immer noch mau, die Qualität schlecht.

Was ist Ihr Modetipp für Frauen mit Übergröße? Passform ist alles! Ab zum Schneider und die Hose anpassen oder den Blazer enger nähen lassen. Sich trauen, neue Schnitte auszuprobieren. Off-Shoulder-Oberteile stehen z. B. jeder Frau – sie sind sinnlich und zaubern eine schlanke Silhouette. Aber das Wichtigste: tragen, worin man sich wohl fühlt. Wenn es Hotpants sind – warum nicht?

Kann eine Plus-Size-Modelshow das Selbstbewusstsein molliger Frauen stärken? Das kommt darauf an. Wenn eine Größe 42 gewinnt, wird das Gegenteil erreicht. Ich kann mir vorstellen, dass es dann einen Shitstorm geben könnte.

In der Show berichten die Kandidatinnen von den Erfahrungen, die sie mit ihrer Figur gemacht haben. Was sind Ihre? In der Schule wurde ich zum Glück nie gemobbt. Mit Anfang 20 wurde ich einmal von einem älteren Herren auf der Straße beleidigt, als ich im Gehen Himbeeren aß. Er kam mir entgegen und sagte nur „fett!“. Da rutschte mit ein „alt!“ heraus, und ich ging einfach weiter.

Kaiserin Sisi

Schnüren bis zur Wespentaille: Bis zum Ersten Weltkrieg verließ keine Dame ohne Korsett das Haus.

Marilyn Monroe

Runde Formen waren nach den Hungerjahren des Kriegs das Körperideal in den 1950ern – nicht nur in Hollywood.

Twiggy

Bye-bye, Busenwunder wie Sophia Loren. In den 60ern waren androgyne Typen gefragt – allen voran Model Twiggy („Zweiglein“).

Cindy Crawford

Die 80er waren die Zeit der Supermodels mit schönem Gesicht und Traumkörper mit weiblichen Kurven.

Kate Moss

In den 90ern waren wieder abgemagerte Frauen in. Der Heroin-Look ist geboren – Models, die aussehen wie Straßenkinder.

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