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Leben Gesellschaft
12/22/2021

Zwischen den Jahren: Der Zauber der Raunächte

Die Tradition des Räucherns geht bis ins Mittelalter zurück: Ethnologin Helga Maria Wolf und Dompfarrer Toni Faber über das Ritual.

von Ute Brühl

Nein, christliche Feiertage sind die Raunächte nicht. Und dennoch sind sie Teil der christlichen Tradition, insbesondere im alpinen Raum. Für Toni Faber, Dompfarrer in St. Stephan in Wien, ist es wenig verwunderlich, dass sich gerade rund um Weihnachten Rituale entwickelt haben. „Die Menschen laden schon sehr lange besondere Naturgegebenheiten mit einem christlichen Sinn auf.“

Ein solches Naturereignis war erst vor kurzem – der 21. Dezember, der Thomastag. Er war der kürzeste Tag des Jahres. In manchen Regionen, insbesondere in Tirol und Bayern, beginnen da die Raunächte. „In anderen Gegenden geht es hingegen erst am Weihnachtstag, dem 25. Dezember los. Sie enden dann am Dreikönigstag“, sagt Ethnologin Helga Maria Wolf.

Der Mann voran

In diesen Raunächten ist es Tradition, Haus und Hof auszuräuchern. Manche tun das nur einmal, manche mehrere Male in diesen Tagen, einige räuchern nur im Haus, andere gehen auch rund herum. Macht man es so, wie es Tradition ist, schreitet der Mann betend voran, trägt dabei Pfanne oder Schaufel, in die er Glut gegeben hat, dazu Weihrauch und geweihte Kräuter oder Teile des Palmbuschs. Begleitet wird er dabei von Frau und Kind, die oft noch Weihrauch schwenken.

Jede Region hat so ihren eigenen Brauch, weiß die Ethnologin. Ein Salzburger Spruch in den Raunächten lautet etwa: „Glück herein, Unglück hinaus“. In Tirol stellten sich alle Hausleute im Kreis auf und erhielten einzeln den Rauchsegen.

Seit dem Spätmittelalter

So oder so ähnlich geschieht das im alpinen Raum schon seit dem Spätmittelalter. Woher der Brauch stammt, könne man heute nicht mehr sagen: „Ich glaube nicht, dass er von den Kelten oder Germanen kommt, wie oft gesagt wird. Schließlich gibt es das Christentum schon zweitausend Jahre – und da haben sich auch manche Rituale entwickelt.“

Was auffällt: „Es zieht nicht der Priester durch das Haus, sondern die Familie“, sagt Wolf. „Mit dem Ritual will man so Haus und Hof reinigen – es soll Segen bringen und gleichzeitig Unheil abwehren.“

Dämonen austreiben

Für den Theologen Toni Faber geht es dabei durchaus auch darum, „die Dämonen in uns selbst auszutreiben. Es ist ja die Jahreszeit, die uns depressiv macht, weil die Nächte so lang sind und es draußen so kalt ist. Da wird man schnell heruntergezogen, wehleidig und auch ein wenig ich-bezogen.“

Wohl ein Grund, warum die Kirche Teil dieser Tradition wurde – zumindest am Ende der Raunächte: „Rund um die Heiligen Drei Könige werden Kreide, Kohle und Weihrauch gesegnet. Mit der gesegneten Kreide werden am 6. Jänner die Häuser gesegnet. Und mit der Kohle werden die Häuser zum Abschluss der Raunächte ausgeräuchert“, erzählt Faber.

Keine Wäsche

Historisch galten die Raunächte als unfallträchtig, erzählt Helga Maria Wolf. „Es bestanden Arbeitsverbote für Tätigkeiten wie Holzspalten, Pferde beschlagen, Forstarbeiten oder Schlachten. Man sollte auch keine Wäsche waschen bzw. zum Trocknen aufgehängt lassen.“

Manches Ritual hat sich bis heute erhalten. Wolf bevorzugt übrigens die Schreibweise „Rauhnächte“ und nicht „Raunächte“: „Das Wort kommt wohl von Rauch“, begründet sie das. Eine andere Erklärung ist, dass es sich von dem mittelhochdeutschen Wort „rûch“ herleitet, das „haarig“ bedeutet und sich auf raue, bockfüßige Dämonen bezieht, die in diesen Nächten ihr Unwesen treiben.

Als Ethnologin kennt sie noch weitere Bräuche rund um die Raunächte. Eines ist die Maulgabe, die das Vieh am Heiligen Abend, zu Silvester und Dreikönig erhielt: „Die Bäuerin schnitt für jedes Tier zwei fingerdicke Scheiben einer schönen Rübe und versah diese mit Dreikönigssalz und je drei Weidenkätzchen vom Palmbuschen.“

Schamanen

Viele Menschen knüpfen wieder an die Tradition der Raunächte an oder interpretieren sie neu – darunter Esoteriker, Energetiker, Schamanen oder Yogis. Manche machen daraus ein Geschäft und bieten passende Kurse an, dabei auch ausgefallene wie „Rauhnächte mit deinem Tier erleben“. Andere wollen die innere Kraft in uns wecken.

Wie auch immer, Dompfarrer Toni Faber ärgert das in keiner Weise. Er bezeichnet dies stattdessen als „Angebot von interessanten Mitbewerben“.

Es gibt  Wege des Räucherns, ohne dass sofort der Rauchmelder anspringt: Das Dufträuchern auf dem Stövchen ist in der kalten Jahreszeit  sehr beliebt.
Dieses Stövchen ähneln einer Aromalampe, besitzt aber anstatt der Schale fürs Wasser und den ätherischen Ölen ein feines Metallsieb als Auflagefläche. Geheizt wird in der Regel mit einem Teelicht. „Grundsätzlich kann jeder Pflanze und jeder pflanzliche Bestandteil und auch jeder Pilz verraucht werden“, schreiben Sabine Eilmsteiner und Elisabeth Nussbaumer in ihrem Buch „Magisches Dufträuchern“ (siehe unten).
 Eine beliebte Kräutermischung  ist die „Weihnachtserinnerung“: Man  nimmt drei  Teile Tannenreisig,  je einen Teil Zimtstange und  Gewürznelke.  Zuerst bricht man das Reisig in kleine Stücke, fügt Zimt  und Nelken hinzu und zerkleinert alles grob im Mörser. Nimmt man  Zimt- und Nelkenpulver, gibt man den Mix nicht auf das Stövchensieb, sondern auf einen Räucherteller. 

Buchtipp: Sabine Eilmsteiner, Elisabeth Nussbaumer: "Magisches Dufträuchern 111 Wohlfühlaromen für das Stövchen aus Küche, Garten und Wald", 160 Seiten, Kneipp Verlag Wien, 22 Euro

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