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Leben Gesellschaft
11/13/2021

Warum Kinder nicht ständig die freie Wahl haben sollten

Generation lebensunfähig? Forscher Rüdiger Maas erklärt, was bei den unter 20-Jährigen derzeit schiefläuft.

von Laila Docekal

Sie können immer weniger mit Rückschlägen umgehen, Konflikten weichen sie aus und Dinge merken müssen sie sich sowieso nicht – immerhin lässt sich ja alles schnell im Handy nachschauen. Bei den unter 20-Jährigen läuft einiges schief und Generationenforscher Rüdiger Maas hat sich in seinem Buch „Generation lebensunfähig. Wie unsere Kinder um ihre Zukunft gebracht werden“ (Yes Verlag) auf Spurensuche begeben. Der Buchtitel rüttelt auf, macht betroffen und wirft Fragezeichen auf.

Einerseits haben Kinder heute den Vorteil, dass sie sich in der digitalen Welt besser zurechtfinden als ihre Eltern. Maas spricht sogar davon, dass das Küken der Ente hinterherläuft statt umgekehrt. Allerdings drängt sich eine problematische Entwicklung auf: „Die analoge Welt wird immer schmaler. Es gibt vieles, was Kinder in der analogen Welt bewältigen müssen, etwa Rückschläge oder Liebeskummer – aber sie werden immer weniger mit Bewältigungsstrategien und Resilienz ausgestattet. Das führt dazu, dass man sich immer mehr ins Digitale zurückzieht.“

Gut gemeint ist nicht gut

Die Wurzel des Problems liegt meist in zu gut gemeinter Fürsorge: „Den Kindern werden im Alltag viel zu viele Dinge abgenommen, die sie selbst können. Den Eltern ist das oft gar nicht bewusst.“ Die Beispiele reichen vom Pusten der heißen Suppe bis zum Chauffeurdienst zu Schule und Freunden. Das Bedürfnis, dem Nachwuchs jeden Wunsch zu erfüllen, bewirkt inzwischen das Gegenteil: Im Rahmen einer aktuellen Studie fand Maas heraus, dass die unter 20-Jährigen heute die unglücklichste Altersgruppe sind.

Weniger ist mehr, ist also die Devise – und das gilt genauso in Bezug auf Freizeitaktivitäten: „Man überhäuft die Kinder mit extrem vielen Aktionen. Stattdessen sollten Kinder Möglichkeiten bekommen, selbst zu spielen, sich selbst zu überlegen, was sie als Nächstes machen wollen.“

Eltern oder Freunde?

Auch das ständige Bemühen, lieber beste Freunde auf Augenhöhe zu sein als Eltern, die auch einmal Nein sagen oder Kritik äußern, führe Kinder in die Unselbstständigkeit. „Oft sind Eltern zu kompromissbereit und zu ungeduldig“, erklärt Maas: „Sie wollen schnell in die Arbeit – dann geht das Kind mal mit T-Shirt in den Kindergarten und man drückt dem Erzieher die Jacke in die Hand.“

Ständig die freie Auswahl zu haben, führt nicht zuletzt dazu, dass Kinder sich später umso mehr nach Struktur und festen Regelungen sehnen. „Deshalb haben die Jugendlichen die Corona-Maßnahmen nicht so hinterfragt, weil ihnen die Maßnahmen Struktur gegeben haben“, erklärt Maas.

Diese Struktur werde dann auch im Arbeitsleben eingefordert – statt flexibler, selbstständiger Arbeit sehnen sich Junge zunehmend nach fixen Vorgaben. „Das bedeutet, wenn ich Mittagspause oder Feierabend habe, arbeite ich nicht mehr. Das wird in gewissen Berufsgruppen noch ein Thema werden.“

Druck rausnehmen

Maas appelliert an Eltern, sich selbst den Druck zu nehmen und darauf zu setzen, was sie selbst als Kinder gut fanden. In Bezug auf die digitale Welt sei es wichtig, Kinder nicht sich selbst zu überlassen: „Das Absurde ist, wir protegieren die Kinder in der analogen Welt, aber in der digitalen klinken wir uns aus. Man muss mit dem Kind sprechen, was es sich wie lange anschaut und sich mit dem Kind gemeinsam damit beschäftigen, damit ich da eine Bindung aufbaue.“

Im Endeffekt soll das analoge Leben genauso trainiert und beherrscht werden wie das digitale. „Dazu gehören Dinge wie Konflikte selber lösen oder auf Leute zugehen, die ich nicht kenne. Und sich mal zurechtzufinden, ohne nachzuschauen.“

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