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Leben Gesellschaft
04/11/2022

Tiercoach: Kaninchen mit Schlappohren haben häufig Schmerzen

Die Qualzucht verursacht meist chronische Entzündungen und hindert die Haustiere daran, mit Artgenossen zu kommunizieren.

von Hedwig Derka

Ob auf Wiesen oder am Waldrand, über Äcker oder im Garten – die Hasenartigen sind unterwegs: Während die großen Feldhasen lange Löffeln mit schwarzen Spitzen haben, sind die kleineren Wildkaninchen mit deutlich kürzeren, einfarbigen Ohren ausgestattet. Über die Lauscher des Osterhasen ist nichts bekannt, bei den Haustieren dagegen gibt es verschiedenste Zuchten.

Qualzucht Widder

„Widder nennt man Kaninchenrassen mit seitlich am Kopf herabhängenden Ohren. Das ist absolut abzulehnen“, sagt Zoodoc Katharina Reitl. Der KURIER-Tiercoach erklärt, wie dieses Merkmal die Gesundheit belastet und die innerartliche Kommunikation stört.

Schwere Ohrenentzündungen folge von Knorpelschädigung

„Schlappohren führen fast immer zu chronischen Entzündungen“, sagt Reitl. Die angezüchtete Schwachstelle im Knorpel verursacht einen Knick. Es dringt kaum Luft in die Gehörgänge, die Selbstreinigung ist ebenfalls eingeschränkt. Keime treffen auf günstige Bedingungen. Das Ohr entzündet sich – oft bis ins Mittelohr mit Zerstörung des Trommelfells. Im schlimmsten Fall sind Innenohr und Gehirn betroffen.

Extrem schmerzhaft

„Eine Ohrenentzündung, vor allem des Mittelohrs, ist sehr schmerzhaft“, sagt die Tierärztin aus der Ordination Tiergarten Schönbrunn. Doch die Anzeichen dafür, wie Kratzen am Ohr, Ohrenschütteln oder Kopfschiefhaltung, werden nicht sofort als Symptome eingestuft. Sind beide Seiten betroffen, zeigt das Kaninchen diese auch gar nicht mehr. So bleibt das Leiden oft lange unbemerkt.

Späte Diagnose, schwierige Behandlung

Die späte Diagnose freilich erschwert die Behandlung. Und die gestaltet sich ohnehin schwierig: Der zähe Kanincheneiter lässt sich nicht einfach ausspülen. Die klassischen Operationsmethoden sind weniger erfolgreich als z. B. bei Hunden. Und Antibiotika wirken schlecht bis gar nicht.

„Die Schmerzen lassen sich lindern, aber die Krankheit lässt sich so gut wie nie heilen“, sagt der Zoodoc. Im Röntgen wird mitunter erst das volle Ausmaß des Leids sichtbar. Auch wenn der Patient stabil gehalten werden kann, chronische Ohrenprobleme bleiben. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist beim Widder „sehr, sehr groß“.

Missverständnisse unter Artgenossen

Das verkrüppelte Sinnesorgan schädigt nicht nur die Gesundheit, es belastet genau so das Zusammenleben der sozialen Tiere; Einzelhaltung verboten. Die Knickohren schränken zum einen die Hörleistung ein. Zum anderen beeinträchtigen sie die Körpersprache. In Kombination mit der Blume sind die Lauscher das wichtigste Kommunikationsmittel der Hasenartigen.

Legen Kaninchen etwa die Ohren an, sind sie ängstlich oder aggressiv. Kippen sie die Ohren leicht nach vorne, sind sie neugierig, entspannte Tiere legen sie in den Nacken ab. Widder, die ihre Schlappohren kaum bewegen können, können sich nicht verständlich machen.

Der KURIER-Tiercoach schließt: „Diese Qualzucht sollte nicht in Kauf genommen werden.“

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