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Reportage
12/25/2021

Beklatscht, bedroht: Die Unermüdlichen in der Coronakrise

Seit 22 Monaten sorgen sie dafür, dass das „System Österreich“ nicht heruntergefahren werden muss.

von Bernhard Hanisch, Uwe Mauch

Während ihrer Arbeit tragen alle Maske, Homeoffice gibt es für sie nicht. Rund eine Million Menschen arbeiten österreichweit in systemrelevanten Berufen, notiert die Autorin Luna Al-Mousli in ihrem Buch (siehe unten). „65 Prozent davon sind Frauen, viele mit migrantischem Hintergrund.“

Man hat ihnen speziell zu Beginn der Pandemie auf den Balkonen und anderswo in dieser Republik Applaus gespendet. Doch die nachhaltige Wertschätzung, vor allem die auf ihren Bankkonten, ist weitgehend ausgeblieben. Es ist längst kein Geheimnis, dass Österreichs „Systemheld*innen“ (© Louna Al-Mousli) nicht unbedingt überzahlt sind.

Wir haben abseits der Spitäler fünf Menschen, die ihre Gesundheit riskieren, bei ihrer Arbeit beobachtet: Altenpflegerinnen in einem Seniorenwohnhaus in Oberösterreich, eine Grazer Zugbegleiterin in der Uniform der ÖBB, einen Polizisten, der unter anderem bei Corona-Demonstrationen in Wien regelmäßig im Einsatz ist, eine Obst- und Gemüse-Verkäuferin in einem Meidlinger Supermarkt sowie einen Impfstellenleiter vom Wiener Roten Kreuz.

Beklatscht, bedroht, mit Herzen aus Holz beschenkt

Altenpflege. Über Nacht hat sich frischer Schnee auf die  Mühlviertler Hügellandschaft gelegt. Die Nebelhülle verpackt die Vermutung,  irgendwo zwischen Geborgenheit und totaler Abgeschiedenheit angekommen zu sein.

Das Irgendwo hat einen Namen. Gramastetten.  Die 14 Kilometer nordwestlich von Linz gelegene Gemeinde – zuvor vielleicht einmal als Heimatort von Ski-Star Vincent Kriechmayr ins Bewusstsein gerutscht – kam ihr nicht aus, der weltweit gierig zupackenden, von  Krisen gebeutelten Aktualität. Viel musste die Belegschaft  im „Bezirksseniorenhaus“ während der letzten Monate einstecken. Eigentlich zu viel. Das rücksichtslose Vorgehen  der Covid-Pandemie, Krankheit, Todesfälle, Lobhudelei, wenig Belohnung, Kritik,   Klagsdrohungen und Anfeindungen.

„Als die Ansteckungen immer mehr geworden sind,  wurden wir beschimpft, weil vielen Leuten die Maßnahmen nicht gefallen haben“, sagt Anton Hochenburger, Leiter des Hauses. Nach dem Applaus sei der Zauber rasch verblasst.

„Zuerst waren wir die Schuldigen. Jetzt hat sich das in die Krankenhäuser verlagert. Wir fühlen mit,  was das Personal momentan dort mitmachen muss.“ Unverständlich, warum so etwas zugelassen werde.

Und weil Eitelkeiten keine Grenzen kennen, musste man auch in Gramastetten schon vor der Corona-Attacke bei so manchem Kurz-Besuch die Statistenrolle im Schatten  politischer Selbstinszenierung erdulden.

Elfriede Pumberger ist Leiterin des hausinternen Betreuungs- und Pflegedienstes. Sie legt die konkreten Zahlen und Fakten auf ihren Schreibtisch, vergisst dabei nicht  auf die Feststellung, dass sich die Verhältnisse „trotz immer größer werdender Anforderungen in den letzten zwanzig Jahren nicht verändert haben.“

91 ältere bis alte Menschen leben auf drei Wohnebenen, 80 Prozent sind von teilweise schwerer demenzieller Erkrankung beeinträchtigt. Welch intensive Betreuung erforderlich ist, verdeutlichen die Aufnahmekriterien:  Wer einen Platz im Seniorenhaus bekommt, muss die Pflegestufe 4 erreicht haben, also „unter  erheblicher Beeinträchtigung der Selbstständigkeit“ leiden.

88 Mitarbeiter beschäftigt das Haus, 56 (37 in Vollzeit) sind „Pflegekräfte“, der Rest reinigt, kocht oder ist Hausmeister. Die für überholt befundene Verordnung schlüsselt in technokratischer Lieblosigkeit auf: Die Vierer-Stufe verlangt „eine Personaleinheit pro 2,5 HeimbewohnerInnen“.

Gramastetten bildet keine Ausnahme im für den Berufszweig typischen Verhältnis der Geschlechter – Frauen und Männer verteilen sich im prozentuellen Ungleichgewicht 90:10.

Mittag, Essenszeit. Betriebsamkeit, ohne Hektik. Kurz ist die Pause. Claudia und Elisabeth, Fachsozialbetreuerinnen für Altenarbeit (FSBA)  versuchen den Stressabbau. Beide lieben ihren Beruf. Noch immer. „Obwohl ich manchmal frustriert und traurig bin“, sagt Claudia.

Um eine umfassende Betreuung zu garantieren, fehlt es an Fachpersonal, wie zum Beispiel Psychologen oder  Psychotherapeuten.  Selbst habe man kaum mehr Zeit für Handlungen, die über die eigentliche Pflege hinausgehen, sich intensiver mit  den Menschen  zu befassen, Gespräche zu führen, sie vielleicht einmal in den Arm zu nehmen.

Außerordentlich  herausfordernd sind die Nachtdienste. Zwei Pflegekräfte für die 91 Bewohner (der mögliche Höchststand beträgt 95) verlangt die Bestimmung. „Politiker sollten nicht nur reden, sondern vielleicht selbst einmal mitarbeiten“, schlägt Claudia vor.

Elisabeth ist diesbezüglich skeptisch. Sie ist 48 und weiß vor allem nicht, was ihre berufliche Zukunft bringen wird: „Mir geht es mit dem Rücken nicht so gut, ich habe keine Ahnung, ob mein Kreuz das bis zur Pension überhaupt mitmacht.“ Ja, die Prämie von 500 Euro habe sie gefreut,  „aber ich vermisse  die nachhaltigen Verbesserungen“.

Verbesserungen, die Erleichterung bringen würden. Es mangelt an Personal, weil die Anreize fehlen. Wie zum Beispiel eine Bezahlung, die den Anforderungen auch gerecht wird. In der Altenpflege beträgt das monatliche Einkommen nach zweijähriger Ausbildung durchschnittlich  1.800 bis 2.000 Euro brutto.

Immerhin hat die Politik einen Anfang gemacht, sich nicht lumpen lassen und die Belegschaft in Gramastetten mit   Herzen aus Holz beschenkt. „Danke“ lautete die eingravierte Botschaft. Dass einige solch anerkennende Gesten  einfach nur „zum Weinen“ fanden, hatte wohl kaum mit einem plötzlichen Anfall von Rührung zu tun.

"Die allermeisten Fahrgeiste zeigen Verständnis"

Zugbegleiterin. Sie war vom ersten Lockdown an immer arbeitend unterwegs, also immer auf Schiene. Von ihrem Heimatbahnhof Graz fuhr sie in Railjets nach Wien, Linz und Innsbruck sowie mit Nahverkehrszügen in die steirischen Bezirkshauptstädte. Anfangs in fast menschenleeren, seit Längerem wieder in relativ vollen Zügen.

„Die allermeisten Fahrgäste zeigen Verständnis für die geltenden Maßnahmen“, berichtet Sophia Kontur während eines kurzen Aufenthalts auf dem Hauptbahnhof in Wien. Die Grazerin lässt sich während ihrer Arbeit aber auch nicht so leicht aus der Ruhe bringen: Wenn sich wieder einmal ein Fahrgast weigert,  im Zug die Maske aufzusetzen, signalisiert ihm die ÖBB-Mitarbeiterin  zunächst Verständnis, und sie entschuldigt sich auch für die Unannehmlichkeit, die sie selbst nicht verursacht hat.

Doch dann gibt sie klar zu verstehen: „Auch für mich ist das nicht so lustig. Ich muss die Maske sogar den ganzen Tag über tragen.“

Sophia Kontur ist eine von 1.368 Zugbegleitern der ÖBB, die während aller Lockdowns dafür gesorgt haben, dass die Züge verkehren konnten.

In ihren Zügen hat sie auch den Stimmungswandel innerhalb der Bevölkerung mitbekommen. Die Zugbegleiterin beschreibt ihn so: „Am Anfang waren die Leute verunsichert und extrem bedrückt. Niemand wusste so recht, wie er sich gegen das unbekannte Virus schützen kann. Heute ist das anders. Dafür gehen schnell einmal die Wogen hoch.“

Die Uniformierten aller österreichischen Verkehrsbetriebe geraten dabei schneller, als ihnen lieb ist, zwischen die Fronten: Den Uneinsichtigen müssen sie wie gesagt die Vorschriften möglichst schonend näherbringen. Zeitgleich gilt es, jene zu beruhigen, die Masken tragen und nicht einsehen, warum sich ein anderer Fahrgast das Recht herausnimmt, die Mitreisenden aus welchem Grund auch immer zu gefährden.

Jederzeit mit Corona infizieren kann sich auch die Zugbegleiterin. Im Dienst habe sie daher immer noch „Respekt, aber keine Angst“, wie sie erklärt. „Ich habe von Anfang an immer eine Maske getragen. Die Maske gibt mir ein Gefühl von Sicherheit.“

Auf die Frage, was sie sich für 2022 wünscht, erklärt Sophia Kontur kurz vor der Abfertigung ihres Zuges nach Graz:  „Dass sich die Corona-Situation möglichst wieder beruhigt.“ Zumindest die Hoffnung ist diesbezüglich noch nicht abgefahren.

"Du musst alle gleich beamtshandeln"

Polizist. Menschen wie er sind auf jeder Anti-Corona-Demo zugegen. Nicht freiwillig, viel mehr, weil das Teil ihres Jobs ist. Albert Z. (sein voller Name ist der Redaktion bekannt, wird aber zu seiner und zur Sicherheit seiner Familie hier nicht preisgegeben) leitet  Tosca 74, eine fünfköpfige Gruppe der Bereitschaftseinheit der Wiener Polizei. Seit Pandemie-Beginn ist er mit seinen Kollegen im Corona-Einsatz, bei großen und kleinen Kundgebungen in der Stadt.

Menschen wie er haben auch eine Meinung, doch bei Demos dürfen sie sich diese nur denken. „Selbst wenn wir beschimpft werden oder jemand uns vorwirft, dass wir Impfgewehre verwenden, antworten wir nicht“, so der Revierinspektor. „Um möglichst nicht weiter zu eskalieren.“

Die vergangenen Samstag-Demo-Dienste begannen für ihn um 9 Uhr in der Früh und endeten nicht vor 22 Uhr. Schwierig, sagt Albert Z., sei die zumeist unübersichtliche Lage: „Nur ein kleiner Teil ist wirklich aggressiv. Dann gibt es Leute, die verunsichert sind und sofort die Maske aufsetzen, wenn du sie darauf hinweist, aber auch solche, die ihre Anekdoten erzählen wollen. Und du musst alle gleich beamtshandeln.“

Angst vor einer Infektion hat der Vater einer zehn Monate alten Tochter und Freund einer Polizistin in Karenz nicht. „Der Beruf des Polizisten ist nun einmal gefährlich. Dafür werde ich auch bezahlt.“ Ob das die Mutter seiner Tochter auch so sieht? Der Ordnungshüter denkt kurz nach, dann schüttelt er seinen Kopf.

Wird nicht demonstriert, werden Albert Z. und seine Kollegen zu Einsätzen in ganz Wien gerufen, bei denen schon im Vorfeld klar ist, dass sie dort auch auf Infizierte treffen werden. Das Spektrum reicht von Lärmerregung bis hin zu häuslicher Gewalt. Dabei tragen sie wohlweislich Schutzkleidung so wie Beschäftigte in Krankenhäusern.

Der Polizist wünscht sich nach all den Einsätzen „ein Leben wie vor der Pandemie“ zurück. Diplomatischer Nachsatz: „Und dass die Menschen alles dafür tun, dass es wieder so wird.“

"Dass ich meine Arbeit behalten habe"

Verkäuferin. Viel ist heute Routine, in der Obst- und Gemüseabteilung einer modernen Eurospar-Filiale in Wien-Meidling. Doch die junge Abteilungsleiterin Maja Jovanović, die ihren Job sichtlich gerne macht, kann sich noch sehr gut erinnern: „Der erste Tag im ersten Lockdown, das war wie im Krieg.“

Ihren Dienst hätte sie an diesem Montag im März 2020 um 12  Uhr antreten sollen. Doch als sie der Marktleiter bittend, fast flehend anrief, machte sie sich sofort auf den Weg: „Gegen 10 Uhr war ich in der Arbeit. Da waren wir beim Obst und Gemüse so gut wie ausverkauft. Es gab nur mehr ein paar Äpfel.“

Der Vergleich mit dem Krieg ist nicht weit hergeholt: Frau Jovanović ist in einer kleinen Stadt namens Jagodina, 100 Kilometer südöstlich von Belgrad, aufgewachsen. Sie war sechs Jahre alt, als im Fernsehen gesagt wurde, dass Krieg ist, sich alle Nachbarn so gut sie konnten mit Lebensmitteln eindeckten und auch ihre Familie abends daheim kein Licht mehr aufdrehte.

Es fällt auf, dass Menschen, die einen Krieg erlebt haben, weniger panisch auf die Corona-Krise reagiert haben. Maja Jovanović, seit sechs Jahren eine von 50.000 Spar-Mitarbeitern, erzählt, dass eine Kollegin in ihrer Panik sogar die Schale einer Clementine desinfiziert hat. Dabei macht auch sie sich so ihre Sorgen: „Immerhin muss ich jeden Tag mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren.“ Auch hat sie den ganzen Tag im Supermarkt mit Menschen zu tun.

Gerne erinnert sie sich an wenige Tage im Herbst, als das Tragen der Maske kurzfristig ausgesetzt war: „Zunächst hat mir etwas gefehlt.“ So sehr hat sie sich inzwischen an die Maske im Gesicht gewöhnt. „Obwohl sie dir weniger Luft lässt und dich vor allem im Sommer mehr schwitzen lässt.“

Mit Kunden gibt es bezüglich Maske kaum Probleme, berichtet die Verkäuferin. „Am ehesten mit Jüngeren, die mir ins Gesicht sagen, dass sie sich von mir nichts anschaffen lassen.“

Für ihren Einsatz gab es von ihrem Arbeitgeber eine Prämie. „Mehr freut mich“, sagt Maja Jovanović dazu, „dass ich im Gegensatz zu anderen Menschen meine Arbeit und auch mein Einkommen behalten habe.“

"Ich weiß, was es heißt, im Dauereinsatz zu sein"

Impfstellenleiter. Zum Glück hat er bisher von vielen  Verwirrungen  nur gehört. Von Menschen, die mithilfe von Armprothesen ihre Impfung vortäuschen wollen. Die versuchen,  Ärzte zu überreden, durch  den Hemdärmel  in einen darunter verborgenen Coolpack zu stechen. Verklebte Schlösser in Impfboxen ...

Thomas Süss ist 26 Jahre alt und Impfstellenleiter, verantwortet den reibungslosen Ablauf,  organisiert den Impfstoffnachschub, berücksichtigt die aktuellsten medizinischen Empfehlungen. Meist ist er für die Impfstelle Am Schöpfwerk zuständig, im Bedarfsfall auch  für jene im Meidlinger Theresienbad. Süss    arbeitet für das Wiener Rote Kreuz.

1700 Hauptberufliche und mehr als 2500 Freiwillige verrichten in der Pandemie unverzichtbare Dienste. So wie andere Hilfsorganisationen auch.

Er habe Gruppen gesehen, die vor den Impfzentren stehen und ihre Manifeste verteilen. Es käme auch vor, dass sich Leute  eine  Bestätigung holen und vor der Impfung abbiegen wollen.   „Bisher ist  es uns aber gelungen, alle Konflikte friedlich zu lösen“, erzählt Süss. Aufklärungsarbeit zu leisten, sei eine wichtige Aufgabe.

Warum er gerade diesen Beruf ergriffen hat?  Kurz und bündig ist die Antwort: „Es war eine prinzipielle Entscheidung.“ Schon am Beginn der Pandemie  war er ehrenamtlicher Rettungssanitäter. „Ich weiß sehr gut, was es heißt, im Dauereinsatz zu stehen, und ich kann nicht nachvollziehen, warum Menschen, die anderen helfen, attackiert werden“, sagt Süss. Ein Medizinstudium  steht im weiteren Lebensplan.
Und er wisse es zu schätzen, dass das Rote Kreuz seinen Mitarbeitern eine kleine Belohnung zukommen lassen will.  Die Politik hat nämlich bei ihrer ersten 500-€-Verteilung auf sie vergessen.

 

Die Autorin Al Mousli Luna porträtiert in diesem Buch 20 „Systemheld*innen“, vom Sanitäter über die Lehrerin bis zur Telefonseelsorgerin. Mit dem Titel „Klatschen reicht nicht“ kritisiert sie die mangelnde Entlohnung.

Luna Al-Mousli & Clara Berlinski: Klatschen reicht nicht! Leykam, 192 Seiten, 22 Euro.

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