Etwas andere Rollen: Gabriela Hütter inszeniert psychische Erkrankungen vor Studenten.

© Kurier/Gilbert Novy

Leben Gesellschaft
01/10/2022

Die Simulantin: "Ich mime menschliche Zerbrechlichkeiten"

Gabriela Hütter taucht tief in die Schicksale psychisch kranker Menschen ein. Ihre Geschichten führt die Schauspielerin in Hörsälen der MedUni Wien auf – als Trockentraining für angehende Ärztinnen und Ärzte.

von Marlene Patsalidis

Gabriela Hütter starrt zu Boden. Ihre Hände liegen kraftlos gefaltet in ihrem Schoß. Sie sagt kein Wort. Schließlich geben ihre bleichen Lippen doch einen Satz preis: "Es waren einfach zu wenig Tabletten."

Rund um Gabriela Hütter macht sich Beklemmung breit. Dabei ist die Verzweiflung nur gespielt. Die Vorlage für das Schauspiel liefert Frau Swoboda, die nach einem Suizidversuch benommen in die Abgründe ihrer Psyche blickt. Ihr Leid stellt Gabriela Hütter stellvertretend dar. Nicht auf einer Theaterbühne, sondern in einem Hörsaal der MedUni Wien.

Lehrreiche Vorstellung

Ihr Publikum, das sind Medizinstudenten. Angehende Ärztinnen und Ärzte also, die in Lehrveranstaltungen den Umgang mit psychisch (und körperlich) kranken Menschen lernen sollen. Im Kontakt mit Schauspielpatienten machen sie sich praktische Kompetenzen zu eigen, um später echten Patienten einfühlsam, professionell und ohne Berührungsängste begegnen zu können.

Seit 2012 ist das Fach "Ärztliche Gesprächsführung" mit Schauspielpatientinnen und Schauspielpatienten fix im Curriculum integriert (siehe Infobox weiter unten). Die Lehrveranstaltung ist mehrteilig: Neben Anamnesegesprächen, in denen die Krankengeschichte ergründet wird, üben die Studierenden in Kleingruppen, wie man Diagnosen überbringt – und erkennt, wie im Fall der schwer depressiven Frau Swoboda.

Die Anfänge des Projekts reichen in die Neunzigerjahre zurück. Damals brachte der inzwischen pensionierte Psychiater Gerhard Lenz das im englischsprachigen Raum bereits etablierte Empathietraining nach Wien und holte Schauspielerinnen und Schauspieler ans AKH. Gabriela Hütter war eine von ihnen: "Ich wurde gefragt, ob ich Patientinnen, die gerade an der Abteilung für Psychiatrie stationär aufgenommen waren, kennenlernen, befragen und mich so weit in sie hineinversetzen möchte, dass ich sie im Laufe der Zeit darstellen kann."

Unter der Anleitung von Psychiater Lenz und mit dem Einverständnis der Patientinnen tastete sie sich "an ihre Befindlichkeiten und Spannungszustände und das Unangenehme der Krankheiten heran".

"Ich habe mir das Erleben, das mit bestimmten psychischen Erkrankungen einhergeht, in intensiver Vorbereitung angeeignet."

Gabriela Hütter, Schauspielerin

Rollen begegnen

Das Herantasten klappte nicht von heute auf morgen, erinnert sich die gebürtige Grazerin. "Ich habe über Monate viele Stunden mit den Patientinnen verbracht, ihre Geschichten im Kopf gespeichert und irgendwann in den Rollendarstellungen reproduziert." Das Studium anonymisierter Krankenakten war ebenso Teil der Vorbereitung wie der Besuch von Psychiatrie-Vorlesungen. Vom Erlernen einer klassischen Theaterrolle unterscheidet sich der Prozess kaum: "Bei einer Theaterrolle ist die Literatur Basis meines Tuns. Hier ist es der Mensch, dem ich so nahe wie möglich kommen muss. Gleichzeitig muss ich wie bei einer herkömmlichen Rolle in mir nach Resonanzen suchen. Ich tue ja nur so, als ob ich dieser Mensch wäre."

So zu tun als ob – auf beeindruckend glaubwürdige Art und Weise – hat die 59-Jährige in den Achtzigern am Max Reinhardt Seminar gelernt. Inzwischen hat sie sechs Rollen im Repertoire. "Und jede Rolle, egal ob Depression, Sucht, Zwangs- oder Persönlichkeitsstörung, fesselt mich ganz speziell."

Mitfühlende Medizin

In den Übungsgesprächen an der Universität muss Gabriela Hütter stets authentisch und im Einklang mit der psychischen Krankheit agieren. Wie gelingt das? "Dank der intensiven Vorbereitung: Ich habe mir das Erleben, das mit bestimmten psychischen Erkrankungen einhergeht, angeeignet. Ich weiß, wie die Rollen in bestimmten Situationen agieren, was nicht aushaltbar ist. Jedes Gespräch ist am Ende einzigartig."

Was ein gelungenes Arzt-Patienten-Gespräch ausmacht, weiß die Schauspielerin inzwischen nur allzu gut: "Klarheit, Geduld, Mut im Umgang mit den menschlichen Zerbrechlichkeiten, die ich mime – und ehrliches Interesse."

Frau Swoboda, die in Wirklichkeit ganz anders heißt, hat Gabriela Hütter unzählige Male dargestellt. Was aus ihr geworden ist, weiß die Schauspielerin nicht. "Das sollen wir auch nicht. Es könnte die Darstellung verzerren. Ich bediene mich ja einer Momentaufnahme, einer akuten Phase im Leben dieser Menschen, die – so hoffe ich zumindest – vorübergegangen ist."

Dass sie vor über mittlerweile 20 Jahren in das Projekt eingestiegen ist, hat Gabriela Hütter nie bereut: "Es hat nie an Reiz verloren. Und das habe ich den Patientinnen und ihrer Offenheit zu verdanken."

Theorie und Praxis
Die Psychiaterin Henriette Löffler-Stastka von der MedUni Wien war federführend an der Entstehung des Kurses "Ärztliche Gesprächsführung" beteiligt. "Seit einer Novelle des Medizinstudiums 2012 arbeiten Studierende im sechsten Jahr in Spitälern“, erklärt sie. Um sie darauf vorzubereiten, wurde ein Kurs benötigt, "in dem man den Patientenkontakt üben kann". Fachwissen kann so in heiklen Situationen – bei suizidgefährdeten Patienten oder beim Überbringen tödlicher Diagnosen – angewandt werden.

Mitfühlend agieren
Darüber hinaus wird der Aufbau einer nachhaltigen, belastbaren Arzt-Patienten-Beziehung trainiert. "Sie muss von Empathie getragen sein und erfordert, dass der angehende Arzt die Perspektive des Patienten oder der Patientin einnimmt und reflektiert, was das bei ihm selbst auslöst."

38 Schauspielerinnen und Schauspieler
umfasst das MedUni-Ensemble derzeit. "Sie werden engmaschig trainiert, professionell begleitet und können ihre Tätigkeit in geschütztem Rahmen reflektieren", betont Löffler-Stastka. Von den Studierenden wird diese Gelegenheit dankbar angenommen, weiß Löffler-Stastka. Gelerntes in die Praxis umzusetzen, könne fordernd sein, werde aber als lehrreich empfunden. Oft werde dies daher auch in Postgraduellen Programmen gerne besucht. "Mit Schauspielpatienten ergibt sich auch die einmalige Chance, echtes Feedback zu bekommen und daran zu wachsen."

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