Leben
22.02.2018

GNTM: TV-Bilder, die Frauen schwächen

Vergangene Woche: das Nackshooting. Heute Abend: Models hüpfen im Winter-Outfit bei tropischen Temperaturen am Trampolin.Jetzt sagen manche: Nicht mit mir.

Natürlich ist das GNTM-Bashing auch schon ein bisschen langweilig und programmatisch geworden. Aber das da ist so speziell wie - mittlerweile - umstritten: "Not Heidi's girl", singen Mädchen in einem You-Tube-Video. Sowie: "I am more than my looks/“Ich bin mehr als mein Aussehen.“ Der Clip wurde bereits über eine halbe Million Mal geklickt und fleißig geteilt. Es mehrt sich die Kritik jener, die sagen: Nicht mit uns. Starke Ansage und etwas Gegenwind (noch dazu von der Zielgruppe) für Hauptdarstellerin Heidi, deren Sendung nun offenbar auch von der #metoo-Welle geflutet wird. Die Klum’sche Modelschmiedemaschine gerät etwas ins Stottern, das zeigen auch die Zuseherzahlen.

Hat GNTM ausgedient?

Auch wenn in diesem Format sexualisierte Gewalt, für die die #metoo-Bewegung präzise betrachtet steht, kein Thema ist, sollte es mehr denn je kritisch gesehen werden. Denn durch die entstandene Debatte mit all ihren Aspekten und Nebenerscheinungen, passiert gerade viel. Vor allem aber kann was weitergehen. Es ist allerhöchste Zeit, künftigen Frauengenerationen neue und bessere Bilder zu vermitteln. GNTM hat ausgedient, alles daran ist überholt. Und ja, es ist nur eine Inszenierung und ja, das wissen viele. Aber die Bilder wirken, auch wenn’s keiner merkt.

Dass junge Frauen nahezu ausschließlich an ihrem Äußeren, an ihrer Art zu gehen, zu schauen, zu lächeln, bewertet werden, ist das eine. Schlimm genug. Das andere ist, was sie alles dafür tun müssen, und wie stark sie sich dem „Show-System“ und dem damit verbundenen voyeuristisch getriebenen Urteil unterzuordnen haben. Weibliche Unterwerfung im Rahmen einer Darstellung, die Frauen gefällig, von Outfit, Lippenstift und Frisur abhängig, zeichnet. Dazwischen ist vieles, nur nicht Frauensolidarität angesagt – sondern: Zickenkrieg, yey. Man bitcht und schimpft, man macht einander runter. Schönheit schafft Mehr-Wert, verbunden mit dem Gefälle „Du schlecht, ich gut“. Knock out-Prinzip. The Winner takes it all. The loser standing small. Frauen werden klein gemacht und unsichtbar, wenn sie den "Vorgaben" nicht entsprechen. Damit werden die niederen Instinkte jener bedient, die daheim im Sofa vor dem Fernseher an der Popcornschüssel sitzen und über die spitzen Knie von XY und Heulsuse ZZ ablästern. Keiner kriegt mit, wie sehr Frauen von solchen Bildern geschwächt werden.

"Bei der ist alles falsch"

Jungen Zuseherinnen, als zentrale Zielgruppe des Formats, wird auf diese Weise vermittelt, was zählt. Ellenbogenmentalität, Posing, Schnuffelmund, zuweilen nackt und möglichst ruhig sein, wenn Klum schmallippig sagt: „Ich habe leider kein Bild für dich“. Oder, wie in einer der ersten Staffeln: „Die kann nicht laufen, die bringt’s nie.“ Sowie: „Bei der ist alles falsch.“ Heulen? Niemals. Stattdessen „cool“ die Klum’sche Refrigerator-Mentalität abperlen lassen, indem man sich ein Teflonwestchen überzieht. Kalt ist’s. Na und? Dazu kommt: Bei GNTM wird signalisiert, dass es okay sei, sich runtermachen zu lassen. Dass man für ein „Ich kann gerade nicht“ oder „So bin ich halt“ bestraft wird und bitte ja nicht aufmuckt. Denn, sorry: „So wie du bist, bist du nicht gut.“ Lass dich bleechen, rasieren, glätten, umbauen, wäh. Nur wer nahezu perfekt ist, bzw. dem Bild von definierter Perfektion entspricht, hat eine Überlebenschance.

Ehrlich? So falsch kann niemand sein, dass nicht alles an einem Menschen, an diesem Unikat, so wie er ins Leben geworfen wurde, richtig ist. Was wird stattdessen kommuniziert? Dass die „Mädchen“ funktionieren müssen, sich zügeln, anpassen und kontrollieren. Welch traurige Botschaft, speziell für Pubertäre, die sowieso schon mit höchstem Anpassungsdruck zu kämpfen haben. Nicht umsonst meinte einer der Hamburger Schülerinnen, die im „Not-Heidi“-Video zu sehen ist: „Wir haben schon genug Stress mit der Schule, wer braucht noch den Diät-, Schmink- und Modeterror?“ Endlich sagt’s eine.

Es gibt ein sehr schönes Zitat von Susi Orbach, US-Psychotherapeutin, sie schrieb: „Wir bringen unseren Mädchen bei, dass der Körper, in dem sie wohnen, ein unsicherer Ort ist. Wir bringen ihnen bei, dass der Appetit, der Geruch, das Begehren, das Fleisch von Frauen ungehörig unerwünscht und nicht akzeptabel ist.“ Ja, auch so werden Mädchen und Frauen in Fesseln gelegt. Zeit, ein bisserl was zu verändern. Man könnte die „hässlichste Fratze des deutschen Fernsehens“, wie die "Welt" im Jahr 2015 schrieb, auch erst gar nicht aufdrehen.

*Ergänzung (nachträglich eingefügt): Eine Frage, die mich bewegt - wie genau müsste eigentlich ein TV-Format aussehen, das Mädchen stark macht und das gerne gesehen wird?