Facebook macht es einfacher, mit anderen in Kontakt zu bleiben, ändert aber meist nichts daran, dass man im wahren leben nur ein bis zwei beste Freunde hat.

© AFP

10 Jahre Facebook
02/04/2014

Freundschaft per Mausklick

Wie das soziale Netzwerk unsere zwischenmenschlichen Beziehungen verändert hat.

von Sandra Lumetsberger, Julia Pfligl

Rund 342 Freunde hat der durchschnittliche Facebook-Nutzer. 342 Freunde, denen er Fotos, Gedanken und seinen veränderten Beziehungsstatus mitteilt. Heute vor zehn Jahren ging Facebook, das größte soziale Netzwerk im Internet, online. Dadurch hat sich der Begriff „Freundschaft“ verändert – im positiven wie im negativen Sinn.

Der Berliner Bildungs- und Jugendforscher Klaus Hurrelmann erklärt die Vorteile von Facebook für zwischenmenschliche Beziehungen: „Durch die technischen Möglichkeiten kann man seinen Freundeskreis stabil halten, erweitern, jederzeit ansprechen. Eigentlich müsste das den sozialen Kontakten einen enormen Aufschwung geben.“ Er relativiert jedoch: „Es kann sein, dass Kontakte durch die Möglichkeit sie zu vervielfachen immer oberflächlicher werden.“

Das beobachtet auch die US-Soziologin Sherry Turkle. In ihrem Buch „Verloren unter 100 Freunden“ schreibt sie, dass vielen Menschen das Pflegen von Beziehungen zu kompliziert geworden ist. Durch das ständige Kommunizieren im Netz würden sie verlernen, echte Gespräche zu führen. Hurrelmann sieht das anders: „Kontaktarmut hat es auch früher schon gegeben. Durch neue mediale Kanäle fällt sie heute stärker auf. Wer gut kommunizieren kann, tut das ohnehin. Wer schlecht kommuniziert, kann schneller diskriminiert werden.“

Trotz vieler Facebook-Freunde seien viele Menschen einsam, sagt Turkle. „Technologien wie Facebook geben uns die Illusion von Gesellschaft – ohne die Anforderungen von Freundschaften.“ Verlässlichkeit, Vertrauen, Verbindlichkeit. Es ist egal, ob man 300 oder 1000 Facebook-Freunde hat – laut Forschern der Universität Chemnitz ändert das nichts daran, dass ein Mensch meist nur ein bis zwei beste Freunde hat.

Offenbarung

Wie Freundschaften entstehen, beschreibt die kanadische Sozialpsychologin Beverly Fehr: „Wenn sich zwei Menschen das erste Mal treffen, geben sie zunächst nur wenig Persönliches von sich preis. Verläuft der erste Austausch positiv, offenbart man allmählich mehr.“ Auf Facebook hingegen offenbart man sich sofort – und jedem. Die beste Freundin sieht die Urlaubsfotos genauso wie der flüchtige Bekannte. Diese Öffentlichkeit ist für junge Menschen schwer einzuschätzen, findet der Soziologe Hurrelmann: „Sie gehen damit so selbstverständlich um, dass sie heikle Aspekte, die wir in der öffentlichen Diskussion im Vordergrund haben, nicht kritisch sehen.“ Dennoch profitieren speziell junge Männer von Facebook. „Sie können aus ihrer spröden und störrischen Freundschaftspflege herauskommen, weil sie sich schriftlich einfacher mitteilen können. Sie müssen niemandem gegenübersitzen und Angst haben, kein Wort herauszubekommen.“

Die amerikanische Fotografin Tanja Hollander (41) hatte es satt, die meisten ihrer Facebook-Freunde nur oberflächlich zu kennen. Vor drei Jahren beschloss sie, jeden Einzelnen ihrer damals 626 Freunde zu besuchen und zu fotografieren. Zu sehen sind sie auf ihrem Blog www.facebookportraitproject.com

Zu virtuellen Freundschaften hat Hollander eine entspannte Haltung. „Ich glaube, Facebook verändert gar nichts. Facebook macht es nur einfacher, mit Menschen in Kontakt zu bleiben, mit denen es face-to-face schwieriger wäre“, sagte sie dem Magazin NEON. Aber etwas ist doch anders geworden: „Heute habe ich Freunde, die mir sehr nahestehen, die aber noch nie bei mir zu Hause waren.“

Gefährliches Trinkspiel auf Facebook

Internet-Hype. Mit „Biernominierung“ hält nun über Facebook ein zweifelhafter Trend bei uns Einzug, der in anderen Ländern sogar für Todesfälle gesorgt haben soll. Die Spielregeln sind simpel: Ein von seinen Freunden „Nominierter“ muss ein Bier ex trinken, sich dabei filmen und dann seinerseits drei Leute nominieren. Die Auserwählten haben 24 Stunden Zeit, das Video nachzudrehen und es wieder auf Facebook zu posten. Neben dem Trinken geht es darum, das Ganze kreativ in Szene zu setzen.

Genau das dürfte einem jungen Iren zum Verhängnis geworden sein. Er sprang nach dem Bierkonsum in einen Fluss und ertrank. Ein anderer Clip zeigt, wie zwei Australier ungesichert an einem fliegenden Hubschrauber hängen und so ihre Bierflasche leeren. Ein weiteres Video aus Kanada zeigt einen jungen Mann, der sein Bier aus einer Toilette trinkt, während er kopfüber von zwei anderen gehalten wird. Jugendschützer und Behörden warnen deshalb vor dem zweifelhaften Trend.

Know-how.Facebook ist für mich eine Art Werkzeug. Verwende ich es richtig, ist es eine Hilfe. Verwende ich es falsch, kann ich mich oder auch andere damit verletzen. Nie war es so einfach sich mit anderen zu vernetzen. Urlaubsbilder, Statusmeldungen, Events, die man besuchen könnte – ich entscheide, was ich teile und was nicht. Für mich ist die Gruppenfunktion nicht mehr wegzudenken. In der Uni-Gruppe frage ich, ob jemand Unterlagen hat. Die Freunde, ob sie mich besuchen wollen. Die Band, ob die Probe wirklich stattfindet. Nebenbei lese ich, was der Rest der „Freunde“ schreibt, ohne auch nur irgendetwas von mir selbst preisgeben zu müssen. Es war aber auch noch nie so einfach, anonym Leute zu beleidigen oder private Informationen mit sehr vielen Menschen gleichzeitig zu teilen. Wichtig ist, zu verstehen, wie Social Media am besten verwendet werden. Und dass es den persönlichen Kontakt in keiner Weise ersetzen soll.

Ambivalenz.Auch, wenn es mein Leben völlig verändert hat – ich erschrecke immer noch, wie viel Seelenstriptease auf Facebook geboten wird. Ich habe im Netz reale Freunde (wieder-)gefunden, aber auch virtuelle Freunde, die ähnliche Sichtweisen und Interessen wie ich haben. Anfangs wollte ich möglichst viele „Freunde“ haben. Als ich dann bei 5000 gesperrt wurde und immer mehr echte Freunde beigetreten sind, bin ich wählerischer geworden. Von den Leuten, die mir wichtig sind, erfahre ich, ob es ihnen gut geht oder welche Sorgen sie haben. Bei denen, die mir tatsächlich am Herzen liegen, schreibe ich Kommentare oder poste Smileys zur Aufmunterung. Was ich interessant finde, teile ich. Dinge, die einfach nur den Tag auflockern, like ich. Von mir selbst gebe ich nicht so viel preis, weil ich mir ein paar Dinge für private Treffen aufheben möchte. Ab und an mutiere ich dann aber doch zur Rampensau, um etwas Aufmerksamkeit zu erhaschen.

Vorsicht.Ein Facebook-Freund ist für mich nicht zwangsläufig jemand, den ich als engen Freund bezeichnen würde. Bei sozialen Netzwerken besteht oft die Gefahr, dass jemand falsche Angaben macht, um gut anzukommen, deshalb adde ich nur Menschen, die ich bereits getroffen habe. Ich möchte Fremden gegenüber ungern etwas über mich preisgeben, weil ich nicht weiß, wie sie mit den Informationen umgehen. Der Vorteil von Facebook ist, dass sich Freundschaften leichter pflegen lassen. Ich kann schnell und jederzeit mit Menschen Kontakt aufnehmen, auch wenn wir räumlich getrennt sind. Der Nachteil ist, dass auf Facebook rasch Missverständnisse entstehen können, etwa wenn jemand ein Posting mit „Gefällt mir“ markiert oder etwas schreibt, worüber manche eine andere Ansicht haben. Generell finde ich, dass viele Nutzer zu viel von sich selbst oder anderen preisgeben. Das kann Menschen verletzen und enttäuschen.

Bereicherung. Eine eigene Community, immer lustig, alle sind per du – Facebook ist für mich wie ein Schulskikurs. Meine Freunde wähle ich nicht danach aus, ob ich sie auch im richtigen Leben kenne – tatsächlich habe ich zwei Drittel noch nie getroffen –, sondern, ob sie mir durch interessante, lustige und gescheite Kommentare auffallen. In meiner Freundesliste befinden sich Kabarettisten, Journalisten, Politiker, eben interessante Persönlichkeiten mit Mut zur Meinung. Das Tolle an Facebook ist ja, dass die Geschlechter verschwimmen. Im realen Leben würde ich nie jemanden einfach so um seine Handynummer bitten, auf Facebook tausche ich mich entspannt mit anderen – auch mit Männern – aus. Etwa 400 Personen habe ich wieder „entfreundet“, unter anderem Stalker. User mit falschen Namen oder Profilbildern adde ich aus Prinzip nicht. Obwohl ich viele Facebook-Freunde im realen Leben nicht kenne, haben sie einen fixen Platz in meinem Herzen.
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