Leben
27.11.2017

Frau täuscht Tod vor, um Fake-Liebhaber zu entkommen

Eine Frau verliert ihr Herz an einen angeblichen US-Soldaten, den sie im Internet kennengelernt hat. Über Monate schreiben sich die beiden und planen eine gemeinsame Zukunft. Am Ende geht es aber nur um eins: viel Geld.

An einem Tag im Juli beschloss Sabrina Hansen, ihren Tod vorzutäuschen. Sie tippte eine letzte E-Mail an den Mann, dem sie ihr Herz geschenkt hatte. Erzählte ihm, dass sie Schmerzen habe und der Notarzt unterwegs sei. Dann klappte sie den Laptop zu. Wenige Tage darauf erklärte ihr Sohn sie für tot. Er schrieb dem Liebhaber von der Beerdigung seiner Mutter.

Vier Monate später sitzt Sabrina Hansen in ihrer Wohnung in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen und schildert am Telefon, warum sie die drastische Maßnahme ergriffen hatte. Sie hatte Anfang des Jahres im Internet einen Mann kennengelernt und sich in ihn verliebt. In vielen Nachrichten hatte er seine Liebe beteuert - und sie dazu gebracht, ihm Geld zu überweisen. Insgesamt mehr als 10 000 Euro. "Heute frage ich mich, wie ich so bescheuert sein konnte", sagt sie. Ihr angeblicher Tod schien ihr der einzige Ausweg, damit der Mann sie nicht weiter bedrängt. Deshalb ist ihr Name in diesem Text geändert.

Sabrina Hansen ist längst nicht das einzige Opfer. Als Love- oder Romance-Scamming (Liebesbetrug) bezeichnet die Polizei die Masche. Wie viele Fälle es gibt, lässt sich nicht genau beziffern. Das Bundeskriminalamt in Wiesbaden weist darauf hin, dass diese Straftaten in der Kriminalstatistik zu den Betrugsdelikten gezählt werden. Das Landeskriminalamt (LKA) in Stuttgart liefert zumindest eine Orientierung. Für die vergangenen zwölf Monate, Stand Ende Oktober, wurden dort 131 solcher Fälle erfasst. Bei einem Großteil, 78 Prozent, waren Frauen betroffen. Ein LKA-Sprecher weist aber darauf hin, dass diese Zahlen nicht allzu aussagekräftig sind. Denn sie spiegeln nur Fälle wider, die explizit als Romance-Scamming gekennzeichnet wurden.

Anbahnung auf Facebook

Die Opfer werden über soziale Netzwerke, Dating-Portale oder E-Mail kontaktiert und in einen Nachrichtenaustausch verwickelt. Sabrina Hansen erhielt eine Freundschaftsanfrage auf Facebook. Der Mann gab sich als US-Offizier mit deutschen Wurzeln aus. Sie, Rentnerin und verwitwet, fühlte sich geschmeichelt. Er schrieb: "Ich liebe dich meine Königin" oder "Ich kann es nicht mehr erwarten, bei dir in Deutschland zu sein". So verliebte sich Sabrina Hansen in einen Betrüger. "Ich bekam eine richtige Gehirnwäsche." Selbst als der Facebook-Account ihres Romeos gesperrt wurde, kam kein Zweifel.

"Im Internet ist es leichter zu blenden", sagt Polizeipsychologe Adolf Gallwitz von der Hochschule für Polizei in Baden-Württemberg. Schnell entstünde der Eindruck, man würde sein Gegenüber sehr gut kennen. "Menschen suchen nach einem vertrauensvollen Bezug, da schlägt die Hoffnung das Sicherheitsbedenken", sagt Gallwitz.

Sabrina Hansen hat ihre Bekanntschaft nie getroffen. Trotzdem glaubte sie dem Mann, als er versprach, für sie beide ein Haus in Deutschland zu kaufen. Er versicherte, das nötige Geld zu besitzen, nur komme er da momentan nicht ran. Was folgte, war ein wochenlanges Verwirrspiel, das nach Agententhriller klingt. Er spielte in Afghanistan und China, als Statisten traten eine angebliche Ex-Frau und ein UN-Diplomat auf. In dem Glauben, helfen zu müssen und ihr Geld zurück zu bekommen, reizte Sabrina Hansen den Dispokredit ihrer Konten aus. Ihr ganzes Erspartes ging drauf.

Vortäuschung einer Liebesbeziehung

Wie in ihrem Fall täuschen Täter oft über Monate eine Liebesbeziehung vor, bevor sie Geld fordern, meist mit einer plausibel klingenden Begründung. Erst soll etwa ein Visum bezahlt werden, dann der Flug nach Deutschland, dann ist plötzlich die Tochter schwer krank. Heike Seitzer hört solche Geschichten oft. Sie leitet in Waiblingen im Rems-Murr-Kreis die Kriminalinspektion 3 für Wirtschaftsdelikte und Korruption und hat sich bei Romance-Scamming einen Namen gemacht.

Viele Anzeigen gegen Liebesbetrüger landen auf ihrem Tisch - und es werden immer mehr. Dabei geht sie von einem großen Dunkelfeld aus. "Gerade Frauen im fortgeschrittenen Alter schweigen aus Angst davor, was ihre Kinder zu der Internet-Beziehung sagen könnten." Manche Opfer werden auch schlicht erpresst - mit verfänglichen Bildern und Videos, die sie den Chatpartnern meist selbst zugespielt haben.

Die Lügengeschichten lohnen sich. Die höchste Summe, die Seitzer bisher unterkam, waren 330 000 Euro. "Mache Opfer beleihen ihr Haus für einen Kredit, lösen ihre Lebensversicherung auf oder verkaufen ihr Aktienpaket." Geschnappt werden die Täter selten, wie auch das LKA bestätigt. Meist sitzen sie in Westafrika, Osteuropa oder in Großbritannien.

Sabrina Hansen hätte leicht noch mehr Geld verlieren können. Sie hatte bereits einen Kredit von mehr als 40 000 Euro beantragt, als ein Mitarbeiter des Geldinstituts misstrauisch wurde. Er vermittelte ihr dann den Kontakt zu einem anderen Betrugsopfer.

Selbsthilfe gegen Liebesbetrug

In der Zeit danach half ihr Uschi Tschorn. Sie betreut von Wolfsburg aus die Facebook-Gruppe "SOS - Selbsthilfe - Liebesbetrug". Tschorn war vor zwei Jahren Opfer eines Betrügers geworden. Ihr Traummann stellte sich als Goldhändler aus Berlin vor, der beruflich in Ghana unterwegs war. Seine Fotos, fand sie später heraus, hatte er von der Seite eines mexikanischen Prominenten geklaut. In den vergangenen Wochen hat sie mit mehr als 100 betrogenen Menschen gesprochen. Frauen würden emotional abhängig gemacht, erklärt sie. "Sie treffen keine Freunde mehr und distanzieren sich von ihren Familien."

Besonders jetzt vor Weihnachten würden die Internet-Romeos und -Julias auf Hochtouren arbeiten. Tschorn glaubt: "Die hoffen auf gute Geschäfte, um ihren wirklichen Lieben was Hübsches zu kaufen." Auch Sabrina Hansens Facebook-Freund hat die Hoffnung trotz vorgetäuschter Beerdigung noch nicht aufgegeben. Vor kurzem traf wieder eine E-Mail von ihm ein.

Flirten im Internet kann teuer werden. Denn auch Betrüger tummeln sich im Netz. Eine Expertin gibt Tipps zur Prävention.

Betrüger gaukeln im Internet die große Liebe vor und bringen ihre Opfer dazu, große Summen zu überweisen. Viele Fälle des sogenannten Romance-Scammings landen auf dem Tisch von Heike Seitzer. Sie leitet in Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) die Kriminalinspektion 3 für Wirtschaftsdelikte und Korruption und bearbeitet Anzeigen gegen Liebesbetrüger. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur spricht sie über die Tricks der Betrüger.

Frage: Woran kann ich früh erkennen, dass ich mit einem Liebesbetrüger chatte?

Antwort: Misstrauisch werden sollte man, wenn sehr früh Liebesschwüre kommen und schon nach kurzer Bekanntschaft ein gemeinsames Leben in Aussicht gestellt wird. Zudem schreiben Täter meist in brüchigem Deutsch, weil sie ihre Sätze durch ein Online-Übersetzungsprogramm gejagt haben. Vereinbarte Treffen platzen, stattdessen kommen Geldforderungen. Ich rate dringend, nie Geld an Menschen zu überweisen oder zu übergeben, die man noch nie gesehen hat - egal wie gut die Begründung ist.

Frage: Oft klingen die Geschichten der Täter plausibel. Gibt es Möglichkeiten, ihre Lügen zu enttarnen?

Antwort: Die Täter versuchen, seriös aufzutreten. Bei Männern klopft oft die reizvoll gekleidete Ärztin aus Osteuropa an. Bei Frauen melden sich gern promovierte Geologen, Doktoren oder hochrangige Offiziere. Sie schicken attraktive Fotos von sich, die aber meistens von anderen Internetseiten gestohlen sind. Oft werden Bilder professioneller Models missbraucht. Es gibt Anti-Scamming-Foren, in denen man recherchieren kann, ob ein Bild schon mal im Zusammenhang mit Liebesbetrug verwendet wurde.

Frage: Viele Opfer verschulden sich. Was passiert, wenn kein Geld mehr zu holen ist?

Antwort: Dann wird manchmal versucht, sie als Geldwäscher zu gewinnen. In solchen Fällen bittet die Internet-Bekanntschaft darum, dass das Opfer das eigene Bankkonto zur Verfügung stellt, um Geldbeträge ins Ausland weiter zu überweisen. Auch hier wird wieder eine scheinbar plausible Begründung vorgeschoben, verbunden mit Liebesschwüren. Die Opfer kann das in ernste Schwierigkeiten bringen, denn sie machen sich damit strafbar.